Der Feldzug gegen den allwissenden Erzähler

21. August 2009, 18:04
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Salvador Plascencias Debüt "Menschen aus Papier" ist eine absurde Tour de Force durch das Leben, das Leiden - und das Schreiben

Nun wurde er für den "InternationalenLiteraturpreis - Haus der Kulturen" nominiert.

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Wien - "Dieser Roman ist eine Liebesgeschichte" , verspricht der Klappentext. Außerdem ein Roman "über den Krieg, über Immigration, Identität und den künstlerischen Schaffensprozess, eine Vater-Tochter-Geschichte und ein Buch der Täuschungen" .

Ein kleiner Auszug aus dem Personenregister: Bevölkert wird der Roman von Schildkröten mit bleiernen Panzern; von Heiligen, die sich als Wrestler verkleiden; von einem von den Stichen der Honigbiene abhängigen Mädchen und von einem gehörloses Baby, das sich als ein kleiner Nostradamus entpuppen wird.

Und dann ist da der kleine Antonio, dessen geliebten Kater der Fleischhauer gerade getötet und ausgeweidet hat. Der Bub trägt den Kadaver nach Hause und beginnt Papier zu falten. So lange, bis er für den Kater dreizehn perfekte Origami-Organe geschaffen hat. Dem Kater geht es mit dem papierenen Herzen, der Hauptschlagader und den kleineren Blutgefäßen aus Papier bald wieder prächtig und Antonio beginnt, Menschen aus Papier zu produzieren.

Hauptfigur ist Federico de la Fe, ein trauriger, verzweifelter, absonderlicher Romanheld. Nacht für Nacht nässt er sich ein. Der Uringestank, der sich durch nichts vertreiben lässt, vertreibt schließlich seine Frau, Federico wandert mit seiner Tochter nach El Monte, einem Vorort von Los Angeles, aus.

Dort beginnt sich der absurde Reigen erst recht zu drehen: In dieser Stadt der Nelkenfelder und Latino-Gangs ruft Federico de la Fe seine Kumpanen zu einem Feldzug auf: Kämpfen sollen sie, wehren sollen sie sich. Doch nicht brutalen Vorgesetzten oder rassistischen Gesetzen gilt ihr Widerstand; nein, sie lehnen sich gegen die Vorherrschaft des Planeten Saturn auf.

Diese Woche wurde Salvador Plascencias Roman für den "Internationalen Literaturpreis - Haus der Kulturen der Welt" nominiert; 131 Titel wurden eingereicht, 14 schafften es auf die Longlist. Vergeben wird der Preis für zeitgenössische Erzählliteratur in deutscher Erstübersetzung am 30. September. Gut möglich, dass der Preisträger dann Plascencia heißt.

Papierene Charaktere

In Amerika jedenfalls wird er mit literarischen Größen wie Jorge Luis Borges und Gabriel Garcia Marquez verglichen und als Erneuerer des magischen Realismus gefeiert. Doch diese Verortung in der lateinamerikanischen Erzähltradition ist nur die eine Seite des Buches. Auf die andere weist der Titel Menschen aus Papier hin. Es geht um zu Papier gebrachte Charaktere: um den Akt des Schreibens selbst, wo die Grenzen zwischen fiktionaler Erzählebene und außertextlicher Realität verschwimmen.

Wie Federico wurde Salvador Plascencia, "der Gott des papierenen Volkes" , 1976 in Mexiko geboren, wie sein Held zog auch er mit seinen Eltern nach El Monte - und das sind nicht die einzigen biografischen Parallelen zwischen dem Autor und seinen Figuren.

Saturn ist niemand anderer als ein Autor namens Salvador Plascencia, der - von der geliebten Frau verlassen - einen Roman schreibt, während die Gang von El Monte einen "Feldzug gegen den allwissenden Erzähler" führt. Schließlich tritt der Autor selbst als Figur in Erscheinung. Seine Ex-Freundin wirft ihm vor, sie im Buch als "Verräterin, als Treulose, als Hure" dargestellt zu haben und bittet ihn, er möge die Erzählung noch einmal von vorne beginnen und sie "aus dieser Geschichte herauslassen" .

Das tut er auch wirklich. Und so ist im Buch der Innentitel nach 137 Seiten ein zweites Mal abgedruckt. Dann lautet die Widmung allerdings nicht mehr "Für Liz, die mich lehrte, dass wir alle aus Papier sind" , sondern schlicht und verletzend "Fotze" .

Echte Gefühle

Salvador Plascencias Roman ist ein postmoderner Text par excellence, beginnend bei der Gestaltung des Buches. Immer wieder wird der Fließtext von Seiten mit drei Spalten unterbrochen: In der einen berichtet Saturn als allwissender Erzähler, in den anderen beiden Spalten kommen die Protagonisten in Ich-Form zu Wort. Dann wieder steht der Text um neunzig Grad gedreht da, mitunter läuft er über das Seitenende hinaus oder ist durch schwarze Flächen unleserlich gemacht.

Entkleidet man den Roman von all seinem dekonstruktivistischen Brimborium, bleibt im Kern doch eine recht anrührende Geschichte um Verlust und Trauer übrig. Und das sind Gefühle, die wohl jede literaturtheoretische Debatte überdauern. (Gerhard Pretting, DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.08.2009)

  • Salvador Plascencia wird für seinen Roman "Menschen aus Papier"  (Nautilus Verlag) als Neuerer des magischen Realismus gefeiert.
    foto: nautilus

    Salvador Plascencia wird für seinen Roman "Menschen aus Papier" (Nautilus Verlag) als Neuerer des magischen Realismus gefeiert.

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