Auf Tuchfühlung

Project Natal: Das Unberührbare begreifen

Zsolt Wilhelm, 20. August 2009, 22:27
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    Kicken und Schmettern, die Technologie-Demo "Ricochet" verlangt körperliche Höchstleistungen.

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    So soll das Peripherie-Gerät von "Project Natal" später einmal aussehen.

Der WebStandard stellte Microsofts 3D-Kamera-Prototypen für Xbox 360 auf die Probe und ließ sich überraschen

"The next big thing", wirft ein schweizer Vertriebschef in die kleine Runde aus Marketing-, PR-Fachleuten und Journalisten und reibt sich vorfreudig die Handflächen. Wenige Sekunden davor mimte er noch aufgeregt mit seinen bloßen Händen einen Autolenker. Microsoft-Manager Kudo Tsunoda beendet zufrieden seine Demonstration mit den Worten, dass sich schon einige Werke zum neuen großen Projekt des US-Konzerns in Entwicklung befänden.

Die Rede ist von "Project Natal". Geht es nach den kreativen Köpfen aus Redmond, wird die Technologie dahinter Videospielen für immer verändern. Gut, das ist vielleicht ein Stück zu weit gegriffen. Aber zumindest konnten sich im Rahmen der GamesCom ein paar "Auserwählte" davon überzeugen, dass Controller-loses Gaming tatsächlich funktioniert und "Natal" die Möglichkeiten von aktuellen Kamera-Eingabesystemen bei Weitem übertrifft.

Dreidimensional

Wie schon im Vorfeld berichtet, erfasst bei Natal ein Infrarot-Sensor den Spieler dreidimensional und überträgt die Bewegungen von 48 Schlüsselstellen des Körpers in das Spiel. Diese Präzision erlaubt es, dass etwa Handbewegungen, Fußtritte, aber auch subtilere Gesten, wie Hüftkreisen, registriert werden. Ein entscheidender Vorteil gegenüber bestehenden Technologien ist, dass weder schlechte Lichtbedingungen noch andere Personen oder Objekte die Infrarot-Erfassung des Spielers beeinträchtigen.

Natal kann so zum Beispiel unterscheiden, was der Körper des Anwenders ist und was der Sessel, auf dem er sitzt. Sogar wenn plötzlich etwas die Sicht des Sensors auf den Nutzer (zumindest) zum Teil verdeckt, verfolgt das System weiterhin nur den Körper und seine Bewegungen. Damit ist die Grundvoraussetzung geschaffen, um den menschlichen Körper selbst zum effizienten Eingabegerät zu machen.

Demo-Time

Was damit gemeint ist, veranschaulichten während der Vorführung zwei Technologie-Demos. Das zuerst gezeigte Spiel "Ricochet", bei dem es darum geht eine steigende Anzahl von Bällen auf Mauern zu schmettern, stellte die genaue Registrierung des gesamten Körpers unter Beweis. Innerhalb von wenigen Augenblicken erkennt das System die Form und Größe des Spielers und überträgt die Informationen auf die Silhouette des virtuellen Abbilds (Avatars). Die Umsetzung erfolgt zwar nicht exakt 1 zu 1, aber immerhin werden Details wie einzelne Finger separat erfasst.

Das eigentliche Spielkonzept der Demo erwies sich im Kurztest als ziemlich anstrengend. Um alle Bälle mit Fuß, Kopf, Bauch und Händen abzuwehren, musste man schon die gesamte Breite von etwa vier Metern des Vorführungsraumes in Anspruch nehmen. Das lag einerseits daran, dass die Bälle immer schneller wurden, und man praktisch rasch zum Tormann beim Elfmeterschießen wurde. Andererseits machte sich noch eine deutliche Latenz zwischen Bewegung und Ausführung bemerkbar, weshalb Tritte oder Schläge mitunter ihr Ziel verpassten. Tsunoda erklärte, dass dies auf ausstehende Optimierungsarbeiten zurückzuführen sei. Die Ricochet-Demo zeigte vor allem aber eines: Natal registriert tatsächlich den gesamten Körper, ist resistent gegen vermeintliche Ablenkungen und kann Bewegungen in alle Richtungen, auch in die Tiefe umsetzen. 

Demo-Time die Zweite

Dass es auch deutlich präziser geht, untermauerte die zweite Demo. Hierfür wurde das Spiel "Burnout Paradise" rein zu Anschauungszwecken für Natal portiert. Anstatt einen Controller oder ein Lenkrad einsetzen zu müssen, mimt man schlicht und ergreifend die Lenkbewegungen mit den Händen. Je näher die Hände aneinander sind, umso kleiner ist der Lenkradius und desto feinfühliger ist die Steuerung. Beschleunigt wird das Fahrzeug, in dem man einen Fuß nach vorne schiebt, verzögert wird mit der entgegengesetzten Bewegung. Das Überraschende war, dass die Fahrzeugsteuerung auf diese Weise nicht nur ziemlich exakt und verzögerungsfrei erfolgt, sondern auch extrem intuitiv ist. Es braucht keine Erklärungen, man stellt sich vor den Bildschirm und spielt drauf los.

