Suche nach neuen Menschen

21. August 2009, 18:14
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Wer sich in die Welt der Privatsender verfängt, wird ein perverses Bildungsfernsehen finden, ein Zurichtungsfernsehen, das direkt auf das Leben von Menschen abzielt

Mit ernsten Mienen sitzen die Experten um den runden Tisch und beratschlagen, was am besten für eine sei. Der Fitnesstrainer ist entsetzt: schrecklich außer Form, also ausdauernd laufen, viel Workout. Der Schönheitschirurg überlegt: Erst ein kleiner Schnitt in die Brust, ein Implantatchen, straffen, dann Fettabsaugen an Bauch und Po, ebenfalls straffen, und später noch die Oberschenkel in Form bringen. Die Psychologin wägt ab: Selbstbewusstsein im Keller, Komplexe über Komplexe, daher intensives Motivationscoaching, zur Entspannung Qigong. Der Zahnarzt lächelt: erstens Zähne regulieren, zweitens Zahnfleischerneuerung, drittens bleichen. Die Ernährungsberaterin entscheidet: Diät, Schonkost, überdies Schluss mit dem Rauchen. Die Experten haben gesprochen. Sie sind sich einig, wie aus einem hässlichen und niedergeschlagenen Entlein ein prächtiger Schwan werden kann. Damit es niemand vergisst, wird das So-nicht-Bild der Umzumodelnden auf den Bildschirm projiziert. Die Problemzonen sind rot eingekreist, daneben werden stichwortartig die Behandlungsmethoden aufgelistet.

Wer sich einmal in der Vormittagswelt der deutschen Privatsender verfängt, wird in dieser Form der Blendung und wechselseitigen Verblendung etwas anderes finden: ein Zurichtungsfernsehen, das direkt aufs Leben zielt, ein im Wortsinne perverses Bildungsfernsehen. Pervers heißt ja nichts anderes, als sich zum Mittel eines heterogenen Zwecks zu machen. Dieser Zweck ist die kapitalistische Verwertung, die Aneignung fremder Arbeitskraft und -zeit, von Wissen und, wie man heute sagt, sozialer wie emotionaler Intelligenz. Unter dem Bildungsauftrag, den die privaten von den staatlichen Sendern übernommen und in einen streng ökonomischen verwandelt haben, heißt das: Einschulung via Telekommunikation ins Mittelwerden, Installierung von Selbstkontrolle, Einübung in den Konformismus. Dieser Bildung geht es um das genaue Gegenteil von Entfaltung, Kontakt zu sich oder zweckfreiem Aneignen von Kultur und Wissen, um sich von heterogenen Zwängen zu emanzipieren.

Die Vormittagswelt ist die Welt der Deklassierten. Vorm Fernsehgerät sitzt, wer sonst nichts zu tun hat oder längst zu gebrochen ist, um die freie Zeit, selbst wenn sie nicht als solche empfunden wird, anderweitig zu verbringen. In den Fünf-Minuten-Nachrichten mögen die Reichen und Schönen vorkommen; die Sendungen sind den Subalternen vorbehalten. Wie sich noch der stumpfsinnigste Europäer bei Michael Moore der Dummheit der US-Amerikaner vergewissern kann, gewährt der Talk-Show-Effekt dem Menschen vor dem Bildschirm ein Gefühl der Erhabenheit gegenüber jenen Dummköpfen, die sich in ihrer Vorgeführtheit selbst vorführen. Im perversen Bildungsfernsehen der Jetztzeit hingegen sollen die Subalternen lernen, wie sie wieder etwas wert sein können - für andere.

