Ein allzu lebendiges Gespenst

21. August 2009, 18:31
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    foto: deutsches bundesarchiv

    Ein Bild, das noch immer Angst macht: deutsch-sowjetische Siegesparade im polnischen Brześć Litewski (heute Brest, Weißrussland); auf dem Podest die Generäle Heinz Guderian und Semjon Kriwoschein.

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    grafik: standard

    Aufteilung der Interessensphären nach dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt. Finnland, Estland, Lettland, ein Teil Litauens sowie Polen östlich von Narew, Weichsel und San fielen in das sowjetische Gebiet. Für Südosteuropa gab es keine klaren Linien, die UdSSR erklärte nur an dem für Deutschland unwichtigen Bessarabien ihr Interesse.

     

Es war ein Ereignis, das mit "Knalleffekt" noch verniedlicht wird - bis heute geistert es in den Köpfen vieler Ostmitteleuropäer herum

Der heutige polnische Außenminister Radoslaw Sikorski gilt als kluger Kopf und strategischer Denker. Deshalb war er auch als Nato-Generalsekretär im Gespräch. Vor drei Jahren verglich Sikorski, damals Verteidigungsminister der rechtsnationalen Regierung, den Hitler-Stalin-Pakt des Jahres 1939 mit dem deutsch-russischen Gaspipeline-Projekt des Jahres 2006. Und löste damit helle Empörung in Deutschland aus.

Umgekehrt war die Aufregung in Polen groß, als russische Medien im vergangenen Juni recht eigenwillige Geschichtsdeutungen publizierten. Zunächst gab ein Artikel auf der Internetseite des Moskauer Verteidigungsministeriums Polen die Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, weil es sich geweigert habe, die "ziemlich gemäßigten" Forderungen Deutschlands (Annexion Danzigs und Bau von Straßen- und Bahnverbindungen durch Polen nach Ostpreußen) zu erfüllen.

Nach heftigem Protest Polens distanzierte sich das Ministerium von dem Beitrag des Historikers Sergej Kowaljew. Einige Wochen später aber legte der staatliche Fernsehsender Rossija in einem Beitrag über die Ursachen des Zweiten Weltkriegs nach: Die Sowjetunion sei zum Pakt mit Hitler gezwungen worden, weil Polen gemeinsam mit dem Deutschen Reich einen Angriff auf sie geplant habe. Als Beleg wurde angeführt, dass der damalige polnische Außenminister angeblich ein Hitler-Porträt in seinem Büro gehabt habe. Autor des Beitrags ist Ilja Kanawin, politischer Kommentator von Rossija. Er wurde vor drei Jahren vom damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin mit einer Medaille für "Verdienste um das Vaterland" ausgezeichnet.

Diese Episoden, die eben mehr als Episoden sind, zeigen, wie nachhaltig der Schock dieses Pakts zweier absolut skrupelloser Diktatoren bis heute nachwirkt. In der greifbaren Realität wurden diese Nachwirkungen eigentlich erst 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer aufgehoben. In den Köpfen und Herzen vieler Ostmitteleuropäer sind sie bis heute, zumindest unterschwellig, präsent. Der Brief, in dem ehemalige Spitzenpolitiker Mittel- und Osteuropas US-Präsident Barack Obama angesichts der Verständigungssignale Washingtons an Moskau vor einer neuen Aufteilung Europas warnen, ist, so absurd es scheinen mag, das bisher letzte Beispiel dafür.

"Mit dem Pakt verbindet sich die Erfahrung eigener Machtlosigkeit angesichts der Verschwörung der Teilungsmächte sowie das Gefühl, von den Bündnispartnern im Stich gelassen worden zu sein", schreiben Manfred Sapper und Volker Weichsel in der Einleitung zur aktuellen Ausgabe der Zeitschrift osteuropa, die gänzlich dem Hitler-Stalin-Pakt und der Erinnerung daran gewidmet ist (Berliner Wissenschafts-Verlag, bwv-verlag.de).

