USA und Großbritannien verurteilen Helden-Empfang

21. August 2009, 19:44
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Wenn Libyen ihn nun zum Helden stilisiere, dann werde dies Konsequenzen für das künftige Verhältnis haben

Ärger in den USA und in England, offene Fragen bei den Hinterbliebenen: Die triumphale Rückkehr des in Schottland begnadigten Lockerbie-Attentäters Abdelbaset Ali al-Megrahi in Libyen tritt mehrere Diskussionen los.

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Die triumphale Heimkehr des einzigen verurteilten Lockerbie-Attentäters nach Libyen sorgt für Empörung in den Vereinigten Staaten und bringt die britische Regierung sowie die schottische Regionaladministration in Bedrängnis.

US-Präsident Barack Obama forderte den libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi dazu auf, den todkranken Abdelbaset Ali al-Megrahi (57) unter Hausarrest zu stellen. Das Londoner Foreign Office erwägt die Absage eines geplanten Besuchs von Prinz Andrew in Libyen. In Edinburgh wird am Montag das Regionalparlament über die Begnadigung des Straftäters debattieren.

Durch die Bombenexplosion an Bord eines Pan-Am-Jumbos kamen im Jahr 1988 kurz vor Weihnachten 259 Menschen ums Leben. Weitere elf starben, als die Trümmer im schottischen Städtchen Lockerbie aufschlugen.

Al-Megrahi hatte gut zehn Jahre seiner lebenslänglichen Freiheitsstrafe verbüßt. Weil er an Prostatakrebs im Endstadium leidet, wurde der Libyer am Donnerstagnachmittag gnadenhalber aus der Haft entlassen und umgehend in seine Heimat ausgeflogen. Bei der Landung am Flughafen von Tripolis erwarteten ihn hunderte jubelnde Landsleuten, die schottische Fahnen schwenkten.

"Dass ein Massenmörder wie ein Held empfangen wird, finde ich erschütternd" , sagte der britische Außenminister David Miliband der BBC. Die Entscheidung der Edinburgher Administration wollte er jedoch nicht kritisieren. In Amerika, dem Heimatland von zwei Dritteln aller Opfer, stößt al-Megrahis Begnadigung auf geschlossene Ablehnung. Das Weiße Haus spricht von "tiefem Bedauern" . In Washington wie in London verweisen Beobachter jedoch auch auf die kommerziellen Interessen britischer Firmen wie BP und Shell, die rasch wieder mit dem einstigen Paria Libyen ins Geschäft kommen wollen.

"Verschwörungstheorien"

Viele britische Hinterbliebene fordern jetzt eine neue Untersuchung des Massenmordes. Sie erhalten dabei Unterstützung vom Präsidenten der International Progress Organisation (Ipo), Hans Köchler, der den Prozess gegen al-Megrahi als offizieller UN-Beobachter verfolgte. "Das Gericht ist damals der absurdesten Verschwörungstheorie aufgesessen" , glaubt Köchler. Der Innsbrucker Universitätsprofessor hat sich, anders als irrtümlich in einem Teil der Standard-Freitagausgabe dargestellt, allen Spekulationen über die wahren Täter stets verweigert.

Eine unabhängige und öffentliche Untersuchung der Hintergründe des Anschlags sei dringend nötig, sagt Köchler: "Die Zeit drängt, schließlich liegt das Verbrechen 21 Jahre zurück." Notfalls könnten ihm zufolge jetzt aber auch die Vereinten Nationen aktiv werden: "Da der Sicherheitsrat offiziell mit der Angelegenheit nicht mehr befasst ist, hätte die Generalversammlung zweifellos die erforderliche Befugnis dafür." (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 22.8.2009)

 

  • Der Lockerbie-Attentäter, Abdel Basset al-Megrahi, bei seiner Ankunft in am Flughafen in Tripolis.
    foto: epa

    Der Lockerbie-Attentäter, Abdel Basset al-Megrahi, bei seiner Ankunft in am Flughafen in Tripolis.

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