Wirkmächtig bis wirkschmächtig

21. August 2009, 12:11
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Die britische Band widersteht den Versuchungen der Wiederholung - auf ihrem dritten Album "Humbug" präsentiert sie sich ästhetisch breiter aufgestellt

Wien - "Arctic Monkeys get heavy" titelten britische Musikmagazine vorab anlässlich des dritten Albums der Arctic Monkeys. Und man wollte es gerne glauben. Schließlich, so wurde berichtet, tat das britische Quartett eine Reise in die kalifornische Wüste, in der Josh Homme die Jungs aus Sheffield empfing, um mit ihnen ihr neues Album aufzunehmen.

Und Josh Homme kennt sich mit "heavy" aus. Schließlich ist er Chef des grandiosen Rock-Unternehmens Queens Of The Stone Age, der in seinem Wüstenstudio jene einschlägige Ware produziert, der die drückende Hitze und die gelegentlichen Sandstürme ihrer Entstehungsumgebung deutlich anzumerken sind.

Dass das Album dann ausgerechnet Humbug (Domino Rec. / Vertrieb: Hoanzl) betitelt wurde, ließ zumindest im deutschsprachigen Raum Skepsis am bereits vorauseilend verteilten Lorbeer aufkommen. Und mit einer kompletten Neuausrichtung unter Hommes strenger Aufsicht war plötzlich auch nicht mehr zu rechnen, denn die Arctic Monkeys vertrauten neben ihm weiter auch auf das Produktionstalent von James Ford, der ihr Vorgängeralbum aus der Taufe gehoben hatte. Also alles neu und alles beim Alten.

MySpace-Wunderkinder

Tatsächlich ist Humbug ein Zwischenwerk geworden. Die Band, die 2006 mit Whatever People Say I Am, That's What I'm Not debütierte, galt mit ihrem aufgekratzten Punkrock als eines der ersten MySpace-Wunder. Immerhin wuchs aus dieser Online-Plattform eine in die Hunderttausende gehende Fangemeinde heran - noch bevor die Monkeys dann doch den traditionellen Weg einschlugen, beim Label Domino unterschrieben und physische Tonträger veröffentlichten.

Doch die Euphorie wurde dadurch nicht gebremst. Das Album verkaufte bereits am Erscheinungstag 120.000 Stück, am Ende der ersten Woche waren über 360.000 Alben über die Ladentische gewandert. Ein historischer Rekord auf der Insel, die von Songs wie I Bet You Look Good On The Dancefloor oder When The Sun Goes Down in Beschlag genommen war. Und bald wuchsen die Arctic Monkeys zum weltweiten Phänomen.

Nerv der Zeit

Schließlich berührte die sich überschlagende, dabei melodiöse Musik mit egozentrischen Texten einer die Welt altersbedingt als Party begreifenden Band den Nerv der Zeit. Mitten ins prosperierende New-Wave-Revival, in dem die Schotten Franz Ferdinand bereits vorexerziert hatten, das selbst in den Nullerjahren eine ephemere Welteroberung möglich ist, schickten sich die Arctic Monkeys an, diesbezüglich kräftig nachzulegen.

Das gelang mit dem zweiten Album Favourite Worst Nightmare, auf dem die Erfolgsformel weitgehend unverändert blieb. Dennoch: mediale Hysterie, Beste-Band-der-Welt-Segnungen und all der übliche Hype-Quatsch, der heute jede einigermaßen überlebensfähig wirkende Band begleitet.

Dabei waren die Arctic Monkeys live ein eher bescheidenes Vergnügen. Vier Schüchtis at work. Und die Versprechung jugendlicher Wildheit wurde von Sänger Alex Turner und dessen mit Miles Kane betriebenem Nebenprojekt The Last Shadow Puppets, mit dem er im Vorjahr souverän in süßen Sixties-Fantasien schwelgte, weiter enttäuscht. Es muss nicht immer Brandy und Crack zum Frühstück sein, ein Café au lait avec un croissant ist auch nicht schlecht. Und die Charts ließen sich damit zu Hause auch toppen.

Daran ließ sich ablesen, dass zumindest Turner nicht vorhatte, nach kurzer Zeit des Oberwassers wieder unterzugehen. Der Wille zur Weiterentwicklung schlägt sich nun auf Humbug nieder. Wobei die vorausgerufene neue Heavyness sich dann doch nur eher unterschwellig ausnimmt.

Außer in einem Song wie Pretty Visitor, dem der ästhetische Einfluss von Homme deutlich anzumerken ist, bedeutet "heavy" vor allem ein Zugeständnis an etwas langsamere Tempi. Auch schon was. Spätestens seit Black Sabbath, zu denen man sich neuerdings offen bekennt, ist bekannt, dass Schwere abgebremst ungleich wirkmächtiger ist als bei Vollgas. Auch versucht Turner manche Songs geheimnisvoller anzulegen - wie der das Album beschließende Titel The Jeweler's Hand belegt, der sich der früheren Direktheit versagt.

Ein Stück wie Cornerstone erinnert hingegen eher an den Pop-Dandy Morrissey - allerdings in einem seiner wirkschmächtigeren Momente. Immerhin wird hier versucht die Band breiter aufzustellen, mehr Abwechslung zu bieten. Dem Publikum und wohl auch sich selbst. Ihre Meisterschaft im Fach der cool hingeschluderten Pop-Knackwurst ist hinreichend bekannt. Unberechenbar zu sein, das gelingt der Band auch mit einer Coverversion, die auf der Rückseite der ersten Single Crying Lightning zu finden ist: einer Deutung von Nick Caves Red Right Hand.

Jetzt gehörte das alles nur noch live glaubwürdig umgesetzt. Wird schon werden. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2009)

 

"Humbug" von Arctic Monkeys ist ab 21. August im Handel (Domino).

  • Wo ist hier heavy? Auf der Suche nach dem Erbe von Black Sabbath durchwanderte die britische Band Arctic Monkeys die kalifornische Wüste ebenso wie die Schluchten New Yorks.
 
    foto: hoanzl

    Wo ist hier heavy?
    Auf der Suche nach dem Erbe von Black Sabbath durchwanderte die britische Band Arctic Monkeys die kalifornische Wüste ebenso wie die Schluchten New Yorks.

     

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