Dass der Pakt seine innere Logik hatte, arbeitet der Mitteleuropa-Historiker Werner Benecke in seinem Beitrag schlüssig heraus. Seiner Analyse zufolge wurzelte das Abkommen der zwei ideologischen Erzfeinde tiefer in der gesamteuropäischen Vorkriegssituation, als es zunächst scheint.

Bei Hitler ist klar, dass alle Verträge, die er schloss und niemals einzuhalten gedachte (darunter auch ein Freundschaftsabkommen mit Polen 1934), nur der Kriegsvorbereitung dienten. Was Stalins Motive für den Pakt betrifft, so ist die offizielle Geschichtsschreibung des heutigen Russland mit ein Grund für anhaltendes Misstrauen in Ostmitteleuropa. Denn sie stellt die Strategie des Sowjet-Diktators nicht als skrupellose Großmachtpolitik hin, sondern als taktische Meisterleistung - auch zur Heimholung russischer Minderheiten ins große, friedliebende Imperium. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. 8. 2009)

Kommentar posten
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Mister Minister
04
27.8.2009, 11:47

Alexei Pavlov, der FS3 der Geschichtswissenschaft.

Fritz Wunderlich
11
30.8.2009, 11:38

aber etwas rigider in der geschichtsfälschung, der fs3 ist eher flexibel darin

Alexei Pavlov
30
30.8.2009, 08:08

Ein super Gegenargument!

Gratuliere!

Mormoloc
02
27.8.2009, 15:28
Nur weniger Links...

Also, Links im Sinne von Links, na, Sie wissen schon...

Alexei Pavlov
30
30.8.2009, 12:37

Wie etwa die unsinnigen Links, die Sie anbaten?

na, Sie wissen schon...

Mormoloc
00
Diejenigen, die Sie gar nicht zur Kenntnis nahmen?

Ach, Sie meinen Ihre? Die die Aussagen der Auroen glatt ins Gegenteil verdrehten?

MarioV
00
25.8.2009, 10:07

Dabei ist interessant wie Hitler in der Sowjetunion in den Nachkriegsfilmen dargestellt wurde.
Man muss bedenken: Die Sowjetunion war das Land mit den höchsten Verlusten in Europa und die Nazis die ideologischen Hauptfeinde.
Erwarten würde man also das Hitler bestimmt nicht gut wegkommt.
Doch seltsamerweise dominierte ein Bild: Hitler als schlauer Fuchs der alle reinlegt, aber sich am Ende eben doch verspekuliert.

Igor Gassner
20
28.8.2009, 12:07
Nun der Schlaue Fux war Stalin

denn von dem Anfang an als Hitler den Pakt unterzeichnete hatte er keinen Handlungsspielraum und war der UDSSR ausgeliefert.

Dass Polen aber nach dem Pakt nicht auf die deutschen Forderungen einging ist schon eine meisterleistung an politischen Masochismus, denn es war ja klar
dass nicht nur Deutschland sondern auch die UDSSR polnisches Gebiet besetzen würden also rikierte Polen einen zwei Fronten Krieg.

Mariusz
01
28.8.2009, 17:52
Nicht so einfach...

Der geheime Zusatzprotokoll blieb - eben - geheim bis 1945... und (erst) am 25.08.1939 hat Großbritannien Militärbündnis mit Polen unterschrieben.
Frankreich und GB waren verpflichtet Polen zu helfen!

Der, der es besser weiß
00
27.8.2009, 06:37

Kann man sich solche Filme irgendwo im Internet ansehen?

gefühlte Inflation
00
23.8.2009, 09:22
Ein allzu lebendiges Gespenst?

Seit dem Hitler-Stalin-Pakt sind Jahrzehnte vergangen. Vergangen sind darin das 3. Reich, die Sowjetunion, die Kolonialreiche der Engländer und der Franzosen, der Kalte Krieg samt der Teilung Europas und der Griff Japans nach der Vorherrschaft im Pazifischen Raum.

Gekommen sind die Pax Americana, die Europäische Union, der Aufstieg Chinas und Indiens in die Spitzenliga der Nationen.

