Chirurgie­stunden einer Skalpellmeisterin

20. August 2009, 19:33
posten

Die Dostojewski-Version "Verbrechen und Strafe" im Salzburger Landestheater

Salzburg - Gnade ist für Andrea Breth ein Fremdwort: Das sollte jeder wissen, der sich dieser aufreibenden, mehrstündigen Menschenzerlegung aussetzten möchte. Mit der Mode süffig dramatisierter Romankolosse hat Verbrechen und Strafe nichts zu tun. Das wurde 2008 bei der Uraufführung der gegen ursprüngliche Autorenpläne eisern durchgesetzten Eigenfassung der Regisseurin klar.

Von Breth sind nie Konzessionen zu erwarten. Nicht einmal das Theatralische an sich ist vor ihr sicher. Der schlichte Konsum eines Bühnenangebots ist unter diesen durch und durch antikulinarischen Auspizien Sünde. Also wird das Theater ins Filmästhetische gezwungen, das Bühnengeschehen so scharf wie möglich abstrahiert und distanziert. Erich Wonders betonschwere Unterführungsalbträume und Horizonte, Friedrich Roms diffuser Lichtqualm, Bert Wredes Klangfetzen suggerieren Verlorenheit und Klaustrophobie.

Ohne dieses unterschwellige Reizangebot wären Breths auf Swetlana Geiers Übersetzung basierende Textausuferungen reine Papierungeheuer - würden das Gemurmel, das Seufzen und Ächzen des herausragenden Darsteller- ensembles gänzlich auseinanderfallen. Breth blendet den Kriminalfall aus. Uninteressant der Mord Raskolnikows an den Pfandleih-Schwestern. Alle Hinwendung Breths gilt der Erniedrigung des Menschen. So gut wie allen Gestalten, auch dem fahrig zerflatternden Jens Harzer, fehlt der durchdringende Verzweiflungsgeruch existenzieller Kellerausbrecher. (Anton Gugg / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2009)

 

Share if you care.