Die Ferien der Enkel des Monsieur Hulot

21. August 2009 18:56

Ferienzeit ist auch Lernzeit, etwa an den beliebten Kinderuniversitäten: Wertvolle Bildungsangebote wie diese stehen allerdings nur einkommensstarken Familien offen - Von Karl Heinz Gruber

Gleichzeitig mit dem alljährlichen Massenexodus der Pariser in die Sommerferien ist in den Kinos die digital restaurierte Version des Ferienfilms schlechthin, Jacques Tatis Die Ferien des Monsieur Hulot, angelaufen. In Tatis Filmklassiker aus dem Jahr 1953 besteht die Ferienausrüstung der Kinder aus Schmetterlingsnetzen, Schwimmreifen und Bällen. Im Sommer 2009 haben viele französische Kinder noch etwas anderes im Urlaubsgepäck: "cahiers de vacances".

In diesen "Ferienheften", die man zu Ferienbeginn in mächtigen Stapeln in allen französischen Buchhandlungen und selbst an Supermarket-Kassen findet, ist der Lernstoff des absolvierten Schuljahres für die sommerliche Wiederholung aufbereitet. Mit Comicfiguren, Witzen, Rätseln etc. attraktiv gestaltet, gehen diese Lernbehelfe weg wie warme Semmeln (okay, wie frische Baguettes).

Auch in bildungsbewussten österreichischen Familien müssen die Ferien ihren Beitrag zu dem leisten, was Bildungssoziologen "concerted cultivation" nennt: zur sorgfältig arrangierten "Kultivierung" des außerschulischen Aufwachsens.

In der pädagogischen Folklore galten und gelten die Sommerferien als Phase glücklicher, selbstbestimmter Muße - zum Baumeln mit der Seele, zum Wiederaufladen der Batterien, verknüpft mit der unausgesprochenen Erwartung, den Stress des Schuljahres abzubauen und die Vorstellung eines im Herbst beginnenden neuen Schuljahres erträglich zu machen.

In der gesellschaftlichen Wirklichkeit sind die Sommerferien jedoch wie so viele andere soziale Phänomene geprägt von schichtspezifischen Kulturen und von der finanziellen und personellen Situation der Familien, z. B. einkommenschwache Alleinerzieherinnen, Familien mit zwei berufstätigen Eltern oder einem gutverdienenden Akademiker mit einer Ehefrau, die Zeit für die "Optimierung" der Freizeit ihrer Sprösslinge hat. Während "working class kids" in den Ferien tatsächlich oft "nichts" zu tun haben und ihnen die Zeit lang wird, bemühen sich Mittel- und Oberschichtfamilien um "competitive advantage" für ihren Nachwuchs, d. h. um die für schulisches Fortkommen zuträgliche Anreicherung des Sommers.

Malcolm Gladwell präsentiert in seinem neuen Buch Outliers: The Story of Success, in dem er sich mit den Voraussetzungen und Umständen erfolgreicher beruflicher Karrieren beschäftigt, einen alarmierenden bildungssoziologischen Forschungsbefund: Die Lesefähigkeit von Unterschichtkindern nimmt über die Ferien ab, Mittelschichtkinder verzeichnen einen deutlichen Lernzuwachs.

Das sichtbarste Beispiel für das Bemühen von "bildungsnahen" (Mittelschicht-)Eltern, ihren Sprösslingen ein Stück Extraförderung zu verschaffen, ist der massive Andrang zu den sogenannten Kinderuniversitäten. An zwölf österreichischen Universitäten bieten Hochschullehrer Ferienkurse für Sieben- bis Zwölfjährige zu Themen wie explodierende Sterne, die Chemie beim Eierkochen oder giftige Tiere an. Im heurigen Juli schwärmten 3900 Kids in lila T-Shirts zwei Wochen lang durch die Wiener Universität.
Kulturelles Kapital

Dass es sich bei diesen Kindern weder um eine Auslese nach Interesse und Begabung und erst recht nicht um eine Zufallsstichprobe der Wiener Schülerschaft handelt, ergibt sich aus dem Anmeldeverfahren und aus der erforderlichen Unterstützung durch einen Erwachsenen. Wissenschaftsminister Hahn erklärte anlässlich einer Bilanz der Kinderuniversität, dass diese "praktisch schon zum Zeitpunkt der Anmeldung so gut wie ausgebucht war".

