Krieg der Worte zwischen Ungarn und Slowakei

23. August 2009, 18:13
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Ungarischer Außenminister: Slowakei habe das "internationale Recht auf den Kopf gestellt" - Slowakischer Amtskollege: Ungarn werfe "Dreck auf die Slowakei"

Seit die Slowakei in einer beispiellosen Aktion Ungarns Staatschef László Sólyom die Einreise verwehrte, gehen die Wogen zwischen den beiden Staaten hoch. Die Nationalisten sind in Stellung. 2010 könnte es schlimmer kommen.

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Die ungarischen Rechtsextremen waren wieder die Schnellsten. Schon am Vormittag standen sie da auf der Elisabeth-Brücke, die Komárom mit Komárno und Ungarn mit der Slowakei verbindet. Sie hatten ihre Fahnen und ihre antislowakischen Botschaften mitgebracht. "Dieses Auto ist älter als die Slowakei" , schrieben sie auf einen weißen Golf. Zwei Auflagen erteilte ihnen die Polizei für den Protest: Die Zufahrt zum Supermarkt Tesco am Brückenbeginn sollte offen bleiben. Das war fürs Geschäft. Und sie sollten eine Fahrspur für den Grenzverkehr freihalten. Das war für die Slowaken. Dabei hätte wohl so mancher Politiker in Budapest und Bratislava die Brücke über die Donau am liebsten überhaupt abgetragen.

Die Beziehungen zwischen der Slowakei und Ungarn sind an einem Tiefpunkt angelangt, nachdem die Regierung in Bratislava Ungarns Staatschef László Sólyom in einer für zwei EU-Staaten beispiellosen Geste die Einreise untersagt hatte. Sólyom wollte am Freitag zur Einweihung einer Statue des ungarischen Königs Stephan nach Komárno reisen. Er musste an der Grenze kehrtmachen.

Da steht sie nun, die 1,5 Tonnen schwere Bronzeskulptur, flankiert von einer Döner-Bude, einer Bank und dem trostlosen Hotel Europa. Da ist nichts, was die Aufregung erklären könnte.

Der Statuenstreit ist ein Paradebeispiel dafür, wie heikel Nationalitätenfragen in Europa noch heute werden können. Und dafür, wie sehr die unbedeutendste Handlung als politische Kampfansage gedeutet werden kann, wenn das Klima einmal erhitzt ist.

Nicht von erhitztem Klima, sondern von gewalttätigen Assimilationsversuchen der Slowaken spricht Nándor Litomericzky. Er war Bauleiter beim Statuenprojekt. Der ungarische Slowake kämpft aber auch seit Jahren für die "Erhaltung des Ungarntums" in der Region. Mehr als 500.000 Menschen zählen in der Slowakei zur ungarischen Minderheit, in Komárno machen die slowakischen Ungarn sogar zwei Drittel der Bevölkerung aus.

Trotzdem sieht Litomericzky ihre Identität gefährdet. "Der slowakische Staat betreibt eine Nationalisierungspolitik" , sagt er. Seitdem die slowakische Nationalpartei (SNS) in Bratislava mitregiere, verschlechtere sich die Stimmung. Besonders erzürnt hat ihn das neue Sprachgesetz, das den Gebrauch des Ungarischen reglementiert. So müssen nun Texte auf historischen Gedenktafeln zuerst slowakisch verfasst sein.

Im Gegensatz zu Litomericzky betonen die anderen Bewohner Komárnos gleich zu Beginn, dass die Beziehungen zwischen Ungarn und Slowaken sehr gut sind und sich Konflikte nur auf die politische Ebene beschränken. Dabei leben die Slowaken und ihre ungarischen Nachbarn nicht immer in derselben Welt. Sprachlich bedingt sind viele Ungarn Richtung Budapest gewandt. Fürs Kino fahren sie aus Komárno nach Ungarn hinüber. Sie lesen ungarische Zeitungen, schauen ungarisches Fernsehen. Und die Bewohner berichten inzwischen von einigen kleinen Kränkungen.

Ondrej Gajdác, der slowakische Gymnasialdirektor etwa. Auch er kennt eine Statuengeschichte: In der Stadt stehe ein Bildnis der christlichen Missionare Kyrill und Method, die von vielen Slowaken verehrt werden. Die Vertreter der ungarischen Minderheit versuchten immer wieder die Statue loszuwerden. Gajdác sagt auch, dass viele Ungarn nicht besonders gut Slowakisch sprechen. Die Ungarn haben in der Slowakei ihre eigenen Schulen, an denen Slowakisch "nur" als eine Fremdsprache unterrichtet wird. "Manchmal fühle ich mich, als gehörte ich zu einer Minderheit " , sagt der Slowake Gajdác. Wobei auch er seine vielen ungarischen Freunde erwähnt und betont, dass fernab der Politik alles gut laufe.

Diese Politik repräsentiert Tibor Bastrnák. Der ungarischsprachige Bürgermeister war so etwas wie das Epizentrum der Staatskrise. Er hat den Auftrag für die Errichtung der Statue gegeben, er war für die Einladung Sólyoms verantwortlich. Noch immer läutet sein Handy im Minutentakt. Bastrnák kommt in kurzer Hose und Sandalen, er entschuldigt sich, er war bei der Familie. "Ich bereue nichts", sagt er. Die ungarischen Gemeinden in der Slowakei stellen zur Zierde gerne ihre Nationalhelden auf, das soll der Identitätserhaltung dienen. Auch in Komárno stehen schon einige ungarischen Könige herum, Bastrnák wollte eine weitere hinzufügen. "Niemals hätte ich mir gedacht, dass es diesen Ärger gibt."

Für die Finanzierung der Statue nahm die Stadt Spenden entgegen, auch Sólyom gab Geld und sei daher eingeladen worden. Was die Slowaken erzürnte, war vor allem, dass Bastrnák keinen slowakischen Politiker eingeladen hat. "Eingeladen waren aber nur die Unterstützer des Werkes" , sagt der Bürgermeister. Außerdem hätte ihm das Außenministerium in Budapest versichert, dass, wenn jemand den slowakischen Staatschef Ivan Gašparoviè einladen müsste, das Sólyom-Büro verantwortlich sei.

Die politischen Streitereien haben die Menschen nicht aufgehetzt, sagt Bastrnák, aber er fürchtet Schlimmes: Im kommenden Jahr sind in Ungarn und in der Slowakei Wahlen. Viel Platz für die Scharfmacher also, die auf der Brücke stehen. Und auch Baumeister Litomericzky hat ein neues Statuenprojekt für 2010. Sólyom will er wieder einladen. (András Szigetvari aus Komárno/Komárom/DER STANDARD, Printausgabe, 24.8.2009)

  • An der Grenze: "Ich bin älter als die Slowakei" , schreiben ungarische Nationalisten. Laut Baujahr war das Unfug.
    foto: szigetvari

    An der Grenze: "Ich bin älter als die Slowakei" , schreiben ungarische Nationalisten. Laut Baujahr war das Unfug.

  • Die Statue des Anstoßes: der ungarische König Stephan im slowakischen Komárno. Ungarns Staatschef spendete für den Statuenbau.
    foto: szigetvari

    Die Statue des Anstoßes: der ungarische König Stephan im slowakischen Komárno. Ungarns Staatschef spendete für den Statuenbau.

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    Der slowakische Premier Robert Fico verhinderte Sólyoms Einreise am Freitag.

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    Ungarns Präsident László Sólyom unterstützt die Auslandsungarn gern medienwirksam.

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