Tschetschenen wollen für Kraftwerksunglück verantwortlich sein

21. August 2009, 20:31
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Tschetschenische Extremisten behaupten, sie seien die Urheber des Unglücks im größten Wasserkraftwerk Russlands - Der Kreml weist die Version eines Anschlags zurück

Islamistische Extremisten haben Russland den Wirtschaftskrieg erklärt. In einem am Freitag aufgetauchten Bekennerschreiben kündigte die radikale Gruppe Rijadus Salichijn die Zerstörung von russischen Gas- und Ölpipelines, Elektrizitätswerken, Hochspannungsleitungen sowie Industrieunternehmen an. Die Strategie sei bei einem Treffen der "Mudjahedin des nordkaukasischen Emirates" Anfang des Jahres beschlossen worden.

Die Gruppe bekannte sich in dem Brief, der auf der tschetschenischen Nachrichtenseite Kavkazcenter veröffentlicht wurde, zum Anschlag auf das Polizeihauptquartier in der inguschetischen Stadt Nasran, bei dem am Montag rund 25 Menschen ums Leben kamen. 200 Menschen wurden verletzt. Die Rebellen behaupteten auch, auch für das Unglück im Wasserkraftwerk am Jenissei verantwortlich gewesen zu sein.

"Im Namen Allahs wurde am 17. August ein lang vorbereiteter und durchdachter Sabotageakt im größten Kraftwerk Russlands durchgeführt" , hieß es in dem Brief. Im Turbinenraum sei eine Anti-Panzer-Granate mit einem Zeitzünder angebracht worden. "Die Explosion sorgte für einen enormen Schaden, einen größeren, als wir annahmen" , schrieben die Extremisten. Bei dem Unglück, dessen Ursache noch im Unklaren liegt, sind vermutlich rund 75 Menschen ums Leben gekommen.

Im Kreml wurde das Bekennerschreiben als "idiotisch" abgetan. Der Untersuchungsausschuss hatte gleich zu Beginn der Ermittlungen einen Anschlag ausgeschlossen. "Die Sprengstoffspezialisten des russischen Geheimdienstes FSB haben keinerlei Spuren von Sprengstoffen am Unfallort entdeckt" , betonte der Sprecher des Untersuchungsausschusses der Staatsanwaltschaft, Wladimir Markin, auch nach dem Auftauchen des Bekennerschreibens. Alexander Toloschinow, Vorstandsmitglied des Kraftwerkbetreibers RusHydro, schloss hingegen einen Terrorakt nicht aus.

Trittbrettfahrer vermutet

Russische Politologen halten das Bekennerschreiben für "Propaganda" . Die Durchführung eines derartigen Anschlags sei für die Rebellen zu kompliziert, meint Alexej Malaschenko, Kaukasus-Experte des Moskauer Carnegie-Zentrums. Er bezweifelte, dass eine Panzerabwehrgranate einen derartigen Schaden verursachen könne.

Indes ging am Freitag die blutige Anschlagsserie in den russischen Kaukasusrepubliken weiter. In der tschetschenischen Hauptstadt Grozny haben sich mehrere Selbstmordattentäter auf Fahrrädern in die Luft gesprengt. Sie rissen dabei innerhalb einer halben Stunde mindestens vier Polizisten, die sich gerade auf Streife befanden, mit in den Tod. Wie viele Menschen bei den Anschlägen verletzt wurden, war noch unklar.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew kündigte an, mit den Terroristen kurzen Prozess machen zu wollen. "Man darf sie nicht mit Samthandschuhen anfassen, sondern muss sie emotionslos und ohne Zögern liquidieren" , sagte der Präsident bei einem Treffen mit Geheimdienstchef Alexander Bortnikow. (Verena Diethelm aus Moskau/DER STANDARD, Printausgabe, 22.8.2009)

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    "Durchdachter Sabotageakt": Russlands Regierungschef Wladimir Putin machte sich selbst ein Bild über die Zerstörungen im Kraftwerk Sajano-Schuschenskaja. Der Kreml wies derweil das Bekennerschreiben einer tschetschenischen Terrorgruppe als "idiotisch"  zurück.

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