Um Kinder-Student zu werden muss man Eltern mit "kulturellem Kapital" haben, d. h., die über den "Wissensvorsprung", die für die Anmeldung erforderlichen Computerskills und zudem über die Zeit verfügen, um die Knirpse am Campus von Hörsaal zu Hörsaal zu begleiten. Bedeutsamer als die Inhalte der Vorträge, kindgerecht und interessant, wie sie sein mögen, dürfte der Umstand sein, dass diese Erfahrungen das Selbstbewusstsein der beteiligten Kinder stärken und einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur späteren Studiermotivation leisten.

Und hier ergibt sich für die Organisatoren der Kinderuniversitäten ein Problem: Nolens volens vergrößert dieses öffentlich finanzierte Ferienprogramm die bestehende soziale Segregation der Bildungswege. Sollten die Kinderuniversitäten einen Beitrag zu Fairness und Chancengleichheit leisten, müsste man überlegen, die gegenwärtige Rekrutierung der Kinder auf der Basis elterlicher Ambitionen durch ein Losverfahren unter Einbindung der Schulen zu ersetzen.

Abgesehen von den Bemühungen der Universitäten, ihr traditionelles Image als gesellschaftsferne "elfenbeinerne Türme" zumindest für zwei Sommerwochen loszuwerden, gibt es ein vielfältiges Angebot an Ferienbeschäftigungen, die über das stundenlange wort-lose Spielen mit Playstations und Gameboys oder die Lektüre von Harry Potter hinausgehen. Wie Wien mit seinem "Ferienspiel" versuchen mehrere Städte, die acht Sommerwochen durch kreativitätsfördernde Workshops, Museumsbesuche und heimatkundliche Exkursionen kurzweiliger zu machen. Eltern, denen dies nicht genug schulisch relevanten Mehrwert bietet, steht ein florierender Markt offen.

Bezeugen die Zunahme der ferialen Lernangebote und die von Gladwell präsentierten Daten zum sommerlichen Lernverlust von Unterschichtkindern, dass die Sommerferien zu lang sind? Bei der Debatte über eine Verkürzung der Sommerferien, die heuer zum Schulschlusses geführt wurde, dominierte die Frage, ob diese a) der Lehrergewerkschaft und b) der österreichischen Fremdenverkehrswirtschaft zugemutet werden kann. Notwendig wäre jedoch eine sorgfältige Balance zwischen den altersadäquaten Erholungsbedürfnissen junger Menschen und der Ermöglichung eines "natürlichen" Lernzuwachses auch im Sommer.

Man könnte sich an England orientieren, wo "half-term"-Ferien in der Trimestermitte für eine lernpsychologisch wohlfundierte Strukturierung des Schuljahres sorgen. Der Vorschlag, die Sommerferien von acht auf sechs Wochen zu reduzieren und jeweils eine Woche Frühlings- und Herbstferien einzuführen, verdient ebenso ernsthafte, sorgfältige Erwägung wie die Frage, ob und wie Schulen als kostspielige öffentliche Ressourcen auch im Sommer genutzt werden können.

In Frankreich scheint man übrigens der Meinung zu sein, dass selbst bei den ganz kleinen Kindern die Lernbereitschaft im Sommer nicht brachliegen soll. "Cahiers de vancances" gibt es bereits für drei- bis vierjährige Vorschulkinder ... (Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.8. 2009)

Zur Person

Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien.

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    14 Postings
    Audio Video Pirate
    26.08.2009 16:43

    Wertvolle Bildungsangebote sollen auch nur einkommensstarken Familien offenstehen, denn deren Eltern haben gezeigt dass sie das nötige Wissen bereits erworben haben und auch in der Lage sind durch ihr Einkommen hohe Steuern zu zahlen.