Der Hitler-Stalin-Pakt: Bedeutend selbstverständlich als geschichtliches Faktum, aber "allzu lebendig" keineswegs.

Dr. e. h. Scheibe
01
27.8.2009, 09:47
Lebendig?

In Österreich nicht, in Polen und im Baltikum aber sehr wohl!

Auslandsösterreicher
02
26.8.2009, 20:32

Auch wenn die Sowjetunion Geschichte ist, so ist sie in den Koepfen der Russen noch sehr praesent. Woher kommt sonst ein neues Gesetz in Russland, dass die Herabwuerdigung von Stalin verbietet.

Und Russland sieht sich noch immer als Befreier Europas vom Joch der Nazis, wobei tunlichst die Erwaehnung einer vormaligen Besetzung durch sowjetische Truppen (Baltikum, Polen) vermieden wird. Wuerde man dieser Argumentation aber folgen, dann waeren die Nazis doch Befreier des Baltikums.

Verstaendlich dass die besetzten Laender noch heute keine Sympathie fuer die Geschichtsrevision der Russen empfinden.

Timagoras
 
01
25.8.2009, 10:34

fragen'S mal in Polen nach!

ignazius rummsfeld
03
23.8.2009, 13:01
Wenn ich so runterscrolle...

.....ist diese Zeit noch immer ein gewaltiger Knochen!

Mein anderer Nick ist beeindruckender
02
24.8.2009, 13:03
Weil zu lange verdrängt und nur schleppend aufgearbeitet.

Der Knochen, wie sie es nennen, wird die Involvierten wohl noch einige Jahrzehnte beschäftigen, auch wenn die Zeitzeugen aufgrund des biologischen Ablaufdatums immer weniger werden.

derPolizist
11
22.8.2009, 23:31

war nicht der Einmarsch Hitlers in Polen der Grund für die Kriegserklärung an Deutschland? Russlands Einmarsch war anscheinend nicht so schlimm...

Agent Provocateur!
01
24.8.2009, 00:04
Die Russen haben ja auch 3 Wochen gewartet...

Wladimir Burdajewicz
 
02
24.8.2009, 17:22
Sie haben nicht gewartet, sondern der Termin des

Einmarsches der Sowjets war im Zusatzprotokoll festgeschrieben. Diese Operation hat sich nicht nur auf Polen beschränkt, sondern war im Zusammenhang mit dem Überfall auf baltische Länder und Finnland abgestimmt.

Alexei Pavlov
11
26.8.2009, 19:02

"Einmarsches der Sowjets war im Zusatzprotokoll festgeschrieben."??

Tatsaechlich?

Auslandsösterreicher
02
26.8.2009, 21:18

Im geheimen Zusatzprotokoll wurde die Trennung Polens entlang der Fluesse Narew, Weichsel und San festgeschrieben. Damit war der Einmarsch der Sowjetunion doch vorprogrammiert oder nicht?

Alexei Pavlov
50
27.8.2009, 06:04

Rein theoretisch nicht. Die sowjetische Fuehrung konnte sich z.B. einen Aufstand in diesen Gebieten zugunsten der SU erhoffen (weiss nichts davon).

Doch auch wenn schon (was aus meiner Sicht wahrscheinlicher ist), wurde der Termin nicht festgelegt, und das Zoegern der SU zeigt klar, dass sie ohne Enthusiasmus mitmachte.

insertnamehere
 
01
28.8.2009, 13:55
Lustlos geradezu!

Eine lästige Pflichtübung.

Und die sowjetische Führung hätte ohne weiters auch damit rechnen können, dass in Ostpolen plötzlich Schweine fliegen könnten, was mindestens genauso realistisch wie ein prosowjetischer Volksaufstand gewesen wäre.

Alexei Pavlov
10
30.8.2009, 07:51

... oder wie die prosowjetischen Republiken in Deutschland, Ungarn und der Slowakei 1919.

Alexei Pavlov
50
24.8.2009, 22:48

Und deshalb wurde der Kreml von Berlin in offiziellen Schreiben angemahnt, dass er nicht weiter mit der Besatzung der poln. Gebiete zoegern solle?

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