Warum die Republik nicht reformierbar ist

23. August 2009 17:30

Über allem steht die Verluderung und Verlotterung der Politik selbst - Sie gehorcht nur noch Umfragen und Massen-Kommentatoren

Unter Österreichs politischen Kommentatoren gibt es einen Grundkonsens: Dieser Staat ist nicht reformierbar.

Nicht nur über die Ursachen ist man uneins, sondern auch über die Methoden, wie Veränderung instrumentierbar wäre. Weshalb immer wieder die Forderung nach einer Einführung des Mehrheitswahlrechts auftaucht - und Otto Normalverbraucher darunter das britische Wahlsystem versteht.

No chance. Denn dessen Einführung würde an den Grundfesten Österreichs rütteln und erhielte im Nationalrat nie und nimmer eine Zweidrittelmehrheit. Die Anhänger des Mehrheitssystems sollten daher für das französische System (das ungarische ist ähnlich) eintreten, weil es Machtwechsel erleichtert - und realisierbarer ist.

Die Gründe für die Erstarrung der staatlichen Institutionen liegen indessen tiefer.

1. Die Versteinerung des Föderalismus. Die These, er sei durch den EU-Beitritt geschwächt worden, ist falsch. Die Bundesländer haben zwar Kompetenzen verloren. In Wirklichkeit hat sich eine unsichtbare Abwehrfront gegen den neuen Zentralismus gebildet. Es arbeiten so viele gut ausgebildete und gut verdienende Menschen in den Parallelbehörden der Länder (siehe Schulen, siehe Krankenkassen, siehe Systemerhalter der Bauordnungen), dass Jobverlust und Kostenreduktionen die Landespolitik erschüttern würden. Jeder Partei, die das unterstützt, drohte eine Abwahl. Weshalb die Landeshauptleute Umbenennungen vorschlagen, "Bildungsdirektion" statt "Landesschulrat" kostet keine Posten, sondern nur Schilder und Briefpapier.

2. Die Instrumentalisierung der Parteien durch Machtinteressen. Die klassische Struktur der Volkspartei sollte in den 70er-Jahren durch eine über-bündische Mitgliedschaft ersetzt werden. Das ist gescheitert. Die alte Struktur hat sich von selbst modernisiert. Die Partei wird von Großunternehmern, dem Agrarsektor und dem Klüngel an der Spitze der Beamten- und Lehrergewerkschaft gesteuert. Wer soziale Positionen einfordert, wird sofort zurückgepfiffen (siehe die neue ÖAAB-Generalin Beatrix Karl), wer Kritik an zu hohen Einkommen als Manager-Ba-shing beklagt, wird unterstützt. In der SPÖ ist rhetorisch mehr soziales Bewusstsein unterwegs. Aber selbst das hat Grenzen, die durch den Boulevard gesetzt werden.

3. Die Schwächung und Missachtung des Staates. Weil Großunternehmer und Wirtschaftsliberale jahrelang wegen "Übersozialisierung" die Kürzung der Sozialbudgets verlangten und dann in der Krise nach Staatshilfen riefen, muss ihr Staatsverständnis hinterfragt werden. Solche Haltungen degradieren ihn zum Interessenstadel für Reiche und Mächtige. Die Staatsautorität indessen wird untergraben durch zunehmend feige Regierungspolitiker (siehe Ortstafeln) und eine die Gewaltenteilung schädigende Praxis von Teilen der Justiz und offenbar auch des Ministeriums selbst.

Über allem steht die Verluderung und Verlotterung der Politik selbst. Sie gehorcht nur noch Umfragen und Massen-Kommentatoren. Die Mutigen werden verdrängt.
(Gerfried Sperl, DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2009)

Kommentar posten
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Außerirdischer
25.08.2009 22:42
Mein zweiter Verdacht: Politiker sind gar nicht so mächtig, wie sie uns weismachen wollen!

Und deswegen können sie vieles gar nicht tun. Siehe USA und der x-te Versuch eine anständige Sozialversicherung für alle einführen zu wollen.

Außerirdischer
25.08.2009 22:37
''Warum die Republik nicht reformierbar ist'' . Ein Verdacht:

Die Quote als Zahl, eingebettet in ein Zahlenwerk und der Interpretation eines erfahrenen Menschen ist wahrscheinlich eine vernünftige Größe.

Die Quote als alleiniger Maßstab dürfte aber bei sehr vielen Menschen, die ihr unterworfen sind, Feigheit hervorrufen. Und wahrscheinlich bei einigen ''Aufrechten'' auch tiefe Ratlosigkeit.

robert kock
25.08.2009 08:19

Herr Sperl, Österreich liegt im Koma und Sie verlangen, dass man die intensivmedinzinischen Maßnahmen einstellt! Das Land lebt davon!

