Superterrorist, vielleicht nur Bauernopfer

20. August 2009, 19:30
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Kranker Lockerbie-Attentäter Abdelbaset al-Megrahi kam frei

Er selbst hat immer seine Unschuld beteuert: Abdelbaset Ali al-Megrahi will mit jener Bombe, die am 21. Dezember 1988 in 10.000 Metern Höhe eine Boeing 747 zerriss, nichts zu tun gehabt haben. 258 Menschen starben an Bord, die Trümmer erschlugen in Lockerbie zwölf Dorfbewohner.

Die Spur des Anschlages führte nach Libyen. Doch es dauerte drei Jahre, bis Großbritannien und die USA gegen den 1952 in Tripolis geborenen al-Megrahi und einen weiteren Geheimdienstler Haftbefehl erließen. Ausgeliefert wurden der heute 57-Jährige und sein - dann freigesprochener - Landsmann erst, als die Vereinten Nationen Sanktionen gegen Libyen verhängten. Nach dem Anschlag stand al-Megrahi auf der FBI-Liste der zehn meistgesuchten Terroristen.

Offiziell war der stets gut gekleidete Libyer aber bloß Sicherheitschef der Fluglinie "Libyan Arab Airlines" und Leiter des "Zentrums für strategische Studien" in Tripolis. Studiert hatte der Agent tatsächlich: In den 70er-Jahren, in den USA - er soll stets beste Kontakte in die USA gehabt haben.

Der Prozess gegen den - nach eigenen Angaben - harmlosen Familienvater aus der Vorstadt fand auf "neutralem" Boden, in den Niederlanden, nach schottischem Recht statt. 2001 gab es ein Urteil: Lebenslang - eine vorzeitige Entlassung sollte erst nach 27 Jahren möglich sein.

2002 wurde der Spruch, der auf einer nicht eindeutigen Identifizierung basierte, bestätigt. Al-Megrahi jedoch versuchte aus dem Glasgower Barlinnie-Gefängnis immer wieder, das Verfahren neu aufzurollen: Er habe mit dem Anschlag nichts zu tun - aber Mitleid mit den Angehörigen der Opfer.

Auch Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi setzt sich stets für die Freilassung des Angehörigen eines einflussreichen Clans ein. Auch das Abbüßen der Strafe in Libyen stand am Tapet. Für al-Megrahi selbst zu wenig: Er wollte in einem neuen Prozess rehabilitiert werden. Erst vor wenigen Tagen zog er schließlich seine Berufung zurück.

Zuletzt intervenierte Gaddafi sogar bei Premier Gordon Brown (einem Schotten), den Mann, bei dem man 2008 Prostatakrebs im fortgeschrittenen Stadium diagnostiziert hatte, nach Hause zu schicken. Die nun gewährte Begnadigung könnte Gaddafi als weiteren Beleg für die Akzeptanz Libyens im Westen inszenieren. Im Gegenzug könnten Wünsche nach Ölgeschäften erfüllt werden. Al-Megrahi selbst dürfte das mittlerweile egal sein: Der Vater von fünf Kindern hat nur noch drei Monate zu leben. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD, Printausgabe, 21.8.2009)

 

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