"Kann David Copperfield zaubern?"

21. August 2009, 17:54
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Andreas Berger, der Rekordsprinter Österreichs, ist von Usain Bolt begeistert und kann Jamaikas Dominanz erklären.

Berger beneidet Bolt um sein Gefühl vor dem Start. Weder unterstellt er Doping, noch hinterfragt er. Fritz Neumann fragt.

Standard: Ist erklärbar, in welchen Dimensionen Bolt unterwegs ist?

Berger: Nein. Ich staune seit Tagen, seit seinen 9,58 über 100 Meter, und bestaune auch die 19,19 über 200 Meter. Weltrekorde hab ich ihm zugetraut, aber dass er sie in der Härte und Brutalität heruntertrommelt, war unvorhersehbar. Ich hätte nie gedacht, dass es einen Menschen gibt, der den Sprint so definiert. Ich bin richtig begeistert.

Standard: Ist allein Bolts Größe, sind die 1,96 Meter wirklich so ausschlaggebend, wie viele sagen?

Berger: Er ist ja nicht nur groß, er hat sehr wohl auch die Muskelmasse und Stärke. Er ist schon ein g'scheiter Henker. Einfach ein genetisches und biomechanisches Wunderwerk. Er verliert trotz seiner Größe nicht an Geschmeidigkeit. Er setzt um, wie sonst nur Läufer umsetzen, die fünfzehn Zentimeter kleiner sind.

Standard: Sie reden von der Schrittfrequenz?

Berger: Für die hundert Meter hab ich damals 44 Schritte gebraucht, Carl Lewis, obwohl viel größer als ich, brauchte 43. Und Bolt kommt mit 40 bis 41 Schritten aus, bei gleicher Schrittfrequenz. Usain Bolt ist ein Außerirdischer.

Standard: Erleben wir das noch, dass jemand schneller läuft?

Berger: Ich geh nicht davon aus. Aber so ist es mir schon gegangen, als Michael Johnson die 200 Meter 1996 in Atlanta in 19,32 Sekunden lief. Da dachte ich, das ist ein Weltrekord für die Ewigkeit. Und jetzt war Bolt schon zweimal schneller. Vielleicht hat er ja eine neue Zeitrechnung eingeläutet, vielleicht gibt's bald keinen Sprinter mehr, der kleiner ist als 1,95.

Standard: Jamaika hat knapp drei Millionen Einwohner, läuft aber der ganzen Welt auf und davon. Wegen der Yamswurzel oder weil's dort weniger Dopingtests gibt?

Berger: Ich hab eine andere Erklärung. Der Sprint ist Volkssport auf Jamaika, hat riesige Bedeutung. Jeder, der schnell laufen kann, wird dort als solcher auch erkannt. Ich bin sicher, Sprinttalente gibt's auch anderswo. Aber 99,9 Prozent erfahren es nicht, dass sie ein solches Talent haben.

Standard: Freilich werden Talente auch in den USA über den College- und Uni-Sport sehr systematisch gesucht und gefördert.

Berger: Aber beim Sprint landen dort viele, die sich in anderen Sportarten nicht durchgesetzt haben. Oder anders gesagt: Viele junge Amerikaner, die wirklich schnell sind, versuchen sich im American Football, wo sie sehr viel Geld verdienen können, und nicht in der Leichtathletik.

Standard: Sie sind nach wie vor mit 10,15 österreichischer Rekordhalter, Sie haben gedopt und gestanden und gesagt, nicht 99 Prozent seien sauber und ein Prozent gedopt, sondern eher umgekehrt.

Berger: Das würde ich aktuell vielleicht nicht mehr so sagen. Aber ich kenn mich halt aus und weiß, dass Sportler alles Erdenkliche tun, um Erfolg zu haben.

Standard: Glauben Sie, dass Usain Bolt dopt, oder kann man ohne Doping so schnell laufen?

Berger: Kann David Copperfield wirklich zaubern? Glaubt das irgendwer? Da und dort wird mit Illusionen und Hilfsmitteln gearbeitet, um der Welt etwas vorzuspielen, was real aussieht. Das heißt nicht, dass ich irgendwem Doping unterstelle. Nur - ich hinterfrage es nicht mehr. Ich kann's nicht mehr hören, wenn die erste oder zweite Frage der Reporter auf mögliches Doping abzielt. Was Bolt in Berlin zeigt, ist unheimlich toll und geil. Das ist es, was wir wollen. 60.000 Menschen im Stadion und zwei Milliarden vor den TV-Geräten kriegen eine Ganslhaut.

Standard: Können Sie das Gefühl nachvollziehen, mit dem Usain Bolt am Start steht?

Berger: Das ist das tollste Gefühl überhaupt, darum muss man ihn beneiden. Das Gefühl: Ich hab richtig was drauf, mir kann niemand das Wasser reichen.

Standard: Sie haben dieses Gefühl auch sehr genossen - in etwas kleineren Dimensionen?

Berger: Ich bin immer noch stolz darauf, was ich im Sprint erreicht habe. Es ist ja nicht nur Bolt besser geworden, es haben sich alle gesteigert. 1987 hab ich in Rom mit 10,36 im Semifinale zeitgleich als Neunter das Finale verpasst. Jetzt braucht man 10,01 fürs Finale. Den Weltrekord zu meiner Zeit hielt Carl Lewis mit 9,92, ich war davon 23 Hundertstel entfernt.

Standard: Muss ein junger österreichischer Sprinter, obwohl er vielleicht talentiert ist, nicht sofort aufhören oder in ein anderes Metier wechseln, weil er auf Sicht international keine Chance hat?

Berger: Wieso? Wer sagt das? Ich habe die Vision, Zwölf- bis 14-Jährige auf ihre Schnelligkeit hin zu testen. Mit fliegendem Start und einer 10-m-Messstrecke. Wenn man das flächendeckend durchzieht und tausende Kinder laufen lässt, bleiben sicher einige über, die eine Perspektive haben. Dann braucht man Know-how und ein bisserl Geld für Trainer. Ich sag nicht, dass man einen Weltrekordler produzieren kann. Aber man findet vielleicht den ersten Weißen, der im Sprint unter zehn Sekunden bleibt.

Standard: Das heimische Sportsystem allein kann keine Spitzenathleten finden und fördern?

Berger: Fehringer, Graf, einige Sprinter, jetzt der Diskuswerfer Mayer - was in der Leichtathletik passiert, passiert zufällig, da steckt keine Strategie dahinter. Ohne Privatinitiative geht nichts. Ein Beispiel sind die Kinder-Zehnkämpfe, aus denen sich in Linz eine hoffnungsvolle Gruppe entwickelt hat. Die Ausnahme in Österreich ist der Skisport, da gibt's wirklich eine systematische Förderung. Da macht es nichts, dass man, um fünf Spitzenfahrer hervorzubringen, zweihundert Opfer braucht. Das ist vielleicht unfair, aber es ist so. (DER STANDARD Printausgabe 22.08.2009)

Zur Person:

Andreas Berger (48) aus Gmunden hält seit 15. August 1988 den ÖLV-Rekord über 100 m (10,15). Hallen-Europameister über 60 m (1989). 1993 positiv getestet, Rücktritt. Führt eine Werbeagentur (bcgroup) und engagiert sich gegen das Rauchen (www.bnic.at).

 

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