Alle Chargen eines grausamen Theaters

21. August 2009, 18:50
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"Die historische Sammlung des Instituts für gerichtliche Medizin der Universität Wien" von Ernst Hausner

Was Menschen einander antun, gehört, sobald es gerichtsnotorisch wird, in den Bereich der entsprechenden Medizin. Ärzte untersuchen seit gut 500 Jahren die körperlichen Auswirkungen von Gewalt gegen andere und gegen sich selbst; die Wurzeln der Forensik gehen noch viel weiter, bis in biblische Vorzeiten, zurück. In Wien begann die Gerichtsmedizin um 1860 mit der systematischen Sammlung von einschlägigen (das Wort bekommt hier einen ungewollten Nebensinn) Präparaten, sie zeigen, meist in Spiritus konserviert, Deformationen aller Art.

Ein "Theater der Grausamkeit" nannte Gerhard Roth vor kurzem im ALBUM die Historische Sammlung des Instituts für gerichtliche Medizin der Universität Wien und schrieb über sie in seinem neuen Buch "Die Stadt". Unter obigem Titel hat Ernst Hausner ein Buch - im Format einer Vinyl-LP - produziert, das man gerne Prachtband nennen würde, wäre der bildliche Teil nicht so beklemmend. Hausner, der zugleich als Fotograf, Autor, Gestalter und Verleger tätig ist, stellt lakonisch und genau das "Theater", die Bestände in der Wiener Sensengasse 2, vor. Manches mag als Publikumsattraktion taugen, etwa unter den Tatwaffen die Feile, mit der Luccheni die Kaiserin Elisabeth erdolchte. Das meiste aber breitet schonungslos alles aus, wofür wir meist einen Schauer empfinden, gemischt aus Abscheu und der Lust, "dennoch" einen Blick zu riskieren.

Die Wiener Sammlung genießt einen hohen internationalen Ruf, und Hausner hat sich nach eigenen Angaben ohne Förderer oder fixe Abnehmer die enorme Arbeit angetan: "Autarkie durch Bedürfnislosigkeit", weil er eben alles selber macht. Das Kapitel über Geschichte und Leiter des Instituts hört 2001 auf - dass die Buchproduktion nicht ohne Probleme war, geht aus folgender ungewöhnlicher Widmung hervor: "Zuletzt danke ich auch jenen, die in Be- und Verhinderung eine Aufgabe sahen, denn sie haben mich in dem Vorhaben bestärkt, dieses Werk (...) fertigzustellen." Was immer hinter den Kulissen vorging, der Leser hat ein eklatantes, aufregendes Beispiel vor sich, warum Wien als Museumsstadt immer noch zu entdecken ist. (Michael Freund/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. 8. 2009)

Ernst Hausner, "Die historische Sammlung des Instituts für gerichtliche Medizin der Universität Wien". € 85 / 184 Seiten. Edition Hausner, Wien 2008

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