"Das Trauma ist zäh und sitzt tief"

21. August 2009, 18:39
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Der Hitler-Stalin-Pakt steht für brutale Großmachtpolitik auf dem Rücken Kleinerer: Deshalb wirkt das Trauma in Ostmitteleuropa bis heute so stark nach, sagt der Historiker Werner Benecke

Standard: Der Hitler-Stalin-Pakt war vor allem für gläubige Kommunisten ein Schock: Stalin paktierte mit dem ideologischen Erzfeind. Hatte der Pakt aber nicht trotzdem neben der taktischen auch seine innere Logik: Hier verständigten sich zwei Diktatoren, denen zur Absicherung und Ausweitung der Macht alle Mittel recht waren?

Benecke: In der Tat. Das plötzliche Hintanstellen aller ideologischen Momente konnten nur Diktatoren zuwege bringen, für die eine kritische öffentliche Meinung nicht existierte. Was in kürzester Frist im August 1939 ausgehandelt wurde, interpretiere ich als rücksichtslose Großmachtpolitik, die aus sowjetischer Sicht auch andere Optionen hatte. Sie wählte kalt und nüchtern die interessanteste aus.

Standard: Gibt es eine moralische Mitverantwortung der Westmächte für den Hitler-Stalin-Pakt?

Benecke: Dass die Westmächte beide Diktatoren praktisch in den Pakt hineingedrängt hätten - dieser Theorie kann man nicht zustimmen. Die Westmächte betrieben ja eine Politik, in der sie in gemäßigtem Ausmaß auf beide zugingen, auch auf die Sowjets. Wobei sie allerdings bereit waren, über ganz zentrale Sicherheitsinteressen der ostmitteleuropäischen Partner, namentlich Polens, hinwegzugehen.

Standard: Im Juli 1939 gestanden die Westmächte ja der Sowjetunion zu, nach eigenem Ermessen die Sicherheit zahlreicher Klein- und Mittelstaaten von der Ostsee bis zum Balkan zu garantieren. Leitet Russland daraus bis heute gewisse Vorrechte bei der Bestimmung seiner Einflusszonen ab?

Benecke: Daraus ganz bestimmt nicht. Dass Russland mit dem "nahen Ausland" bis heute argumentiert, hat historische Gründe, die weit, weit vor dem Juli 1939 liegen und die mit der jahrhundertelangen Zugehörigkeit weiter Teile dieser Gebiete zum russischen Reich zu tun haben. Natürlich, und da sind wir schon wieder näher beim Pakt, auch mit starken russischen Minderheiten in diesen Gebieten.

Standard: Im geheimen Zusatzprotokoll zum Pakt wurde die Aufteilung Polens vereinbart, seitens der Sowjets mit der Begründung, die Interessen der weißrussischen und ukrainischen Bevölkerung in Polen zu wahren. Geht man zu weit, hier einen Vergleich mit Georgien und den unter Moskaus Schutz stehenden abgespaltenen Gebieten Südossetien und Abchasien zu ziehen?

Benecke: Ja und nein. Man geht zu weit, wenn man den Bogen ganz direkt schlägt vom September 1939, als dieser Anspruch mit dem sowjetischen Einmarsch in Polen Realität wurde. Auf der anderen Seite sehe ich in dieser Argumentation in Südossetien und im Kaukasus, die Interessen russischer Bürger jenseits der russischen Grenzen schützen zu müssen und daraus ein Einflussrecht zu konstruieren, ein Instrument russischer Außenpolitik, das über 200 Jahre alt ist. Namentlich die Vorgeschichte der Teilungen Polens zeigt, dass dieser Anspruch spätestens mit Katharina der Großen beginnt.

Standard: Wie soll der Westen heute darauf reagieren?

Benecke: Der Westen muss das Prinzip anmahnen und auch selber befolgen, dass über Einflussmöglichkeiten auf Bürger jenseits der eigenen Grenzen vor allem ein klares Staatsbürgerrecht Auskunft geben muss. Wenn also ein russischer Bürger einen georgischen oder estnischen oder litauischen Pass hat, muss er klarmachen, dass er sich als Bürger dieses Staates versteht. Zugleich müssen die betreffenden Staaten Integration und Gleichberechtigung jener Bürger sicherstellen, für die Moskau ein Mitspracherecht beansprucht.

Standard: Große russische Minderheiten gibt es vor allem im Baltikum.

Benecke: Das baltische Beispiel lässt sich auch auf andere Regionen übertragen, solange Russland der größte Vielvölkerstaat der Erde ist. Wenn die Argumentation verfängt, dass Moskau nur die Interessen dieser Bevölkerungsgruppen vertreten muss, um daraus auch akzeptierte politische Ansprüche geltend zu machen, dann hat das keinen Anfang und kein Ende.

Standard: Ehemalige Spitzenpolitiker Mittel- und Osteuropas haben US-Präsident Barack Obama wegen dessen Signalen an Russland vor einer neuen Aufteilung Europas gewarnt. Wirkt auch hier das Trauma des Hitler-Stalin-Pakts nach?

Benecke: Dieses Trauma wirkt sehr stark nach, wenngleich es mit amerikanischer Außenpolitik nicht viel gemein hat und ihm auch die Integration großer Teile Mittel- und Osteuropas in Nato und EU entgegenwirkt. Aber es ist zäh und sitzt tief. Es ist ja das Trauma einer ganz konsequent missachteten Souveränität. Obwohl man sich eine Zeitlang durchaus als Partner auf Augenhöhe gefühlt hat, wurde man am Ende - und das ist ja die Erfahrung vom August 1939 - Verhandlungsgegenstand von Größeren. Dieses "Über unseren Kopf hinweg wird entschieden" ist als Erfahrung noch sehr präsent und muss als politischer Faktor ernst genommen werden.

Standard: Sind Sie als Historiker zufrieden damit, wie in der EU Geschichte aufgearbeitet und auch dazu genutzt wird, das Verständnis zu fördern und das Funktionieren der Union zu verbessern?

Benecke: In der Hinsicht ist schon sehr viel passiert. Der Begriff der Aussöhnung ist keine leere Formel. Die deutsch-polnischen Beziehungen sind ein sehr gutes Beispiel dafür. Langfristig werden wir aber ein Problem haben, wenn wir Aufarbeitung vor allem als Aufarbeitung von Zeitgeschichte und allerjüngster Geschichte sehen. Vieles ist nicht leicht zu erklären, wenn man die Geschichte spätestens mit dem Ende des Ersten Weltkriegs beginnen lässt. Die Menschen in Ostmitteleuropa sind sich in dieser Hinsicht ihrer eigenen Geschichte viel bewusster. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. 8. 2009)

Zur Person
Werner Benecke (44) ist Gerd-Bucerius-Stiftungsprofessor für Kultur und Geschichte Mittel- und Osteuropas an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder.

  • Werner Benecke: problematische Ansprüche Russlands.
    foto: privat

    Werner Benecke: problematische Ansprüche Russlands.

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