Es ist natürlich fraglich, ob man auf Dauer ganz ohne haptisches Feedback spielen möchte. Definitiv fühlt es sich besser an, mit einem ordentlichen Lenkrad zu steuern und dank Force-Feedback oder wenigstens Vibrationsmotoren die virtuelle Straße zu spüren. "Sie könnten ersatzweise ein Frisbee oder ein Tablett aufgreifen", verwies Tsunoda auf die Ausbaufähigkeit der Idee. Microsoft-Gründer Bill Gates meinte einmal, man werde eines Tages mit echten Tennisschlägern am Computer Tennisspielen können. Natal könnte das Fundament für diesen Wunsch stellen.

Weitere Einsatzgebiete

In seiner finalen Version soll Natal neben dem Infrarot-Sensor eine gewöhnliche RGB-Kamera für die Gesichtserkennung und ein Mikrofon für Sprachbefehle umfassen. Gebündelt in einem Peripheriegerät wird es so an jede Xbox 360 angeschlossen werden können. Auf der Microsoft-Konsole soll Natal dafür sorgen, dass auch das Menü Controller-frei durchsucht und damit alle weiteren Funktionen genutzt werden können. Über die Gesichtserkennung würde man sich dann sogar automatisch in sein persönliches Profil einloggen.

Für jedermann

Microsoft spricht somit in erster Linie all jene Menschen an, die mit konventionellen Videospielen bisher nichts anfangen konnten. Oberflächlich betrachtet, eignet sich die Technologie dafür, um Casual-, Fitness- und Party-Games zu kreieren. Für intensivere Spielerlebnisse könnte die Kombination mit Gegenständen oder einem Controller das Potenzial für aufwändigere Produktionen öffnen. So ließe sich wiederum die bestehende Xbox-Kernzielgruppe ins Boot holen.

Produkt-Manager Tsunoda stellte auch Multiplayer-Spiele in Aussicht, wobei konkrete Anwendungen auf der GamesCom noch nicht gezeigt wurden. Bill Gates erklärte in einem Interview Mitte Juli mit dem Branchenblatt Cnet, Natal würde sich ebenso für PC-Anwendungen eignen. "Minority Report" für die heimische Medien-Verwaltung so zu sagen.

In den Sternen

Wird man Videospiele in Zukunft tatsächlich ohne Controller, ohne Steuerkreuz, Analog-Stick oder Tasten erleben wollen? Die Antwort darauf werden Spieler in den kommenden Jahren wohl selbst liefern. Project Natal - wie auch immer es dann heißen wird - soll nach dem Unternehmensfahrplan gegen Ende 2010 auf den Markt kommen. Die Technologie ist schon in dieser frühen Form sehr vielversprechend, jetzt müssen nur noch die überzeugenden Inhalte folgen. (Zsolt Wilhelm aus Köln, derStandard.at, 20.8.2009)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 90
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Nitram1988
00
22.8.2009, 03:34
Wenn das System wirklich sehr genau ist, wäre es als Golf und Tennis Lehrer interessant.

Ich hab mal probiert mit der wii golf zu spielen, aber weiter wie 100 Meter gingen meine Bälle nicht. Aber wenn man sich mit seinen echten Schlägern im Winter am Home-Simulator austoben kann würde Natal sicher ein erfolg, zumindest in dem Sektor.
Für StarWars wäre ein Lichtschwert auch netter als Contoller oder das Drum vom wii.
Für Rennspiele ist es halt nicht so ideal.

der Pinguin
 
10
21.8.2009, 20:27
schau ma mal

bis das einsatzfähig ist, buch ich einfach weiterhin im Quarks die Holosuiten :)

Ko Prolyt
00
21.8.2009, 18:26
ich stell mir das lustig vor...

wenn es irgenwann gothic 37 gibt und ich als krieger in meinem wohnzimmer herumlaufe und beim herumfuchteln mit dem schwert meine einrichtung demoliere...

..oder in operation flashpoint 5 vom stand in die deckung springe und mir die zähne am fussboden ausschlage!

ein perfektes system! hoffentlich kaufen es möglichst viele leute! dann bin ich endlich wieder alleine im wald beim joggen bzw. habe die ganzen forststrassen wieder für mich und mein mtb... :-D

Mucius Valerius Scapula
00
21.8.2009, 16:59

Glaube ehrlich gesagt, das ist ein bisschen zu anstrengend. Gerade bei Spielen, die mehr 'Einsatz' erfordern - kann mir nicht vorstellen, bei einem Shooter vorm Fernseher physisch in Deckung zu springen. Für Gaudigames ist es sicher spaßig, aber tuts da nicht auch eine Wii?

Technisch allerdings eindrucksvoll. Fragt sich, wie gut es dann im heimischen Wohnzimmer voller Krimskrams funktioniert. Funktionierende Spracheingabe wird uns ja auch schon seit Jahrzehnten versprochen und die Differenz zwischen Demo und Realität ist... spürbar ;)

Elef
01
21.8.2009, 19:49
"Aber tut's da nicht auch eine Wii"

Ich vermute mal, dass MS dem gerade entgegenwirken will... Single Player ist die XBox eh schon super, aber der Partygame Sektor ist noch nicht ganz abgedeckt.

