Ein allzu lebendiges Gespenst

21. August 2009, 18:31
366 Postings

Es war ein Ereignis, das mit "Knalleffekt" noch verniedlicht wird - bis heute geistert es in den Köpfen vieler Ostmitteleuropäer herum

Der heutige polnische Außenminister Radoslaw Sikorski gilt als kluger Kopf und strategischer Denker. Deshalb war er auch als Nato-Generalsekretär im Gespräch. Vor drei Jahren verglich Sikorski, damals Verteidigungsminister der rechtsnationalen Regierung, den Hitler-Stalin-Pakt des Jahres 1939 mit dem deutsch-russischen Gaspipeline-Projekt des Jahres 2006. Und löste damit helle Empörung in Deutschland aus.

Umgekehrt war die Aufregung in Polen groß, als russische Medien im vergangenen Juni recht eigenwillige Geschichtsdeutungen publizierten. Zunächst gab ein Artikel auf der Internetseite des Moskauer Verteidigungsministeriums Polen die Schuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, weil es sich geweigert habe, die "ziemlich gemäßigten" Forderungen Deutschlands (Annexion Danzigs und Bau von Straßen- und Bahnverbindungen durch Polen nach Ostpreußen) zu erfüllen.

Nach heftigem Protest Polens distanzierte sich das Ministerium von dem Beitrag des Historikers Sergej Kowaljew. Einige Wochen später aber legte der staatliche Fernsehsender Rossija in einem Beitrag über die Ursachen des Zweiten Weltkriegs nach: Die Sowjetunion sei zum Pakt mit Hitler gezwungen worden, weil Polen gemeinsam mit dem Deutschen Reich einen Angriff auf sie geplant habe. Als Beleg wurde angeführt, dass der damalige polnische Außenminister angeblich ein Hitler-Porträt in seinem Büro gehabt habe. Autor des Beitrags ist Ilja Kanawin, politischer Kommentator von Rossija. Er wurde vor drei Jahren vom damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin mit einer Medaille für "Verdienste um das Vaterland" ausgezeichnet.

Diese Episoden, die eben mehr als Episoden sind, zeigen, wie nachhaltig der Schock dieses Pakts zweier absolut skrupelloser Diktatoren bis heute nachwirkt. In der greifbaren Realität wurden diese Nachwirkungen eigentlich erst 1989 mit dem Fall der Berliner Mauer aufgehoben. In den Köpfen und Herzen vieler Ostmitteleuropäer sind sie bis heute, zumindest unterschwellig, präsent. Der Brief, in dem ehemalige Spitzenpolitiker Mittel- und Osteuropas US-Präsident Barack Obama angesichts der Verständigungssignale Washingtons an Moskau vor einer neuen Aufteilung Europas warnen, ist, so absurd es scheinen mag, das bisher letzte Beispiel dafür.

"Mit dem Pakt verbindet sich die Erfahrung eigener Machtlosigkeit angesichts der Verschwörung der Teilungsmächte sowie das Gefühl, von den Bündnispartnern im Stich gelassen worden zu sein", schreiben Manfred Sapper und Volker Weichsel in der Einleitung zur aktuellen Ausgabe der Zeitschrift osteuropa, die gänzlich dem Hitler-Stalin-Pakt und der Erinnerung daran gewidmet ist (Berliner Wissenschafts-Verlag, bwv-verlag.de).

Dass der Pakt seine innere Logik hatte, arbeitet der Mitteleuropa-Historiker Werner Benecke in seinem Beitrag schlüssig heraus. Seiner Analyse zufolge wurzelte das Abkommen der zwei ideologischen Erzfeinde tiefer in der gesamteuropäischen Vorkriegssituation, als es zunächst scheint.

Bei Hitler ist klar, dass alle Verträge, die er schloss und niemals einzuhalten gedachte (darunter auch ein Freundschaftsabkommen mit Polen 1934), nur der Kriegsvorbereitung dienten. Was Stalins Motive für den Pakt betrifft, so ist die offizielle Geschichtsschreibung des heutigen Russland mit ein Grund für anhaltendes Misstrauen in Ostmitteleuropa. Denn sie stellt die Strategie des Sowjet-Diktators nicht als skrupellose Großmachtpolitik hin, sondern als taktische Meisterleistung - auch zur Heimholung russischer Minderheiten ins große, friedliebende Imperium. (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. 8. 2009)

  • Ein Bild, das noch immer Angst macht: deutsch-sowjetische Siegesparade
im polnischen Brześć Litewski (heute Brest, Weißrussland); auf dem
Podest die Generäle Heinz Guderian und Semjon Kriwoschein.
    foto: deutsches bundesarchiv

    Ein Bild, das noch immer Angst macht: deutsch-sowjetische Siegesparade im polnischen Brześć Litewski (heute Brest, Weißrussland); auf dem Podest die Generäle Heinz Guderian und Semjon Kriwoschein.

  • Aufteilung der Interessensphären nach dem geheimen Zusatzprotokoll
zum Hitler-Stalin-Pakt. Finnland, Estland, Lettland, ein Teil Litauens
sowie Polen östlich von Narew, Weichsel und San fielen in das
sowjetische Gebiet. Für Südosteuropa gab es keine klaren Linien, die
UdSSR erklärte nur an dem für Deutschland unwichtigen Bessarabien ihr
Interesse.

 
    grafik: standard

    Aufteilung der Interessensphären nach dem geheimen Zusatzprotokoll zum Hitler-Stalin-Pakt. Finnland, Estland, Lettland, ein Teil Litauens sowie Polen östlich von Narew, Weichsel und San fielen in das sowjetische Gebiet. Für Südosteuropa gab es keine klaren Linien, die UdSSR erklärte nur an dem für Deutschland unwichtigen Bessarabien ihr Interesse.

     

Share if you care.