Bewusst träumen

21. August 2009, 18:11
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Unterscheiden von Fakten und Fantasie ist möglich

Bonn - Ein wildes Tier greift an. Die Matura wird aberkannt. Man kann plötzlich Arme und Beine nicht mehr bewegen. Ein Albtraum. Wie wahr - denn plötzlich erwacht man, völlig gesund und mit gültigem Maturazeugnis. Albträume sind deshalb so beängstigend, weil sie der Träumende für die Realität hält. Manche Menschen jedoch sind sich beim Träumen bewusst, dass sie lediglich Fantasiegebilde durchleben. Die Wissenschaft bezeichnet dieses Phänomen als "Klarträumen".

Forscher von den Universitäten Bonn, Darmstadt und Mainz sowie der Harvard Medical School in Boston erkannten nun bei der Untersuchung der Hirnaktivität von zwanzig Bonner Psychologiestudenten, dass beim Klarträumen das Stirnhirn, also der frontale Cortex, deutlich aktiver ist als beim normalen Träumen. Dieser Teil des Gehirns ist für die kritische Bewertung von Geschehnissen zuständig und normalerweise im Schlaf weitgehend inaktiv, sodass wir unsere "traumhaften" Erlebnisse nicht hinterfragen können.

"Es ist, als wäre ein Teil des Gehirns plötzlich ein wenig wacher, während der Rest weiterschläft", meint Ursula Voss vom Institut für Psychologie an der Universität Bonn. Unter Laborbedingungen kam es nur zu drei Klarträumen, die Forscher konnten aber signifikante Unterschiede in der Stirnhirnaktivität feststellen.

Außerdem schein man die Klartraum-Wahrscheinlichkeit durch gezieltes Training erhöhen zu können. Die Forscher forderten ihre Probanden dazu auf, sich bestimmte Situationen zu überlegen, anhand derer sie Träume als solche entlarven können. "Also etwa: Wenn ich mir die Nase zuhalte und dennoch atmen kann, muss ich träumen", erklärt Ursula Voss. Auf diese Weise gelang es sechs Versuchspersonen, die Klartraum-Häufigkeit innerhalb von vier Monaten auf mindestens dreimal pro Woche zu steigern.

Klarträumen gegen Albträume 

Nun planen die Wissenschafter, die Studie mit einer größeren Anzahl an Probanden zu wiederholen. Ihre Erkenntnisse könnten es möglich machen, Menschen zu helfen, die von wiederkehrenden, schweren Albträumen heimgesucht werden, indem sie lernen, zwischen Wirklichkeit und Traum zu unterscheiden.

Auch für die Behandlung psychiatrischer Erkrankungen, die mit Wahnvorstellungen einhergehen, könnten die Ergebnisse Ansatzpunkte bieten. Die betroffenen Patienten sind zwar wach, sind jedoch ebenso nicht fähig, ihre Fantasien kritisch zu analysieren. Ursula Voss hält es aber für möglich, diese Fähigkeit - ähnlich wie die des Klarträumens - zu trainieren. (Natalie Bachl/DER STANDARD, Printausgabe, 22./23. 8. 2009)

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