Turnham Green
10
21.8.2009, 14:09
was wir nicht alles

in unsere wohnzimmer reinlassen sollen... spracherkennung, sensoren, bewegungsanalyse... wo hab das alles schon mal gelesen?

salenoz
 
00
21.8.2009, 19:54

In einem Technikmagazin von 1987, das sagt es würde mindestens noch 20 Jahre dauern, bis das kommt ;-)

grandw
00
21.8.2009, 14:46

Und ich dachte schon ich bin paranoid :-D. Tatsächlich ist beim lesen des Artikels eher Beklemmung als Vorfreude aufgekommen.

Die Volksfront von Judäa
02
21.8.2009, 14:40
feuchte gamer träume

natal für pc + track IR + nVidia 3d vision + 200hz beamer

das kommt dann schon fast ans private holodeck ran ;)

an den spielen die das alles unterstützen wirds dann wohl leider mangeln, da ein derartiges setup nicht gerade billig ist :(

m.schmidler
00
21.8.2009, 22:44
Da läuft einem tatsächlich das Wasser im Mund zusammen...

Und naja, wer weiß, in 10 Jahren werd ma uns das auch leisten können ;)

grandw
01
21.8.2009, 15:24

Ehrlich gesagt tuns ein paar Zinnfiguren, Würfel und ein, anfangs, motivierter Gegner auch.

Aber so drücken sich wohl 10 Jahre Unterschied aus.

ram shackle
10
21.8.2009, 12:17
PS3 (slim) oder XBOX?

Ich stehe vor der Entscheidung und komme auf keinen Punkt.

DieFizinuss
00
21.8.2009, 14:48

is schwierig ja :)
unterm strich günstiger kommst du aber derzeit wohl mit der PS3, weil du da nichts für den online-zugang zahlst.

Matthias1
00
27.11.2009, 18:30

also für das Online-Angebot von Sony würde ich auch nix zahlen wollen, für das von MS allerdings schon! In diesem Bereich ist MS Sony meilenweit voraus

ram shackle
00
23.8.2009, 01:04

am besten bleib ich bei NES :-)

Captain Smoker
00
21.8.2009, 19:48

Dafür kostet die Hardware mehr. Und billig ist der Internetauftritt bei der PS3 wirklich. ;)

Háry János
30
21.8.2009, 11:37
Etwas derartiges

hab ich im technischen Museum schon vor einigen Jahren gesehen.

Vielleicht etwas einfacher, weil die Rechnerleistung dafür noch zu schwach war.

was weisich
00
24.8.2009, 15:12

BAM! There it IS!!

christian decker
05
21.8.2009, 11:06
wenn man das ein wenig weiterspinnt

haben wir den Controller in 5 Jahren in Meetingräumen und ich kann dann Demos rein mit Gesten steuern, Präsentationen weiterblättern mit einer einfachen Handbewegung und am Beamerbild mit dem Zeigefinger zeichnen....

Die Technologie bewegt sich ziemlich in Richtung Gestensteuerung (IPhone, Surface, ...) und Natal könnte diese Steuerung vom Ausgabegerät trennen....

D.h. ich bin mir sicher, dass Natal die XBOX-Gamer-Ecke in Zukunft Richtung Offie verlassen wird...

Christian

WindowsBlog.at
 
13
21.8.2009, 12:15
Gute Idee!

Ha, da kann man nette Abstimmungsfunktionen realisieren. Dafür, Hand hoch, Gegenstimmen, ... und an der Projektion ist die fertige Auswertung.

Dazu noch eine Füllstandskontrolle per Kamera für die Kaffeehäferl mit automatischem Refill-Call.

Der Meetingsraum der Zukunft ;)

someoneelse
00
21.8.2009, 15:32

Oh nein!
Dann wird ja aufgezeichnet wenn ich im Meeting in der Nase bohre. :(

Sebastian Auinger
00
21.8.2009, 10:40
Skeptisch

Eine geniale Sache. Aber ich persönlich bin sehr skeptisch, dass das ernsthaft funktioniert. Ich kann mir vorstellen, dass das System im Demomodus in einer vorbereiteten Umgebung in einem gewissen Umfeld funktionieren kann.

Aber so wie Sprach-Eingabe/Ausgabe wird das System auf eine gewisse Intelligenz angewiesen sein, bei der ich Zweifel habe, dass sie implementierbar ist.

Überdies haben solche Ankündigungen aus dem Hause Microsoft noch nie das gehalten, was sie versprochen haben, somit bin ich eher skeptisch.

elento
 
28
21.8.2009, 10:25

Will ich Tennis spielen, joggen oder sonst was dann GEH ICH RAUS. Will ich Orcs metzeln, Im WWII rumlaufen oder ein persischer Prinz sein, dann will ich mich nicht rühren müssen sondern das Spiel geniessen.

Track123
03
21.8.2009, 10:54

Das erinnert mich an den Gartenarbeitssimulator von den Simpsons :)

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