Sie sollen vergessen

Die problematischen Kandidatinnen von The Swan kommen seit Jahren in ein Camp, in dem es bis auf weiteres nur blinde Spiegel gibt. Sie sollen vergessen, wie sie einmal ausgesehen haben. Der Plan ist ins Werk gesetzt, auf geht es zu den ersten Operationen, zum Workout, zum mentalen Training. Der Diskurs der Experten weist den Weg: Wo Problemzone war, soll Reibungslosigkeit werden. Die Umzumodelnde soll für die Anforderungen des verschärften Wettbewerbs fit gemacht werden, um nicht auf der Strecke zu bleiben und zur Belastung des Sozial- und Gesundheitswesens zu werden. Das ganzheitliche Programm zielt auf körperliche Normalisierung, wobei die Norm dem gekreuzten Blick von Schönheits- und Gesundheitsökonomie geschuldet ist sowie auf psychische Belastbarkeit. Das Ich soll Mittel zum Zweck der Ökonomie werden, einsetzbar, wo immer es im stotternden Produktionsprozess gerade gebraucht wird. Die Qualen und die konsequente Arbeit auf dem Weg zum rundum erneuerten und höher notierten Ich sollen als unausweichliche und von nun an dauerhafte Anstrengung verinnerlicht werden. Dabei wird die Kandidatin nicht für "den Mann" umgewandelt; die meisten Kandidatinnen haben Familie. Sie wird fürs Bewerbungsgespräch ausgebildet.

Da geht es um Selbstpräsentation, um gewinnendes Auftreten - da kommt die vermaledeite Psyche ins Spiel, die ein für alle Mal zu begreifen hat, dass alle Probleme ausnahmslos in ihr selbst verschlossen seien. Aber Körper und Geist aufzupolieren kostet nicht nur Anstrengung, sondern in erster Linie Geld. Lässt man sich beim Umbau filmen, ist er kostenlos; seitdem eine Regulierung der Zähne, wie Gesundheit überhaupt, wieder mehr als etwas kosten soll, keine Selbstverständlichkeit. So wird das Schönheits- zum Resozialisierungsprogramm. Das Fernsehen als moralische Anstalt, als Besserungsanstalt: Wie ich ein nützliches Mitglied des menschlichen Marktes werde.

Genau an diesem Punkt irren die um den wiederholten Untergang des Abendlandes Trauernden. Gerade die neuen privaten Fernsehformate erfüllen den Bildungsauftrag der Jetztzeit. Reality-Shows verraten, was öffentliche Anstalten im Bemühen um das letzte Zugeständnis an den guten Geschmack nicht vollends preisgeben. Ging es in Starmania noch um die nationale Anstrengung, den verfahrenen Karren der Musikindustrie mit dem Dreck aus dem Dreck zu ziehen, zu Hause mittels Kampfabstimmung über Sympathie auch einmal mitreden zu dürfen, als Zielpublikum gemeinsam den sogenannten Star zu produzieren, den man später konsumiert, kamen andere Formate in simulierte Fühlung mit heutigen Lebenswirklichkeiten.

Im Dschungel, Big Brother: Vorbereitung auf die Ausnahmesituation, in der ein Großteil der Menschheit ohnehin lebt. Wie wird nach der Katastrophe das Wenige in einer Gruppe verteilt? Wer übernimmt welche Aufgabe, um allen zu dienen? Wer wird wie und warum Warlord? Entlang welchen Linien bilden sich Allianzen? (Nur eines ist von Anfang an ausgeschlossen: Kollektivität, gemeinsames Handeln, Zurückweisen der Regeln und Ausverhandeln neuer. Vielleicht wäre das ein Big Brother-Ereignis: Die Gruppe beschließt, niemanden hinauszuwählen, die Aufträge nicht zu übernehmen und sich stattdessen anders in der Situation einzurichten.) Kämpf um deine Frau!: Wer für die Seine, die es zu Hause vorm Bildschirm vielleicht gar nicht mehr sein will, die er vernachlässigt, belogen, gedemütigt hat, nicht zumindest mit Zementsäcken auf dem Rücken über Hindernisparcours läuft und nicht mit anderen Kämpfern erstmals und öffentlich über Gefühle spricht, ist ihrer Liebe nicht mehr wert.

Eine grundfalsche Welt

Der berühmte Satz Adornos, wonach der totale Zusammenhang der Kulturindustrie eins mit der totalen gesellschaftlichen Verblendung sei, wurde am Anfang einer Entwicklung geschrieben, die sich ungeheuerlich entfaltet hat. Das lässt natürlich alle Kulturpessimisten der Jetztzeit frohlocken, und tatsächlich fällt es nicht schwer, diesem Pessimismus anheimzufallen. Nicht nur, dass dem Fernsehen, abgesehen von ein paar wenigen Nischensendern, jeglicher kritischer Stachel fehlt, nicht nur, dass seine von Benjamin aufge-zeigten Emanzipations- und Demokratisierungsmöglichkeiten zur schrecklichen Unkenntlichkeit verzerrt werden, scheinen die Seifenopern, Sensationsdokumentationen und Wohlfühlstreifen all das zu zementieren, was dem kritischen Bewusstsein die Zornesröte ins Gesicht treibt: was demnach aufgebrochen und in seiner Konstruktion bloßgelegt werden müsste. Wer fernsieht, sieht, diesen Gedanken folgend, eine grundfalsche Welt. Die Verblendung kann allerdings an einem Punkt anlangen, wo man sich tatsächlich in dieser Welt wähnt. Und das heißt: so handelt, als lebe man in ihr.

