Der Übertreibungskünstler

20. August 2009, 19:31
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Exaltiert: Klaviervirtuose Lang Lang gastierte bei den Festspielen

Salzburg - Der Jubel des Publikums ist ihm sicher: Nicht zuletzt aufgrund visueller Kriterien hat sich Lang Lang in den letzten Jahren zum Popstar unter den Klavierspielern entwickelt, der im spacigen Outfit, mit überdrehter Gestik und wahnwitziger Motorik das Publikum zu unabwendbaren Begeisterungsstürmen hinreißt.

Und auch einige seiner reifen Kollegen sind diesem Showman verfallen, was sich sogar nachvollziehen lässt. Denn der 1982 geborene Chinese verfügt nicht nur über eine blendende Präsenz, sondern auch über stupende manuelle Fähigkeiten, die er denn auch gerne in den Vordergrund stellt.

So musste auch bei seinem Auftritt bei den Salzburger Festspielen, der - natürlich - im großen Haus stattfand, den meisten die Luft wegbleiben. Entsprechend exaltiert spielte Lang auch diesmal, wenn er sogar noch bei Bartóks Sonate die martialischen Perkussionseffekte haltlos übertrieb.

Und dass er etwa bei Chopins As-Dur-Polonaise wie ein Zirkuspferd auf seinem Hocker herumhopste, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie beliebig seine interpretatorischen Entscheidungen in der Regel fallen: Kaum je nachvollziehbar waren die beträchtlichen Temporückungen und Akzentuierungen, die praktisch nie im nachvollziehbaren Verhältnis zum musikalischen Sinn standen.

Der grundsätzliche Eindruck, dass Lang ein Übertreibungskünstler ist, musste in Salzburg aber etwas modifiziert werden. So spielte er nicht nur eine Auswahl von Debussy-Préludes, sondern auch Schuberts "große" A-Dur-Sonate D 959 für seine Verhältnisse ziemlich gediegen. Der Merkwürdigkeiten blieben aber auch hier genug.

Kaum jemand, der in letzter Zeit auf diesem Niveau Karriere machte, hat ein derart willkürliches Verhältnis zum Notentext und lässt nicht nur grundlegende dynamische Vorschriften unter den Tisch fallen, sondern irritiert auch durch eigenartige, gar falsche Rhythmen. (Daniel Ender / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2009)

 

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