Franz Klug
24.08.2009 20:05
Verluderung des politischen Kommentars

Seit Jahren betreibt der politsche Kommentar ein undifferenziertes Parteien- und Föderalismusbashing und versteckt hinter seinem Reformgeschrei den Ruf nach Demokratieabbau. Die Forderung nach Abschaffung der Länder und die Einführung des Mehrheitswahlrechts bringen weniger Demokratie. Statt nun ehrlich und offen zuzugeben, dass man diesen Demokratieabbau will, wird verbrämt von notwendigen Reformen gesprochen. Statt sich für das Schweizer Modell mit mehr direkter Demokratie einzusetzen, wird nach Mutigen gerufen und medial werden die mutigen Hans Peter Martin und Fritz Dinkhauser angefeuert. Dass hier nun bei dieser schon seit langem zu beobachtenden Verluderung des politischen Kommentars auch Gerfried Sperl mitmacht verwundert.

Toni Blaher
 
25.08.2009 08:08

Von welchem Bashing reden Sie bitte? Es ist ein Faktum, dass das Föderalismussystem ein Sauhaufen ist. 10 Mal die gleiche Verwaltung mit 3 Stellvertretern bei jedem höheren Posten. Nur damit der Proporz und die Koruption befriedigt werden. Für was muss das Klo in Wien ander gebaut sein als das in Tirol? Und welcher Demokratiemehrgewinn bitte? Das man keine Ortstafeln aufstellt in dem man einfach Verbrechen erlaubt? Ich wüsste keine einzige Sache was am Föd. demokratisch sein soll. Außer das man den König der Deppen erwählen darf. Und dann so ein paar Kommentare von hinten mit HPM und so. Und direkte Demokratie ist etwas komplett anderes als der Liliputföderalismus in Österreich

Franz Klug
25.08.2009 11:33
Die guten Seiten des Föderalismus werden verschwiegen

Das Föderalismusbahing passiert folgendermaßen:
1.) Reduktion der Diskussion auf Verwaltung,
2.)verschweigen der politischen Dimension, der Mitbestimmung über die Abgeordneten in den Landtagen, Budget u.a.
3.) anprangern von Großprojekten als Denkmäler der Landesfürsten,verschweigen der positiven Beispiele

Mit dem Fürstenbashing kann man alle großen und guten Kunstprojekte wie z.B. KUB-Kunsthaus Bregenz, Kunsthaus Graz, ARS Electronica Center Linz, als unnötige Veschwendung von Steuermittel denunzieren. Diese Anti Föderalismuskommentare verschweigen alle, dass wir eben auf Grund des Kulturföderalismus, weltweit die höchste Dichte an Kultureinrichtungen haben.
Aber ich sehe schon, sie haben da eine andere Weltanschauung!

Toni Blaher
 
25.08.2009 13:55

1. Es keine Verwaltung sondern Mehrverwaltung.
2. Budgetbestimmung? ROFL! So einen Schwachsinn haben ich ja selten gelesen. Was soll man bitte an Verwaltung anders machen? Hauptschulen usw. müssen stehen nach dem Bundesgesetz.
3. Welches Großprojekt von einem Land war bis jetzt pos. das nicht auch Zentral gestaltet werden kann? Gerade Großprojekte wären 100 Mal sinnvoller wenn man sie zentral plant.

4. Nein, ich gebe es auf. Das Geld ist auch ohne die Länder für Kunstförderung da. Sogar viel viel viel viel viel mehr. Mal davon abgesehen sind solche Sache entweder auf Bundesebene oder auf Gemeindeebne am besten aufgehoben.

rätätä, rätätä ...
24.08.2009 21:28

Is das eine bezahlte Werbeeinschaltung meiner Landes-ÖVP?

Ich versteh nicht ganz warum es Demokratieabbau sein soll, wenn der Gartenzwerg aus Oberösterreich eine andere Landesgesetzgebung hat als der Gartenzwerg aus Niederösterreich.

Und ich sehe auch nicht ein, warum unsere Steuergelder u.a. dafür verpulvert werden, eitle Landesfürsten und deren politische Günstlinge durchzufüttern. Die sich dann und wann teils polternd-rüpelhaft zum politischen Tagesgeschehen äussern und ansonsten alles tun, um den Status Quo in Österreich zu zementieren.