Du bist, was du isst etwa hätte zumindest eine Seminareinheit zum Begriff der Biopolitik, wie er von Foucault entwickelt und in den avancierten zeitgenössischen Theorien aufgegriffen wurde, ersetzen können. Ein Übergewichtiger meint aufgrund seines Übergewichts bei Frauen chancenlos zu sein. Eine Ernährungsberaterin springt ihm hilfreich zur Seite, weil nur von dort sein Bauch so richtig zur Geltung kommt: Sie inspiziert seinen Kühlschrank, der ausgemistet werden muss, während sich der hämische Kommentar im Off fragt, wie der Magen, der bislang ein Schweinefriedhof gewesen sei, mit Gemüse zurande kommen werde. Dazu werden in regelmäßigen Abständen die Ernährungspyramide eingeblendet, Vitamine erklärt und Ballaststoffe aufgeschlüsselt.

Mit der neuen Diät für ein neues Leben geht in dieser Versuchsanordnung die totale Entmündigung einher. Selten ist der Übergang vom Subjektwerdungsversuch zur Objektivierung drastischer gezeigt worden: Nicht etwa der Patient selbst, die Ernährungsberaterin holt vom Arzt den Befund ihres Mündels ein, und die beiden Spezialisten einigen sich auf einen Plan für den, der mittlerweile mit aufgesetztem Lächeln Gemüse grillt. Bald aber muss die Beraterin zu ihrer Enttäuschung wieder Ungebührliches aus dem Kühlschrank entfernen. Am Schluss jedoch hat der Mann abgenommen, bei einem Speed-Dating, wo er im Fünfminutentakt potenzielle Partnerinnen vorgestellt bekam, eine Frau kennengelernt, der er in der Schlussszene bei romantischer Musik in der Abenddämmerung entgegengeht. Um ein neues, möglicherweise glückendes Leben zu beginnen, gilt es, erstens, die alten ungesunden Gewohnheiten hinter sich zu lassen. Die Bewältigung der Aufgaben der Zukunft, die von den Herrschenden der Gegenwart in den Dienst genommen wird, erfordert eine möglichst gesunde Bevölkerung.

In Deine Chance wiederum bewerben sich drei junge Frauen um eine Praktikumsstelle in einem Immobilienbüro. Die Makler, zwei junge Männer Anfang dreißig, sind ein Klischee ihrer selbst: gut gelaunte, vor Energie vermeintlich sprühende, hemdsärmlige Wanna-be-Yuppies in feinen Anzügen. In einem deutschen Kaff haben sie sich den geläufigen Technokratenjargon angeeignet, jenes Amalgam aus Gemeinheit, Respektlosigkeit und Ausweglosigkeit im Namen einer höheren Instanz, die doch nur aus den Regeln der Welt besteht, die sie kennen und denen sie sich lustvoll unterwerfen. Beim Vorstellungsgespräch schneidet jene Kandidatin am besten ab, die den Inhalt der Firmenwebsite auswendig gelernt hat und das Glaubensbekenntnis von Aufopferung bis Zielorientiertheit herunterbuchstabieren kann.

