Die Zerlegung von allem in Nullen und Einsen

20. August 2009, 17:44
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Dreißig Jahre sind sehr wenig und sehr viel. Was sich seit 1979, als die Ars Electronica begann, kaum verändert hat – und was nicht wiederzuerkennen ist

Aus der weiten Welt des Fortschritts, datiert mit 18. September 1979: Das neue Zimmer-Reservierungssystem Speedy wurde vorgestellt, meldete die APA. Mit seiner Hilfe könnten "in Minutenschnelle" freie Hotelzimmer in Wien festgestellt werden, das System sei von jedem Fernschreibanschluss aus erreichbar.

Am selben Tag testete die Post zwischen dem Fernmeldezentrum Arsenal und dem Ortsamt Meidling ein Glasfaserkabel, dem "in nächster Zeit große Bedeutung zukommen werde" . Eine Nachricht über elektronische Sensoren in Motoren wiederum wurde von der Spekulation begleitet, dass "schon in wenigen Jahren" der Anteil an Elektronik in Autos von zwei auf 15 Prozent steigen könnte.

Und in Linz ging an jenem Dienstag ein "Familien-Woodstock" über die Bühne. An die 100.000 Menschen seien zur Klangwolke der ersten Ars Electronica aufmarschiert und hätten die Technik restlos überfordert.

Die Zeit, in die das später international anerkannte Forum für Technologie, Kunst und Gesellschaft hineingeboren wurde, ist uns so vertraut wie fremd. In einigen Nachrichten, die damals auch noch kolportiert wurden - Folter in Afghanistan, Terroranschlag im Baskenland, Streit um die Anerkennung Israels durch die Palästinenser, Kritik des profil an "Hannes Andorsch" (sic!) -, spiegelt sich wider, wie sehr manches auf der Stelle tritt.

Andererseits: Minutenlang am Fernschreiber eine Antwort auf ein Telex erwarten, sich auf eine neue Schallplatte freuen, zur Telefonzelle laufen, weil der Viertelanschluss zu Hause dauernd besetzt ist, Bilder ausschneiden und aufkleben, mit dem Ergebnis zur Druckerei fahren, wo das Ganze abfotografiert wird und Stunden später in Druck geht: Viele wissen heute nicht mehr, wovon die Rede ist. Was bitte ist ein Vierteltelefon, was eine Wählscheibe?

Ditschitl ditschitl!

Stellt euch vor, sagte der Volksschullehrer, vor hundert Jahren schläft ein Mann in Wien in der Kutsche ein, wacht auf - und ist nicht in Eichgraben, sondern in Salzburg! So viel schneller, liebe Kinder, ist das Leben geworden, seit es Züge und Eisenbahnen gibt!

Heute genügen 30 Jahre Abstand für die gleiche Schwierigkeit, den "Lauf" der Dinge nachzuvollziehen - oder vorherzusehen.

1979 war der erste industriell produzierte Computer, Apple II, gerade zwei Jahre alt; den IBM PC, der Microsofts Aufstieg ermöglichte, gab's noch gar nicht. Die meisten Namen, die heute den einschlägigen Diskurs beherrschen, ob Google oder Facebook, Podcasts oder SMS, gab's damals höchstens als Hoffnungsschimmer der Eltern der Erfinder. Tim Berners-Lee, der Entwickler des World Wide Web, war immerhin schon ein junger Software-Ingenieur. Aber die Computer, an denen er arbeitete, waren so groß wie ganze Wohnungen, und von Hypertext und Vernetzung hat er wahrscheinlich nicht einmal geträumt.

Es gibt wohl kaum den einzig wahren Grund, warum sich seit damals die Entwicklung so beschleunigt hat; monokausale Erklärungen sind immer ein wenig verdächtig. Aber sehen wir mal davon ab, dass sich sowieso alles immer - und immer schneller - entwickelt (eine Weisheit, die vieles und nichts erklärt), dann bleibt uns die etwas präzisere und auf unser Thema gemünzte Vorhersage von Gordon Moore, die er bereits 1965 gemacht hat und die im Groben immer noch gilt: dass sich die Speicherkapazität von Transistoren (später Disketten, Festplatten etc.) alle zwei Jahre verdoppelt. Mr. van Cleef im Bild rechts hätte ein paar Jahre später mit einem zehnmal so kleinen Telefon hundertmal mehr machen können. (Moore's Law ist nicht zu verwechseln mit Murphy's Law, das wir in diesem Zusammenhang ebenfalls beachten sollten: dass, was immer schiefgehen kann, auch tatsächlich schief-geht ...)

Ein weiterer nicht unwichtiger Grund für die Entwicklung ist so bekannt und trivial, dass wir uns gar nicht mehr vorstellen können, dass er damals im öffentlichen Bewusstsein praktisch nicht existiert hat: das Phänomen des Digitalen.

"Digital" , das hatte etwas mit Zahlen zu tun, Ziffern statt Zeigern, siehe die ersten Digitaluhren, und mit Computern, man denke an die selige Digital Equipment Corporation. Zwar experimentierte Sony Ende der Siebziger bereits mit Digital-Analog-Wandlern, doch das war noch esoterisch. Erst die CD machte uns verständlich, wozu die Zerlegung von Information jeder Art in Nullen und Einsen imstande war. Herbert von Karajan unterstützte ab 1980 die neue Technologie massiv und trug unwissentlich dazu bei, dass sich die Musikindustrie eben durch die Digitalisierung in eine grandiose Sackgasse manövrieren würde.

Um die Zeit gab es nur wenige, die über den Rand der Compact Disc hinaus die weiteren Möglichkeiten der digitalen Technik erkannten. In Österreich war das vor allem Peter Weibel, der Mann mit den Fühlern an allen Kreuzungen von Kunst, Medien und Informationstheorie (und konsequenterweise ab 1986 Berater, von 1992 bis 1996 künstlerischer Leiter der Ars Electronica). Mit "Ditschitl ditschitl!" schreckte er die analoge Gemeinschaft der Künstler und Medienschaffenden auf, ein paar Jahre später arbeitete kein Mensch mehr mit Tonbändern oder Schreibmaschine, schließlich kaum noch mit Film.

Luxo Jr., John Lasseters liebes kleines Lämpchen von Pixar, hat den Animationskünstlern den Weg von mühsamen Einzelzeichnungen zu fantastischen Computertricks geleuchtet (und in Linz 1987 die erste Goldene Nica für Spezialeffekte bekommen).

Letztes Jahr hat das Futurelab der Ars Electronica übrigens mit 23,75 Gigapixel das größte Digitalbild der Welt geschaffen. Wollen wir wetten, dass Kinder in 30 Jahren über diese altmodische Chose, in 2-D und ganz ohne, sagen wir, olfaktorische Digitaldaten, lachen werden? (Michael Freund / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2009)

 

  • Als Handys noch Bi-Handys waren: Lee van Cleef in "Die Klapperschlange"
 
    foto: united artists


    Als Handys noch Bi-Handys waren: Lee van Cleef in "Die Klapperschlange"

     

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