Jedermanns Leben zwischen Buchdeckeln

23. August 2009, 15:00
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Abenteuerlich, zumindest aber interessant und mitunter sehr berührend sind die Geschichten der Leute "von nebenan" - Eine Berliner Journalistin "verwandelt Erinnerungen in Bücher" und bildet Schreibende weiter

er Weg zum Autobiografiker geht über Berlin. 1998 war es, als Katrin Rohnstock, Journalistin, Literatur- und Sprachwissenschafterin, die Idee zur Autobiografie für jedermann hatte. Warum sollten nur Politiker, Künstler oder Sportler Berichtenswertes erlebt haben? Nein, jeder sollte sein persönliches Buch bekommen können, bei dem der wahre Autor in den Hintergrund tritt.
Mittlerweile ist sie seit mehr als einem Jahrzehnt erfolgreich mit Rohnstock Biografien. Ob es die Lebensbeichte eines Wehrmachtsangehörigen ist, von ihm selbst erzählt oder von seinen Erben beauftragt und über Tagebücher rekonstruiert; ob es um die Geschichte eines Traditionsbetriebs geht, für die Mitarbeiter und Führungskräfte befragt werden; ob als Unikat oder in hoher Auflage: Rohnstock macht's möglich. 

"Ab 8000 Euro" sei man dabei, auch wenn es sich dabei "natürlich nur um ein kleines Buch handeln" könne. Schließlich sei so eine Produktion nicht gerade billig. Für die Erstellung der persönlichen Lebensgeschichte, vom Kundengespräch bis zur Fertigstellung, dauert es "mindestens ein Jahr".
15 bis 20 Schreiberinnen und Schreiber beschäftigt das Unternehmen derzeit. "Feste Jobs gibt es bei uns nicht", aber bei der momentanen Auftragslage seien ihre Autobiografiker "sehr gut ausgelastet".

Die Berufsbezeichnung hat die findige Unternehmerin, die sich früher als Schreiberin von Alltagsgeschichten "für die ganz Großen" wie FAZ, Die Zeit und Die Welt verdingte, schützen lassen: Wer sich Autobiografiker nennen darf, ging durch Rohnstocks Schule. Im Mai lief der bislang letzte Kurs. Pro Jahr werden im Schnitt zwölf, seit dem ersten Durchgang 2001 wurden etwa 100 Leute ausgebildet - wobei die Bewerberzahl "bei jährlich 300 bis 400 liegt". 

Die Liebe zum Menschen

Zwei Auswahlkriterien sind zentral: "Wir suchen Leute mit hohem Einfühlungsvermögen und guter Menschenkenntnis. Man muss die Menschen lieben, insbesondere alte Menschen, sonst kann man diese Arbeit nicht machen", erklärt Rohnstock. Ebenso wichtig ist "die literarische Kompetenz". Probetexte sollen zeigen, "dass jemand im Schreiben erfahren ist". Dabei müsse man „nicht unbedingt schon Bücher veröffentlicht haben". Es fänden sich etwa sehr viele Journalisten unter den Bewerbern und Teilnehmern. Bei denen sei anzunehmen, "dass sie das Schreiben gewöhnt sind".

Interessante Kandidaten werden eingeladen, oft in der Gruppe. Ihnen wird das Ausbildungssystem vorgestellt, sie schmökern in die "inzwischen mehr als 250" Rohnstock-Biografien hinein. "Natürlich werden verschiedene Motivationen von Kunden, ein Buch zu beauftragen, vorgestellt, damit man sich ein Bild von dieser Arbeit machen kann." Und schließlich entscheidet die Adaption einer mündlichen Lebensgeschichte darüber, ob ein Bewerber in das Programm aufgenommen wird.
Das Grundmodul kostet 3500 Euro. Nach dessen erfolgreicher Absolvierung ist "sozusagen das Gesellenstück" zu erstellen: eine Autobiografie unter Aufsicht eines Mentors. Wenn alles gut geht, besteht die Möglichkeit, künftig Aufträge über die Berliner Zentrale zu akquirieren. Oder man macht sich selbstständig, als Lizenznehmer. "Früher lief das über Franchise, aber das hat sich nicht rentiert. Wir haben das im Vorjahr umgestellt."

Die Kunden zählten bislang vor allem zur Kriegsgeneration. "Derzeit machen wir einen Generationswechsel durch", sagt Rohnstock und spricht vom wachsenden Bedarf der Kriegskinder, "so ab Jahrgang 1932". In Westdeutschland hat sie zunehmend auch die Akteure der Studentenbewegung im Auge, an die sie "vor fünf Jahren noch gar nicht dachte". Selbst komme sie nur mehr wenig zum Schreiben. Grad eben wieder einmal ein Vorwort, unlängst ein Nachwort - aber ein ganzes Buch? "Das ist derzeit unrealistisch." (Bernhard Madlener, DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.8.2009)

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    Nach einem reichhaltigen Leben Bilanz ziehen: Wer sich das Schreiben nicht selbst zutraut, dem hilft ein Autobiografiker

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