Augenzwinkern an der Front der Leidenschaft

21. August 2009, 17:34
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Leonard Cohens "Buch der Sehnsüchte"

Und dann ist da Sheila. / Sie sagte, sei kein Dummkopf, Len. / Nimm deine Träume ernst. / Sie starb kurz nachdem / wir fünfzehn waren." Das ist der Leonard Cohen, den wir kennen. Der das Leben, Betrinken und Deprimiertsein, das Aufbrechen und Selbstfinden von Generationen begleitete. Die Lyrik im Buch der Sehnsüchte vertieft eine Welt, in die sensible Pophörige seit der ersten Identitätskrise gerne heimkommen. Wo sonst als in einem buddhistischen Kloster (im Süden Kaliforniens) sollte Jikan, wie er dort heißt, seine Verse hinkritzeln. Notizen aus einem schwankenden Leben zwischen ausschweifendem Sex und grundsätzlicher Resignation, zwischen Zen-Meister Roshi und französischem Essen.

Lesern scheint er sagen zu wollen: Ich war auch einmal jung und in Griechenland und schwanke auch zwischen Leidenschaften und der Suche nach Unveränderlichem. Doch ich weiß, wie es ist, wenn man den Traum weiterträumt bis daraus ein Kloster wird oder ein trauriges Lied oder zumindest 300 Dollar teurer Schnaps. Der Weltschmerz des Popikonenlebens hat sich aber längst in alterskluger Milde gebrochen. Buddha sei Dank herrscht großes Augenzwinkern an der Front der Leidenschaften: "besser als Poesie / ist meine Poesie /die sich auf alles / bezieht, was schön / und würdevoll, aber / selbst keines von beiden ist" . Ann Cotten und Wolf Wondratschek sorgten unter anderem dafür, dass beim Poplyrik-Genuss auf Deutsch nicht zu viel verlorengeht. (Alois Pumhösel, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.08.2009)

Hinweis:
Konzert am Mittwoch, 26.8., in Wiesen

Leonard Cohen, "Buch der Sehnsüchte". € 20,50/240 S. Blumenbar, München 2008.

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