    Lucasz
    23.08.2009 10:50
    "Um Kinder-Student zu werden muss man Eltern mit "kulturellem Kapital" haben, d. h., die über den "Wissensvorsprung", die für die Anmeldung erforderlichen Computerskills"

    Wow... Computerskills! Ist ja geradezu unschaffbar

    mikon K.
    23.08.2009 03:07
    sommer in der schule

    unsere schulen haben KEINE klimaanlagen! das heißt ab mai - spätestens im juni - temperaturen von über 30 grad in den klassenzimmern (edv-säle oft über 35 grad).
    große fensterflächen, aber keine thermofesnster (kinder die in der nähe der fenster sitzen, brauchen sonnschutzmittel).
    konzentriertes arbeiten ist unter diesen bedingungen unmöglich!

    king camilla
    23.08.2009 15:49
    100 Punkte für das originellste Argument

    Für die übertrieben lange Schließung der Schulen im Sommer. Ist Ihnen schon einmal die Idee gekommen, dass es in diesem Land auch noch andere Menschen gibt, deren Arbeitsplätze keine Klimaanlage aufweisen (Hoffentlich bleibt das auch so, denn alles andere wäre klimapolitischer Wahnsinn)? Sollten wir dann nicht auch Postämter, Krankenhäuser, Amtsstuben etc. etc. neun Wochen im Sommer schließen, damit die dort Arbeitenden und ihre Klientel nicht unnötig schwitzen müssen? Oder eher 12 Wochen?

    Poldi Fesch
    30.08.2009 12:32
    :)) 3 Paar Schuhe

    die Sommerferien sind keinesfalls uebertrieben lang, warum auch
    Richtig ist, man sollte nicht ueberall Klimaanlagen einbauen, dann aber muesste man aber wieder hitzdaemmend bauen, mit entsprechend kleinen Fenstern

    barbarutta
    29.08.2009 17:27

    krankenhäuser sind meist klimatisiert.

    tatsache ist, dass die leistung bei temperaturen um 26, 28 grad stark absinkt - bis um die hälfte. kinder sind zudem sicher hitzeempfindlicher als erwachsene.

    en.wikipedia.org/wiki/Groupthink
    22.08.2009 22:39

    eure zensur mag zwar ein paar lämmchen vor bösen gedanken bewahren, sie wird aber nicht euch vor dem ideologischen untergang bewahren. das volk hat euch und eure selbstgefälligkeit nämlich satt. arschlöcher wie du gehören entlassen und mit dem nassen fetzen aus der stadt gejagt.

    Der Seher
    22.08.2009 18:19
    themaverfehlung

    bildungspolitik in österreich:
    seit jahrzehnten soll die schule für den beruf AUSbilden. bildung wird als gefährlich empfunden - da könnten die menschen selber zu denken beginnen.

    wie oft muss es noch gesagt werden: Ausbildung ist nicht gleich bildung. manchmal das gegenteil.

    wenn dieser brocken klar ist, dann schrauben wir auch an ferienzeitn und lehrergewerkschaftsvorstellungen.

    joey .at
    21.08.2009 22:59
    geh bitte, ...

    österreichs kinder haben ein RECHT darauf zu VERGESSEN!!!

    drum können doch die ferien auch gar nicht lang genug dauern! und jene, welche am meisten in den ferien immer wieder vergessen haben, werden dann führende persönlichkeiten im bildungswesen!

    auf dass auf das recht auf das vergessen nicht vergessen werde!

    Der Seher
    22.08.2009 18:16
    sie haben sogar die PFLICHT zu vergessen!

    und flicht ist bei uns immer hoch um kurs.

    Einst Erwin, jetzt wieder Hund...
    21.08.2009 22:22
    Danke, der Artikel war grad gut genug

    mich zum terroristisch, branschatzsräuberischen, piratischen Downloaden einiger Tati Filme anzuregen. Es lohnt sich!

    au weia,
    21.08.2009 19:09
    Um Gottes Willen Herr Gruber,

    ich habe ernste Sorge um ihr Seelenheil verwenden sie doch Ausdrücke wie "lernpsychologisch fundiert" "orientieren" "sorgfältig" und das im Zusammenhang mit schulischen Belangen! In Österreich!

    Nehmen sie ein Parteibuch und tun sie Buße!

    positivist1
     
    22.08.2009 07:53
    Meckern kann man immer, den Wunsch dazu vorausgesetzt

    aber der Artikel ist gut geschrieben und zeigt eine existierende Porblematik auf.

    au weia,
    22.08.2009 19:26

    Ja, und er reiht sich in eine grosse Zahl überlegter und hervorragender Artikel ein.

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