"Alles getan, um Probleme zu leugnen"

21. August 2009, 10:43
posten

TAZ: "Mischung aus Ruhe und Chaos" - ABC: "Mageres Resultat nach einer achtjährigen militärischen Präsenz des Westens"

Rom/Madrid/Berlin - Mit den Wahlen in Afghanistan beschäftigt sich am Freitag die europäische Presse:

"La Repubblica" (Rom):

"Noch dürften Wochen vergehen, bis wir mit Sicherheit wissen, wer die afghanische Präsidentenwahl gewonnen hat. Wenn wir aber dieser unbändigen Erleichterung vertrauen, die am Wahltag in Kabul die westlichen Diplomaten und die internationale Koalition wieder aufgerichtet hat, dann ist schon klar, wer verloren hat: Es sind die Taliban und die vielen internationalen Medien, die genüsslich ein Katastrophenszenario entworfen hatten. Die Taliban hatten als Feind des Islam alle abgestempelt, die es wagen würden, zur Wahl zu gehen. Sie haben jedoch nicht verhindern können, dass Millionen trotz ihrer Drohungen am Wahltag in Afghanistan in die Wahlbüros geströmt sind."

"La Stampa" (Turin):

"Noch ist nicht klar, welcher Kandidat diese Wahl gewonnen hat, wir können aber bereits eine Liste der Sieger und der Verlierer nach dem ebenso herbeigesehnten wie gefürchteten 'Election Day' aufstellen. Verloren haben die Taliban und die Kriegsherren. Gewonnen haben das afghanische Volk und die internationale Koalition. Trotz der blutrünstigen Erklärungen der Taliban in den vorangegangenen Tagen und der Welle blutiger und feiger Anschläge des vergangenen Monats (...) ist der Andrang zu den Urnen größer gewesen als in den rosigsten Erwartungen. Wie schon im Irak, als unter den Drohungen von Al-Kaida und der Aufständischen erste Wahlen abgehalten wurden, hat sich das Volk für die Wahl entschieden."

"ABC" (Madrid):

"Die Taliban-Terroristen haben nicht verhindern können, dass in Afghanistan erstmals freie und allein von afghanischen Instanzen organisierte Wahlen stattfanden. Dies ist angesichts der Lage, in der sich das Land befindet, eine große Errungenschaft. Allerdings ist es auch ein ziemlich mageres Resultat nach einer achtjährigen militärischen Präsenz des Westens. Die Taliban haben mit ihren Terroranschlägen bewiesen, dass sie gegen jede Form von Freiheit und Fortschritt sind und das Land ins finstere Mittelalter zurückführen wollen. Man muss einräumen, dass der Westen in Afghanistan nicht alles erreichen wird, was er sich vorgenommen hat. Das heißt aber nicht, dass die NATO, die größte militärische Allianz der Welt, die Taliban nicht besiegen kann."

"die tageszeitung" (TAZ) (Berlin):

"Eine Mischung aus Ruhe und Chaos, aus guter Organisation und geringer Beteiligung hat die Wahlen in Afghanistan gekennzeichnet. Während in einigen Teilen des Landes die Menschen ungestört an die Urnen gingen, lieferten sich in anderen Sicherheitskräfte heftige Gefechte mit den Taliban, die zu ihrem Ziel erklärt hatten, die Wahlen zu verhindern. Erste Klagen der Opposition über Betrugsversuche lassen befürchten, dass Zweifel am Wahlergebnis in den kommenden Tagen hohe Wellen schlagen werden. Offizielle afghanische Stellen und UNO taten alles, um die Probleme zu leugnen."

"Frankfurter Rundschau":

"Die Wahlen sind tatsächlich vor allem ein Ausweis, wie dramatisch sich die Lage am Hindukusch verschlechtert hat. Noch 2004 standen die Menschen Schlange vor den Wahllokalen, so sicher fühlten sie sich. Über 70 Prozent soll damals die Wahlbeteiligung gewesen sein. Heute ist vor allem der Süden faktisch Taliban-Land. Das spiegelte sich auch am Wahltag wider: Im relativ ruhigen Norden bildeten sich lange Schlange vor den Wahllokalen. Im unruhigen Süden blieben vielerorts Wahllokale leer."

"de Volkskrant" (Amsterdam):

"Trotz aller Probleme bei diesen Wahlen ist unverkennbar, dass die Afghanen ein starkes Interesse haben, mittels Stimmzettel Einfluss auf die Regierung ihres Landes und ihrer Provinz zu nehmen (...) Bei allen Zweifeln über die Legitimität ist eines ganz sicher, nämlich was die Alternative gewesen wäre. Die haben die Taliban deutlich zur Schau gestellt: Gar keine Wahlen. Sie haben ihr wahres Gesicht sehen lassen, das einer antidemokratischen Kraft, die Wahllokale sprengt und die Wähler mit Terror überzieht. Ihre Alternative ist die einer fundamentalistischen Macht, die aus den Gewehrläufen kommt." (APA)

Share if you care.