Unsere gute Seite

21. August 2009, 18:36
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David Copperfield konnten wir leider nicht verpflichten, um unerwünschte Dinge verschwinden zu lassen

David Copperfield konnten wir leider nicht verpflichten. Mit ihm wäre es zweifellos einfacher gewesen, unerwünschte Dinge zum Verschwinden zu bringen. Der Berg ist jetzt aber auch ohne sein Zutun weg. Es war auch zu peinlich: Wir berichteten über den K2, schon war der Gasherbrum IV im Blatt.

Anfang 2008 war das erstmals der Fall. Eine entsetzte Stimme aus Islamabad wies uns via E-Mail auf unsere Desorientierung hin. Fast auf den Tag genau ein Jahr später war es schon wieder so weit: Gerlinde Kaltenbrunner setzte zum Gipfelsturm auf den K2 an, wir berichteten mit Bild - Gasherbrum IV. Flachlandjournalisten, für die ein Berg wie der andere aussieht, sind ja überrascht, dass jemand den Unterschied sieht.

Der Versuch, die Beschriftung des Archivbildes zu korrigieren, war erkennbar erfolglos. Nunmehr sind wird dem Problem radikal begegnet, wir haben den Gasherbrum IV einfach aus dem Bildarchiv gelöscht. Im Montagblatt zeigte sich das Mysterium wieder: Die Seite 4 vom Donnerstag der Vorwoche war nicht zum Verschwinden zu bringen, sie tauchte in der Ausgabe vom 17. August wieder auf. Das Thema, Obamas Gesundheitsreform, ist zwar wichtig, eine unveränderte Wiederholung der Beiträge rechtfertigt das aber nicht. Schuld war eine Computerpanne in der zeitlich kritischen Produktionsphase am Sonntag: Die Redaktion fütterte die Gerätschaft, am sozusagen anderen Ende kamen aber keine Druckvorlagen heraus. Der Fehler wurde behoben, und als nun die Druckvorlagen wie ein Konfettiregen aus dem Apparat rieselten, war die falsche Seite dabei.

Ein zweiter Blick würde in solchen Fällen vor Ungemach schützen, aber an diesem Kontrollblick lassen wir es auch sonst fehlen. Als Jerzy Buzek im Juli als neuer Präsident des Europaparlaments angelobt wurde, brachte er seinem Amtsvorgänger eine aus einem Stück schlesischer Kohle geschnitzte Figur mit. Wir hoben das Kunstwerk mit einem Bild hervor - und beschrieben es als Madonna. Die Figur hält freilich ein Schwert. Das ist bei einer Mariendarstellung ungewöhnlich.

Die Anfrage, was es mit dieser ikonografisch bemerkenswerten Darstellung einer Waffen tragenden Mutter Gottes auf sich hat, ist kurz zu beantworten: Mit wehrhaftem Christentum hat das gar nichts zu tun, es handelt sich um eine Darstellung der heiligen Barbara, Schutzpatronin der Bergleute. Das ist ein vor allem dann ein unverständlicher Fehler, wenn man in Rechnung stellt, wie tief wir religiöse Werte zu verinnerlichen imstande sind. Einen Beweis dafür lieferten wir am 11. August unter der Überschrift "Vatikan erhöht Rentenalter". Der Kirchenstaat muss Kosten sparen, informierten wir, und lieferten als Begründung: "Der Verlust ist auch auf Spekulationen in Wertpapieranlagen und verringerte Einnahmen aus den Gläubiger-Spenden zurückzuführen." Eigentlich unglaublich, dass die Gläubiger, auch wenn sie vielleicht Gläubige sind, das von ihnen hergeborgte Geld zurückwollen und nicht spenden. (Otto Ranftl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.08.2009)

 

 

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