Die erste Aufgabe lässt die drei (eine hat aufgrund eines schweren Unfalls panische Angst vor Autos, was nur gut ist, so kann sie sich ihren Ängste stellen) zu einer Wohnungsbesitzerin fahren, um eine Wohnungsaufnahme zu simulieren. Im Prinzip sollten sie längst können, was zu lernen sie sich bewerben. Höflichkeit, gutes Auftreten, zähnebleckende Freundlichkeit sind selbstverständlich Grundvoraussetzungen; die Fotos, die zwecks Wohnungsbewerbung aufzunehmen sind, werden später bewertet. Stufe zwei sieht ein Verkaufsgespräch mit einem Kunden vor, in das allerdings in Form eines Symbols links unten auf dem Bildschirm Fallen eingebaut sind (rot und durchgestrichen oder grün und abgehakt): das Firmenschild vorm Eingang liegt auf dem Boden (wieder reinstecken), im ersten Zimmer liegt eine Zierleiste quer, auf die der potenzielle Kunde zufällig ständig steigt (wegräumen und entschuldigen), in der Küche steht noch ein Eimer mit Farbe und Pinsel (wegräumen und entschuldigen), eine Dachluke wäre zu öffnen (Öffner suchen, entschuldigen und öffnen), und wenn der potenzielle deutsche Kunde unmotiviert in ein schlechtes Schulenglisch wechselt, muss englisch geantwortet werden. Nachdem eine Kandidatin ausgeschieden ist und man sich wechselseitig versichert hat, einander lieb zu haben und nur das Beste zu wünschen, müssen die Übriggebliebenen ihre Zusatzkenntnisse unter Beweis stellen und eine Wohnung einrichten. Wir lernen, zweitens, wie wichtig gutes Benehmen ist, auch wenn jemand, der über einem steht, es nicht verdient hätte - und wie wichtig es ist, die eigenen Traumata zu durchqueren, um sich in den Dienst einer größeren Sache zu stellen.

Das Lächeln muss sitzen

In einer anderen Sendung werden arme Leute gezeigt, die sich in einem Second-Hand-Depot Möbel aussuchen, die von Hartz-IV-Empfängern bei brütender Hitze und ohne Aufzug für einen Euro die Stunde Treppenhäuser hinaufgeschleppt werden. Bei Bärbel sprechen deutsche Männer über die Vorzüge asiatischer Frauen, die man aus dem Urlaub mitnehmen kann, sie unterscheiden Thaifrauen von Philippinas, erstellen Rasse- und Klassegutachten; die Frauen selbst kommen nicht zu Wort. Bei Sam sieht man die verfaulten Zahnrümpfe einer Frau, die als Kind vergewaltigt wurde und sich daher, so die Erklärung, gehen ließ, um sich vor gierigen Männerblicken zu feien. Diese Zähne könnten, so der Arzt, zum Tod führen. Die Operation zahlt die Krankenkasse, die vierzig Euro für die Narkose aber nicht, also tanzt die Frau an einem Abend nackt vor einer Männerrunde. Wir lernen, drittens, dass Geld nicht stinkt und man schon einmal tun muss, wofür man sich verachten wird.

Im perversen Bildungsfernsehen wird vorgeführt, wie man sich verändert, um wieder brauchbar zu werden - für die Märkte, für die Unternehmen, für jene, die Arbeit geben, die sie in Wirklichkeit nehmen. Der wahre Fluchtpunkt all der Transformationssendungen, in denen aus einem hässlichen Entlein ein schöner Schwan, aus einem verunsicherten Übergewichtigen ein liebenswürdiger Normalmensch, aus einer schüchternen jungen Frau eine vorzeigbare Verkäuferin, kurz aus Hoffnungslosen Hoffnungsträger werden sollen, ist die Vorbereitung auf die nächste Arbeitsmarkttauglichkeitsprüfung unter gleichzeitiger Hintanstellung aller Träume und Wünsche, die man vielleicht einmal hegte.

Zum Vorstellungsgespräch hat man körperlich und geistig fit zu sein, das Lächeln muss sitzen wie das Hemd oder der Rock, um sich so bald als möglich ganz in den Dienst jener Sache stellen zu können, die nicht die eigene ist. Dabei erfüllen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an diesen Sendungen eine nicht zu gering einzuschätzende Aufgabe: Wir wollen Menschen sehen, die an all das glauben, was wir glauben sollen, aber nicht so recht glauben können. Die tatsächlich glauben (und daran glaubend handeln), dass sie ihr Schicksal in der Hand haben, auch wenn es dabei bloß um eine unbezahlte Praktikumsstelle geht, die allenfalls Wert für den Lebenslauf besitzt.