Franz Klug
24.08.2009 23:09
Sie sind auch ein Opfer der Verluderung des politischen Diskurses

Ich weiß nicht welchen Demokratiebegriff Sie haben. Wenn die Länder abgeschafft werden fällt eine ganze Ebene der politischen Diskussion, Vertretung und Mitentscheidung weg. Der Einzug einer ganzen politischen Vertretungsebene ist klar Demokratieabbau, wenn man unter Demokratie eine starke Mitbestimmung für alle gesellschaftlichen Bereiche versteht.
Sie sind auch ein gutes Beispiel für die Wirkung des verluderten politischen Diskurses. Zuerst machen die Medien die Landeshauptleute stark, indem sie der Opposition viel zu wenig Platz geben und immer nur groß von den Häuptlingen berichten. Dann schreiben die gleichen Medien von den bösen zementierenden Landesfürsten. Und Sie übernehmen diese Position.

Toni Blaher
 
25.08.2009 08:09

Welche Mitentscheidung haben die Länder?
Verwaltungs bla bla bla ja. Aber da ist es scheiß egal was Sie wählen.
VP-Heini

Franz Klug
25.08.2009 10:18
Kultur, Grundverkehr, Raumordnung, Naturschutz u.a.

Ich war 10 Jahre für die Grünen im Tiroler Landtag. Als Föderalist bin ich der Meinung, dass viel mehr Kompetenzen vom Bund an die Länder sollten. Ich hätte gern für die Tirol ähnliche Rechte, wie Schweizer Kantone bzw. Südtirol und bin für viel mehr direkte Demokratie. Außerdem wird im Landtag nicht nur über Gesetze beraten, sondern auch das Landesbudget, für Tirol 2,5 Milliarden, beschlossen. Es werden auch gute Sachen gefördert und manchmal gibt es spannende politische Willensbildungen. (Transitverkehr u.a.) Natürlich gehört viel verbessert, Stärkung der Oppostionsrechte, öffentliche Übertragung der Sitzungen ua., aber Ihre pauschale Ablehnung der Länder zeigt, dass das Gift der verluderten Föderalismuskommentare sehr gut wirkt.

Toni Blaher
 
25.08.2009 14:10

Sie sind hier der hier verludert. Sie haben bis jetzt keinen einzigen Punkt genannt pro Länder. Nur weil man da Geld vom einen Sack in den anderen Sack steckt und dabei einen Haufen verliert hat man keinen Vorteil. Mit direkter Demokratie hat das ganze nix zu tun. Falls man das haben will muss man sowieso die ganze Verfassung stanzen und neu schreiben. Direkte Demokratie ala Schweiz sehr gerne! Aber da muss man sowieso alles von Grund auf neu machen und das hat mit unseren Ländern genau gar nichts zu tun.
Achja, Naturschutz: Soll man jetzt in OÖ den Sondermüll in die Donaukippen und in NÖ nicht? Was ist das bitte für ein hirnrissiges Argument. Selbes für Kultur usw.

mikromalist
 
24.08.2009 16:54
Im Aufschwung und in der Krise

gibt es einen Gewinner, den öffentlichen Sektor.
Er hat sich, im Stillen, eine einträgliche Nische geschaffen und spielt, virtuos, das Sozialsystem gegen das Wirtschaftssystem aus.
Die Konservativen werden dabei unterstützt den Markt zur Akkumulation von Kapital auszuschalten und der Glauben der Retrolinken, Staat müsse zur Wirksamkeit fett sein, wird so heftig geschürt, dass auch diese den Markt ausschalten.
Jene, die das Gelds verdienen, aus welchem sich der öffentliche Sektor prächtig ernährt, haben den Überblicke verloren, weil beim Buckeln die Welt eben anders aussieht.
Gerne nehmen sie die Almosen, welche von dem übrig bleiben, was sie einzahlen.

Armin Delacher
24.08.2009 16:28
erstens - ist sie´s schon (reformierbar)

und 2. ist diese umfassende reform keine option sondern eine notwendigkeit.

die akteure, das wissen, die bereitschaft und der wille zu agieren sind vorhanden - das werkzeug (gleichzeitig versicherung gegen die perversionen und entgleisungen des aktuellen kleptokratisch, neofeudalen ständestaates) ist basisdemokratie.

es gibt sie - und sie sind bereit.

was noch fehlt sind vernetzung, erfahrung in der basisdemokratischen arbeit und selbstbewußtsein der konstruktiven kräfte dieses landes.
was noch fehlt ist die entscheidung ob reform über die instanzen (parteien, verbände, gremien ...) oder als neuen weg.

O5

Hansi müller3
24.08.2009 15:48
Wenn es immer mehr Mindestlöhner (Zeitarbeiter) gibt

und die Industrie nur mehr in China stattfindet, dann wird dieser Staat ganz schnell unfinanzierbar sein.

