Wie Leila der Zwangsehe entkam

20. August 2009, 18:41
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Fotografieren lässt sie sich nicht – aus Angst, erkannt zu werden. Der anonym in Wien lebenden Türkin ist es gelungen, sich aus einer Zwangsehe zu befreien

Wien – Kinnlanges, dunkles Haar, geschminkte Augen, ärmelloses T-Shirt, Sommerrock. In diesem legeren Outfit sitzt Leila (24, Name geändert) da, in der Türkei geboren, mit 14 Jahren zwangsverheiratet und nach Österreich gebracht. Fünf Jahre später wurde sie in Österreich geschieden, aus eigenem Entschluss und mit Unterstützung einer Beraterin. "Mein Leben, wie es jetzt ist, ist gut", sagt die junge Frau, die aus Furcht, erkannt zu werden "kein Foto, nicht einmal eines von hinten" zulässt.

Zur Zeit verbessert Leila in einem AMS-Kurs ihre Deutschkenntnisse und kommt regelmäßig in die Interventionsstelle gegen Gewalt. Ihr größter Wunsch: "Ich würde gern als Kosmetikerin arbeiten". Ihr klarer Vorsatz: "Heiraten werde ich bis auf Weiteres nicht mehr, auch, wenn meine Eltern jetzt wieder Druck machen."

Doch Vater und Mutter lebten eben in einer türkischen Kleinstadt: Sie wüssten nicht, dass eine Frau mit Kind in Österreich auch ganz gut ohne Ehemann auskomme.

Kein "Prinzessinnenleben"

Die Eltern, meint Leila, hätten auch vor zehn Jahren nicht geahnt, in welche Hölle sie ihre Tochter schickten. Sie seien davon ausgegangen, dass es ihr nach der vermittelten Heirat mit einem zwölf Jahre älteren, türkischstämmigen Mann aus Österreich gutgehen werde: "Und außerdem mussten sie kein Geld für meinen Unterhalt mehr aufbringen." Auch sie selbst habe an "ein Prinzessinnenleben in Wien" geglaubt.

Doch dann wurde sie, aus Ankara kommend, von ihrem Mann in die enge Wiener Substandardwohnung chauffiert. "Keine Badewanne, keine Dusche, WC am Gang. Daheim in der Türkei hatte ich es besser gehabt", erinnert sich Leila. Und kaum waren zwei Wochen vorüber, ließ er sie tagelang allein: "Er war arbeitslos, hat die Zeit alkoholtrinkend und haschischrauchend mit anderen Männern verbracht." Als sie protestierte, ohrfeigte er sie. Als sie sich lauter beschwerte, schlug er stärker zu. Dazu kamen Vorwürfe der Schwiegereltern, weil sie nach Absetzen der Pille ein Jahr lang nicht schwanger wurde.

Vielleicht, weil ihr Körper mit 14 Jahren fürs Kinderkriegen noch zu unreif war: Zustände, wie sie laut der Sozialarbeiterin Tamar Citak in arrangierten Ehen regelmäßig vorkommen. "Fast jede dieser Ehen scheitert. Meist ist Gewalt im Spiel", erläutert die Mitarbeiterin des Vereins Orient Express, die in der Interventionsstelle Ansprechperson für zwangsverheiratete Frauen ist. Diese kämen "aus der Türkei und aus Indien, aus Pakistan und aus Marokko. Auch Romafrauen sind betroffen. Und einmal ist eine Frau aus Griechenland gekommen".

16 Frauen haben sich wegen einer bevorstehenden oder bereits eingegangenen, erzwungenen Eheschließung im Jahr 2008 an die Wiener Interventionsstellen gewandt, rund 60 an Orient Express. In den Wiener Frauenhäusern waren 2008 bereits sieben Prozent aller Bewohnerinnen auf der Flucht vor einer Muss-Heirat. Um ihnen effektiver helfen zu können, fordert Frauenhaus-Chefin Maria Rösslhumer "eigene Wohnprojekte für Betroffene zwischen 14 und 26 Jahren" ein. Die Frauenhausadressen seien zu leicht eruierbar.

Eines Tages, schildert Leila, habe der Ehemann besonders stark zugeschlagen: "Ich hatte den Mund und die Nase voller Blut". Da reichte es ihr: "Ich bin zur Polizei gegangen." Wie sie mit nur 16 Jahren den Mut dazu aufbrachte? "Ich bin später doch noch einmal zu ihm zurückgegangen", relativiert Leila die Anerkennung für ihren Schritt. Doch, das sei sehr mutig gewesen, betont Sozialarbeiterin Citak.

Damals und im Sommer danach, als die junge Frau vom Urlaub in der Türkei allein, endgültig ohne Ehemann, nach Wien zurückflog: "Er war wieder gewalttätig geworden. Ich habe das Schloss unserer Wohnung ausgetauscht und seine Kleider vor die Tür gestellt." Damals hätten auch seine Eltern verstanden, dass diese Ehe nicht zu retten war. "Das alles", sagt Leila, "hätte ich in der Türkei nicht geschafft. Und auch hier ohne Beratung nicht". (Irene Brickner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2009)

  • Info-Kampagne des Hilfsvereins: Beratung ist gut, es fehlt aber an Wohnungen für Frauen, die aus Zwangsehen flüchten.
    foto: verein orient express

    Info-Kampagne des Hilfsvereins: Beratung ist gut, es fehlt aber an Wohnungen für Frauen, die aus Zwangsehen flüchten.

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