Lockerbie-Attentäter entlassen, "um zu sterben"

20. August 2009, 19:38

Prozess-Beobachter der Uno aus Österreich glaubt heute noch an ein Fehlurteil

Der krebskranke Lockerbie-Attentäter Abdel Bassit Ali Mohamed al-Megrahi (57) wurde am Donnerstag vorzeitig aus der Haft entlassen. Das teilte der schottische Justizminister Kenny MacAskill in Edinburgh mit. Die Freilassung des Libyers, der Prostatakrebs im Endstadium hat, erfolge aus humanitären Gründen. "Er geht nach Hause, um zu sterben" , sagte MacAskill. Der Libyer habe laut Gutachten "weniger als drei Monate" zu leben, seine Krankheit sei "tödlich, endgültig und unumkehrbar" .

Wie berichtet, war Al-Megrahi vor acht Jahren für einen Bombenanschlag auf ein Passagierflugzeug der US-Fluglinie PanAm im Jahr 1988 verurteilt worden. Das Wrack stürzte auf die Ortschaft Lockerbie, insgesamt kamen 270 Menschen ums Leben.

Noch am Donnerstag wurde Al-Megrahi von Glasgow nach Libyen geflogen und Medienberichten zufolge vom libyschen Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi erwartet. In Libyen gilt der verurteilte Ex-Geheimdienstmann als Bauernopfer im Spiel der Weltpolitik. Mit der Auslieferung Al-Megrahis zum Prozess waren internationale Sanktionen gegen Libyen aufgehoben worden. Weitere Verbesserungen folgten auf Entschädigungszahlungen für Lockerbie-Angehörige. Ab 2003 begannen im früheren "Schurkenstaat" auch ausländische Investitionen wieder zu fließen. Britische und amerikanische Ölmultis sind an den Öl- und Gasvorkommen interessiert, die USA haben wieder eine Botschaft in Tripolis, der Tourismus nimmt zu.

Von der US-Regierung wurde die Freilassung von Al-Megrahi mit "tiefem Bedauern" zur Kenntnis genommen, wie ein Sprecher des Weißen Hauses mitteilte. Die USA hatten aus Rücksicht auf die Familien der Opfer bis zuletzt gegen die Entscheidung protestiert.

Professor Hans Köchler von der Uni Innsbruck, der einst als Uno-Beobachter den Lockerbie-Prozess in den Niederlanden verfolgt hatte, begrüßt die Freilassung. "Meines Erachtens war Al-Megrahi nicht schuldig im Sinne der Anklage" , sagt er dem Standard. Von der Anklage angekündigte Sachbeweise seien im Indizienprozess zusammengebrochen. So sei etwa anfänglich von einer engen Zusammenarbeit mit dem zweiten Angeklagten die Rede gewesen. Letzterer wurde allerdings freigesprochen.

Dass Al-Megrahi seine Berufung vor wenigen Tagen zurückgezogen hat, bedauert Köchler, der auch Präsident der International Progress Organisation (IPO) ist. Die schottische Justiz hatte der Berufung erst nach vier Jahren zugestimmt - für Köchler ein Zeichen für Geheimdienstintervention. Das britische Außenamt habe mit Verweis auf die nationale Sicherheit die Herausgabe wichtiger Dokumente verweigert.

Wer für das Attentat verantwortlich sei? Darauf hat Köchler keine definitive Antwort: "Es gibt eine Reihe von Theorien." Tatsächlich stand lange Zeit der Iran im Verdacht. Hartnäckig halten sich auch Hinweise auf Südafrikas Geheimdienst. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 21.8.2009)

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12 Postings
tiqui taca
11
21.8.2009, 12:49
Die schottische Justiz hatte der Berufung erst nach vier Jahren zugestimmt - für Köchler ein Zeichen für Geheimdienstintervention. Das britische Außenamt habe mit Verweis auf die nationale Sicherheit die Herausgabe wichtiger Dokumente verweigert.

also hat der geheimdienst anscheind auch bei der nk seine hände im spiel ;)

Fritz Wunderlich
11
21.8.2009, 11:49

im print stand etwas von einem wichtigen clan, dem das sogenannte bauernopfer angehört - ein widerspruch?

Placebo
 
00
23.8.2009, 23:16
Der Denver Clan?

MiNeum71
 
31
20.8.2009, 23:05


So bitter das auch für manch Angehörige der Opfer und für manch unwichtige Mitglieder der Standard-Community klingen mag: Man muß auch verzeihen und vergessen können, auch weil dies letztenendes der Gesundheit der eigenen Psyche dient.

Placebo
 
00
23.8.2009, 23:18
Zu viel der Erinnerung an die Vergangenheit halte ich ja für Gift.

Aber einwenig muss man sich damit auseinander setzen und wir reden vielleicht weiter, wenn deine Familienmitglieder mal von der Erdoberflche gefegt wurden.

Dann sag ich dir: Hey, was solls? Vergiss die Typen einfach, das Leben geht weiter.

Und du bohrst mir deine Faust in den Magen. Wetten? :-)


dasistkeinpostingname
05
20.8.2009, 21:17

Das Verbrechen gegen 270 Menschen war "tödlich, endgültig und unumkehrbar" . Sie konnten nicht "nach Hause (gehen), um zu sterben" .

Knattlhuber
23
20.8.2009, 21:38

Tatsaechlich hat sich auch die Vereinigung der Opfer von Lockerbie fuer seine Freilassung ausgesprochen. Und wie auch schon im Artikel angemerkt, ist es wahrscheinlich, dass er einfach ein Bauernopfer war.

Knattlhuber
03
20.8.2009, 23:03

Die Reaktionen der Angehoerigen der Opfer auf die Freilassung haengen anscheinend stark davon ab, auf welcher Seite des Atlantik sie wohnen...
http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_n... 198809.stm

Prinzipal
82
20.8.2009, 21:35
aber sie werden sicher lebendig, wenn der angebliche täter im häfn verreckt

jo eh
03
20.8.2009, 22:55

nein, aber mit diesem totschlagargument können sie auch strafen abschaffen, weil kein opfer mehr lebendig wird. das ist aber auch nicht ziel und zweck einer strafe für massenmörder

Prinzipal
31
21.8.2009, 08:59
schön, sie haben erkannt

dass totschlagargumente nicht zielführend sind. das war meine intension genau das meinem vorposter vorzuführen.

vieleicht nicht die elleganteste methode und anhand der roten stricherl folgernd auch nicht die verständlichste

Queen of Sheba
 
00
20.8.2009, 18:55
Vielleicht wird man auf dem Kohlmarkt fündig.

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