Die Toten schweigen, doch sie kehren wieder

21. August 2009, 17:36
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Das Ensemble im Grazer Theater im Keller formt Elfriede Jelineks "Stecken, Stab und Stangel" zu plastischen Textgebilden

Vor vierzehn Jahren, am 4. Februar 1995, detonierte auf einem Feldweg in der Nähe der Romasiedlung von Oberwart eine Rohrbombe. Sie war an einem Metallschild montiert gewesen, das die Aufschrift "Roma zurück nach Indien" trug. Beim Versuch, dieses Schild zu entfernen, starben Karl und Erwin Horvath, Peter Sarközi und Josef Simon. Trotz des offenkundigen Zusammenhangs zu rechtsextremem Terror wurden zuerst die Häuser der Roma durchsucht. Jörg Haiders populistische Frage nach einem "Waffenschiebergeschäft, einem Autoschieberdeal oder ... Drogen" stellte Elfriede Jelinek ihrem 1996 entstandenen Stück voran. Um die Sprache als Urknäuel der Ausgrenzung geht es in Stecken, Stab und Stangl, um die Zähigkeit der Fäden, aus denen Politik, Massenmedien und Stammtisch die Muster der Fremdenfeindlichkeit knüpfen, um Phrasen, Ausflüchte und Lügen zu einem Teppich, unter den sich vier und tausend Tote kehren lassen.

Maik Priebe, der junge Regisseur, den Ernst M. Binder für die szenische Auflösung der komplexen Textur verpflichtet hat, kommt vom Staatstheater Schwerin und nähert sich Jelineks Sprachgewalt mit den Mitteln der Straffung und Präzision. In einem nüchternen (Kirchen-)Raum stehen als uniforme Blöcke einander gegenüber: drei Frauen und drei Männer in grauen Anzügen und strengen Frisuren und - ebenso stereotyp mit grauen Jogginganzügen, schwarzen Perücken und fantastischen Zigeunerschnurrbärten - die vier ermordeten Roma. Während die einen ununterbrochen reden, sind die Toten stumm. Doch aus der beiderseitigen Einförmigkeit quellen Musik und Blut: Chorgesang und Blut in Wellen von roter Wolle, an der die Sängerinnen unentwegt häkeln. Eine "Handarbeit" nannte Jelinek ihr Stück: Gedankenverbindungen, die sie knüpft, zu den präzise gebastelten Bomben des Franz Fuchs, zu "Staberls" Kolumnen, zu den Kommentaren von Franz Stangl, dem Lagerkommandanten von Sobibor und Treblinka, eines gelernten Webers. Dieser kommt zu Wort im dreitürigen Kasten an der Bühnenrückwand, der in Katharina Scheichers eindrücklicher Ausstattung an der Bühnenrückwand ein gespenstisches Innenleben als Beichtstuhl, gekachelte Gaskammer und Glaskäfig entwickelt. Zu Recht anhaltender Beifall. (frak, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.08.2009)

>> dramagraz im Theater im Keller, Graz, 0316/26 22 24, jeweils 20.00

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