Dergestalt erscheint der Mensch als heillos verlorenes Mängelwesen, das mit seiner Zeit nicht Schritt halten kann. Ist der alte Mensch zu schlecht für die neue Form des Kapitalismus? Nachdem der sich zu transformieren begonnen, seine Aufmerksamkeit von der industriellen auf die immaterielle Produktion verschoben hat, müssen sich die vielen transformieren. Die Widerspenstigen müssen sich eben transformieren lassen. Zu unflexibel, zu träge, zu wenig Selbstbeherrschung - der zeitgenössische Mensch scheint für sein Wirtschaftssystem immer ungeeigneter zu sein. Was man im Kalten Krieg gegen den sogenannten Kommunismus ins Treffen führte, dass der Mensch nicht für ihn geschaffen sei, kehrt sich heute gegen das, was mit Neoliberalismus unscharf umrissen ist. Unter den Augen der vielen sollen nichtfunktionierende Individuen zu neuen Menschen gemacht werden, um den Anforderungen der Jetztzeit gewachsen zu sein. Die Anrufung ergeht an die, die noch immer auf der Couch liegen: Auch ihr könnt es schaffen! Nur wenn ihr nicht bereit seid, euch so zu ändern, dass aus euch brauchbare Mitglieder des menschlichen Marktes werden, fallt ihr aus der virtuellen Gemeinschaft der Zählenden.

Aufstieg in die nächste Runde

Ich kann Kanzler geht nun einen Schritt weiter. Nach Biopolitik im perversen Bildungsfernsehen wird neuerdings im Zweiten Deutschen Fernsehen vorgeblich ein neuer, unverbrauchter Politiker gesucht. Der Kandidat steht vor einem Pult, hinter ihm hängt der "hässliche Vogel" (Heine), der deutsche Adler. In den Plenarbänken sitzen drei Viertelintellektuelle, und wer nicht ohnehin schon als Affirmierer der Ziele der heute geplanten Zukunft kommt, hat mit Günther Jauchs hochgezogener Braue zu rechnen. Die Kandidatin hat Rede und Antwort zu stehen, bevor sie in gestoppten fünfundvierzig Sekunden ihr Konzept für Deutschland darlegen soll. In der Sendung geht es in Wirklichkeit um das genaue Gegenteil von Politik: um Verwaltung des Bestehenden, um den gemeinsamen Schwur, dass eine andere Organisation der Arbeit und des Lebens weder möglich noch wünschenswert sei.

Man sucht nicht einmal einen deutschen Obama, geschweige denn einen Marx oder Lenin. Man sucht Pragmatiker, die sich noch hingebungsvoller der Ideologie der Märkte, der Eigenverantwortung und Flexibilität hingeben als die herrschende Nichtpolitik. Der Theologiestudent, der klug für ein Grundeinkommen plädiert, wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Wer soll das bezahlen? Wer würde noch arbeiten, wenn er ohnehin achthundert Euro pro Monat bekäme? (An der Frage sieht man für gewöhnlich am besten, wie beseelt die Unermüdlichen von dem sind, was sie rund um die Uhr tun.) So nimmt es nicht wunder, dass gerade eine alleinerziehende Mutter von vier Kindern, die Hartz IV bezieht, sofort von allen drei Jurymitglieder ein Ja zum Aufstieg in die nächste Runde bekommt, nachdem sie darlegte, man solle nicht jammern, man könne auch von Hartz IV leben, man müsse halt die Ansprüche herunterfahren. Auf die Frage, wie sie zu dieser bewundernswerten Einstellung gekommen sei, antwortete sie, durch ihre Erfahrungen auf dem Arbeitsamt, wo sie das unbändige Gefühl überkommen sei, die Menschen wachrütteln zu wollen. Nachfrage: Wen? Die Menschen auf den Gängen oder die in den Büros? Die Kanzlerkandidatin zögert keine Sekunde: die Menschen auf den Gängen! (Clemens Berger, DER STANDARD; Printausgabe, Album, 22./23.8.2009)

Zum Autor
Clemens Berger, geb. 1979 in Güssing, aufgewachsen in Oberwart, studierte Philosophie in Wien, wo er als Schriftsteller lebt. Er erhielt das Staatsstipendium für Literatur. 2009 erschien von ihm der Erzählband "Und hieb ihm das rechte Ohr ab" (Wallenstein).

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    Fernsehen als Besserungsanstalt: Unter den Augen der vielen sollen nichtfunktionierende Individuen zu neuen Menschen gemacht werden, um den Anforderungen der Jetztzeit gewachsen zu sein.

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