Warum Verirrte Kreise ziehen

20. August 2009, 20:32
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Was in Filmen häufig beschrieben wird, bestätigte ein Experiment - Wahrnehmungsorgane liefern fehlerhafte Eindrücke

Tübingen - Orientierungslos in der Einöde. Verzweifelte Versuche, den Weg zurück zu finden. Und das Gefühl, im Kreis zu laufen. Was in Filmen und Büchern häufig beschrieben wird, bestätigt ein im Fachjournal Current Biology publiziertes Experiment von Wissenschaftern des Max-Planck-Instituts in Tübingen: Wer auf unbekanntem Terrain ohne äußere Orientierungshilfen unterwegs ist, geht tatsächlich im Kreis.

Zur Überprüfung dieser Theorie beobachteten die Forscher Jan Souman und Marc Ernst mit GPS-Empfängern ausgestattete Versuchspersonen in der Sahara und in einem Waldgebiet im Rheintal. Nur wenn sie sich am Sonnenstand orientieren konnten, gelang es den Probanden, einen geraden Weg zu verfolgen. "Sobald Bewölkung am Himmel aufzog und die Sonne verdeckte, beschrieben sie mitunter scharfe Kurven", berichtet Souman. "Einige unserer Versuchsteilnehmer haben mehrmals ihren Pfad gekreuzt, ohne es zu merken." Bisher versuchte man dieses Phänomen mit Unterschieden zwischen linker und rechter Gehirnhälfte oder verschieden langen und starken Beinen zu erklären. In einem weiteren Experiment widerlegten die Wissenschafter jedoch diese These: Die Probanden wichen nicht immer in dieselbe Richtung vom geraden Weg ab.

Die Ursache für die beobachtbaren Kreisbahnen sahen die Tübinger Forscher dagegen in zahlreichen kleinen Wahrnehmungsfehlern. "Wir können den Sinneseindrücken aus Augen, Ohren und Gleichgewichtsorganen nicht bedingungslos vertrauen. Vielmehr nutzen wir zusätzliche äußere Orientierungshilfen, wie z.B. Berge, Sonne oder Gebäude, mit denen unsere Wahrnehmung abgeglichen und gegebenenfalls korrigiert wird", so Souman.

Aus diesem Grund entfernt sich ein Mensch mit verbundenen Augen und ohne äußere Orientierungshilfen im Durchschnitt nicht weiter als 100 Meter von seinem Ausgangspunkt. Schlechte Chancen also für die Rückkehr. (nb, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. August 2009)


Abstract
Current Biology: Walking Straight into Circles

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Forscher beobachteten Versuchspersonen in der Sahara und in einem Waldgebiet im Rheintal.

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