Dann werden auch die heutigen Beamten dumm schauen, denn ihre horrenden Pensionen werden dann schnell auf Mindestniveau sinken, weil 700-1000 Euro Sklaven können diese nicht erwirtschaften.

Gerald Nessmann
24.08.2009 14:09

Eine Direktwahl der Abgeordneten durch genau definierte Wahlkreise waere ein Schritt der leicht gemacht werden koennte.

Ein weiterer waere die Gruendung einer Konservativen Partei - denn, obwohl der Verfasser des Artikels meint, die OVP sei eine solche Partei, sehe ich da eher wenig davon. Eine konservative Partei meiner Vorstellung wuerde sich fuer weniger Staat (=Staatsanteil am BIP) einsetzen und die 'Macht' wieder dem eigentlichen 'Machthaber', naemlich den Buergern zurueckgeben.

Kehr Henk
24.08.2009 13:50
keine Reformen weil

warum haben unsere politiker soviel angst echte strukturreformen umzusetzen? Die Mehrheit der Bevölkerung (ASVG, EPUs, Gewerbetreibende) wären ja gar nicht davon betroffen.
Betroffen wäre ja hauptsächlich der staatliche und staatsnahe Sektor (Behörden, Gemeinden, Krankenkassen, ÖBB, usw.), wo ja eine Minderheit, eine privilegierte Minderheit die was zu befürchten hätte, arbeitet.
Es liegt eher daran, dass genau dieser Sektor den meisten EInfluss auf die Politik hat (Verhaberung, Freunderwirtschaft, Proporzwirtschaft) und ein Teil der Politik ist. ÖVP und SPÖ werden daher nie was ändern.
Jörg Haider wäre vielleicht der einzige gewesen, der daran etwas ändern hätte können, ist aber letztlich auch gescheitert und hat sich arrangiert.

Urfahraner Auge
24.08.2009 13:28
Schweizer System

Ich will mehr direkte Demokratie und das schweizer System statt des britischen oder französischen.

fred h
24.08.2009 13:12
da ist nichtsmehr reformierbar

gehirnkranke,die sich auf kosten anderer superteure arschkarossen kaufen,weil sie zu deppert sin um zu fuß zu gehn (hamm eh 20 leibwächter um sich,wofür,fragt man sich ja)

oder...

oder...
oder....

es fehlen einfach die worte....

und jede woche zig milliarden brauchen

um durchzukommen


DAS sind eure "volksvertreter"


klar,daß der standard (rotgesteuert) das sofort rauszensuriert


anonym92
24.08.2009 13:46

...der standard (rotgesteuert) das sofort rauszensuriert...

Verschonens uns bitte mit ihren Verschwörungstheorien - Zensur, blabla ... das ist ja peinlich.

Der Boss der Bosse
24.08.2009 12:36
Oh doch, die Föderalismus-Bürokratie wäre ganz einfach einzusparen.

Nämlich: Gehälter weiterzahlen, aber Behörden schließen.
Was man sich erspart: Kosten für die Infrastruktur (Strom, Mieten, Gebäudeerhaltung usw); Geld für Prestigeprojekte, mit denen sich Bürokraten gerne wichtigmachen; diverses Kleinzeugs (Kantinen, Remunerationen usw).
Diese Leute auf Staatskosten weiter zu bezahlen wäre immer noch billiger als das Fortbestehen des sinnlos aufgeblähnten Föderalismus, der Österreich in den Abgrund reißen wird. Auch schon der 1. WK wurde von österreichischen Bürokraten angezettelt, obwohl das Heer in einem mittelmäßig bis schlechten Zustand war - das Ergebnis ist bekannt. Denn Bürokraten leben in ihrer eigenen kleinen Kunstwelt. Ohne jegliches Verantwortungsgefühl, außer sich selbst gegenüber.

Cote 304
24.08.2009 12:20
Grokolianismus

Was soll schon herauskommen wenn zwei fast gleich große Parteien mit genau gegenteiligen Weltanschauungen gemeinsam regieren?

rätätä, rätätä ...
24.08.2009 12:46
Die sozialistische Einheitspartei, kurz: SEP

Stabilo13
24.08.2009 13:27

naja, der name ist ja nicht schlecht, aber was diese beiden gemeinsam zusammen bringen ist eher das gegenteil von sozialismus ;)

rätätä, rätätä ...
24.08.2009 14:20

Der Ansicht bin ich nicht. Sie bedienen ihre jeweilige Klientel und züchten ein dummes gehorsames Volk heran, dem jede Eigeninitiative oder Eigenverantwortung fehlt und das nur noch gewohnt ist die Hand aufzuhalten.

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