Kleiner Businessmann, was nun?

21. August 2009, 17:34
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"Der einzige Mann auf dem Kontinent": Terézia Moras tragikomischer Roman

Am Morgen des 5. September 2008 liest Flora Meier Die Wand. Die Ungarin in Berlin, die Literatur studieren wollte und mühsam kellnert, ist mit dem Ossi Darius Kopp verheiratet. Als "sales manager" der kalifornischen Firma Fidelis vertreibt er Komponenten für drahtlose Datenkommunikation im deutschsprachigen Mitteleuropa, genannt D-A-CH, und im Osten, allein von einem Berliner Büroprovisorium aus.

Somit sei er Der einzige Mann auf dem Kontinent, sagt er zu Flora. Seine Floskel, ihre Lektüre von Marlen Haushofers Fiktion einer unerklärlichen Abgeschlossenheit, zuvor von Falladas Kleiner Mann - was nun?: vielsagende Anspielungen in Terézia Moras romanesker Tragikomödie eines Businesskaspars in den ersten Tagen der Wirtschaftskrise.

Die ökonomischen Betriebsamkeiten, die heute im Rampenlicht stehen, fanden bislang wenig literarische Aufmerksamkeit. Während Kathrin Röggla aus tatsächlichen Innensichten eine dokumentarische Erzählung findet und formt, erfindet Terézia Mora einen "modernen Büromenschen" als Antihelden und lässt ihn in realistisch scheinender Schilderung den falschen Boden unter den groß auftretenden Schuhen verlieren.

Anders als Rögglas Geschäftigkeitsberserker in wir schlafen nicht, anders als übliche Leistungsbehauptungen lauten, arbeitet er wenig. Der dicke Mittvierziger bringt nichts zustande, dafür macht er sich Betriebsamkeit vor. Zwar steht an jenem Freitagmorgen aus einem undurchsichtigen Geschäft mit Armeniern überraschend ein Paket mit vierzigtausend Euro in bar da, aber der unordentliche, ungeschickte Kopp vermag tagelang die Zentrale nicht zu erreichen und weiß nicht recht, wie er vorgehen soll. Während er Unmengen isst und säuft, während er mit vorgeblichen Freunden ähnlicher Ausprägung dauernd "wiehert" oder "jauchzt" , wurde auf der anderen Seite des Globus das Berliner Office schon geschlossen - ohne sein Wissen. Information und Kommunikation sind nicht die Stärke des Kommunikationsvertreibers. All sein Surfen im Internet nützt nichts, Tag für Tag schwinden eingeredete Schönheit und Leichtigkeit dieses Seins. Je weniger Kopp versteht, umso mehr konsumiert er. Vieles, auch sein Körper, funktioniert nicht mehr, bis alles in seinem Leben kracht.

Dem Durcheinander der Hauptfigur gibt Mora eine zeitliche Kapitelordnung, die das Geschehen auf eine Woche konzentriert, von Freitag bis Freitag, jeweils in zwei Teilen "Der Tag" und "Die Nacht" . Die Schilderung folgt wohl diesem Darius Kopp, gibt jedoch den Eindruck mehrerer Ebenen und somit unsicherer Handlung. Immer wieder vermitteln ohne Überleitung oder Zuweisung eingebaute Dialogsätze sowie ein scheinbarer Perspektivenwechsel - von "er" zu "wir" , "man" oder "du" - die Vorstellung, hier würden Stimmen durcheinanderreden. Zwischendurch stehen kurze Präzisierungen oder andere Möglichkeiten in Klammern, gelegentlich geben Formeln des Erzählers ("überspringen wir, dass ..." ) eine geordnete Erzählökonomie vor.

Der Ton ist leicht satirisch gehalten, bisweilen skeptisch-ernüchternd ("Er sah sich wieder die Bäume an. Sie standen." ), als Konter der umfassenden Formelhüllen der Figuren mit ihren Auflistungen, ihren Lebens- und Businessphrasen: "Nach einem Wochenende in der Natur war Darius Kopp ein neuer Mensch." Absatz. "Natürlich nicht."

Entgegen verbreiteten Medientheorien und Sprach-Kunst-Vorstellungen, die schon lange grundlegend eine einfache Abbildbarkeit der Welt verneinen, gelten dem kleinen Businessmann seine Informationen als Welt. In einem stillen Moment stellt er sich "eine Welt vor, auf der nichts geschah. Natürlich nicht Nichtsnichts, nur nichts, worüber es eine Information hätte geben können." Das kommt ihm so still und falsch vor, dass ihm gruselt "wie zuletzt als Kind vor grausamen Märchen". Noch kurz bevor Kopp den Job verliert, überlegt er, es sei "bewundernswert, dass es uns gelingt, so eine komplexe Gesellschaft am Laufen zu halten". Die Antwort gibt das Interieur, als er sein Glas abstellt: "Die Edelstahlspüle klang hohl nach." Und auch die Wand, die er zwischen sich und Flora schiebt, bemerkt er nicht.

Das Leben in vorgetäuschter Sicherheit, in der Blase einer Informationstechnologie gestaltet Terézia Mora großteils vergnüglich lesbar, einige Episoden als feinen Slapstick wie das Hemdanziehen am Montagmorgen, das die Tücke der Objekte, das verflixte Kragenknöpferl, geradezu exemplarisch vorführt. Jedoch walzt Der einzige Mann auf dem Kontinent die Oberflächen unnötig aus, gleicht sich die Darstellung, in der ja eine Erzählinstanz bemerkbar hervortritt, oft an das Sprachvermögen der Figur an ("Sie gingen ins Haus und hatten Sex. Anschließend gab es endlich etwas zu essen." ). So bleibt mir der Eindruck eines etwas zu bemühten, zu langwierigen Aufwands, der die Geschichte und das Erzählen der Geschichte selbst vorführt: ein durchschnittliches, durchschnittlich interessantes heutiges Leben in durchschnittlich interessanter Darstellung. (Klaus Zeyringer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.08.2009)

Terézia Mora, "Der einzige Mann auf dem Kontinent" . Roman. € 22,60 / 381 Seiten. Luchterhand, München 2009

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    "Sie gingen ins Haus und hatten Sex. Anschließend gab es endlich etwas zu essen": Terézia Mora.

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