Religiöser Fundamentalismus und die Suche nach Orientierung

22. August 2009, 17:39
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Expertin: Autoritätsfiguren, "Gehirnwäsche" und Gruppendruck spielen geringere Rolle als angenommen

Wien - Religiöser Fundamentalismus geht für Religionspsychologen weniger auf Gruppendruck zurück, sondern vielmehr auf die Suche nach Orientierung des Einzelnen: Die Vertreter radikalerer Gläubigkeit "holen sich aus der Religion das heraus, was zu ihrem Persönlichkeitsprofil passt", sagt Susanne Heine vom Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie der Uni Wien.

So könne man nicht sagen, dass das Persönlichkeitsprofil oder die Religion schuld seien. Es komme vielmehr darauf an, "wie Menschen Religion sehen und für sich interpretieren". Autoritätsfiguren und "Gehirnwäsche" spielten in diesem Zusammenhang eine geringere Rolle als bisher angenommen. Das Thema ist ein Schwerpunkt beim Internationalen Kongress für Religionspsychologie in Wien (23.8. bis 27.8.).

Persönlichkeitsprofile

Wie Menschen dazu kommen, sich terroristischen Gruppen anzuschließen oder in die Richtung religiöser Gewalt zu gehen, wird in der Religionspsychologie etwa über Persönlichkeitsprofile erhoben. Ein geringes Selbstwertgefühl wie auch geringe Empathie-Fähigkeit zählen zu den Aspekten, die einen religiösen Fundamentalisten ausmachen. Die eigene psychische Befindlichkeit sei häufig schon vom Elternhaus her vernachlässigt worden. Das "stumme Aufwachsen", so die für die Konferenz verantwortliche Institutsvorständin, müsse aber "nicht totale Verwahrlosung" heißen. "Viele der terroristisch motivierten Leute kommen aus von außen besehen guten Familien und gutbürgerlichem Haus", so Heine.

Häufig ergebe sich aus der Vernachlässigung der Empathie eine gewisse Distanz zu den Eltern. Aus dem heraus entwickelten die religiösen Fundamentalisten schon als Kind eine Strategie. Die Kinder bezögen alles, was es an Zurückweisung von den Eltern wahrnimmt, auf sich und suche die Schuld bei sich, "um das gute Image der Eltern aufrecht zu erhalten und sich weiterhin zu ihnen in Beziehung setzen zu können".

Suche nach Zugehörigkeit und Demütigung

Neben der Suche nach Anerkennung gibt es auch jene nach Zugehörigkeit. Das führe häufig dazu, dass sich die Menschen einer Leitfigur anschließen. "Ein weiteres Motiv ist die Demütigung", die entweder aus einer eigenen Leidensgeschichte heraus, etwa Krieg, resultiert oder - ausgelöst durch das geringe Selbstwertgefühl - über die eigene Identifikation mit Opfern. Letzteres hänge "in der islamischen Welt politisch auch mit der Kolonialzeit zusammen, wo die islamischen Länder ihre Selbstständigkeit verloren haben". Selbst Generationen später könne diese Art Identifikation mit den Opfern noch von statten gehen. Diese Aspekte der Motivation zum Fundamentalismus gelten laut Heine für alle Religionen, nicht nur für den Islam. Gleichzeitig gehe es nicht darum zu sagen, "dass all diese Momente notwendigerweise zum religiösen Fundamentalismus führen".

Die Hörigkeit und die These, dass Menschen "in die Fänge von autoritären Menschen" kommen, sind laut Heine vor allem von den Sozialwissenschaften entwickelt worden. Viele Untersuchungen hätten gezeigt, "dass dies nicht stimmt" - zumindest nicht in der Dominanz, wie man sie bisher angenommen habe. Die Menschen seien vielmehr "sehr initiativ" auf Suche nach einer spirituellen Orientierung bzw. festen Prinzipien.

"Starke Schwarz-Weiß-Malerei"

Wenn Orientierungssuche und ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil zusammenfinden, "suchen Menschen sich (aus der Religion, Anm.) all das heraus, was in die Richtung einer strengen Unterscheidung von Licht und Finsternis geht", zeigten sie eine "starke Schwarz-Weiß-Malerei" und verfolgten apokalyptische Weltansichten, so Heine. Der Kampf gegen die Unvollkommenheit der Welt, etwa in Form von Mord oder Selbstmord, werde als ethische Pflicht angesehen.

Für den Fundamentalismus sind "religiöse Motive eigentlich die primären, nicht die politischen", so Heine. Religion werde weniger benutzt, um politische Aktionen zu legitimieren - "das ist nach allen Zeugnissen, die wir haben, nicht der Fall". Es seien vielmehr symbolische Aktionen, bei denen die Vereinigung mit einem Gott im Vordergrund steht.

Fundamentalistische Geisteshaltung ist, so Heine, eine "sehr moderne Erscheinung". Ihren Ursprung sieht die Religionspsychologin etwa in fortschreitenden Säkularisierungsprozessen, der Globalisierung und zunehmenden Mischung verschiedener Ethnien. Für Heine wäre es wünschenswert, wenn die Religionspsychologie mehr einbezogen werde in Strategien gegenüber religiösem Fundamentalismus. Vor allem wären die Religionsgemeinschaften "gut beraten, wenn sie sich diese Phänomene näher anschauen". (APA)

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    Viele Aspekte der Motivation zum Fundamentalismus gelten laut Heine für alle Religionen, nicht nur für den Islam.

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