Weltmeisterin braucht "Weiblichkeitszertifikat"

20. August 2009, 14:15
24 Postings

Zweifel am Geschlecht der südafrikanischen Läuferin und Siegerin über 800 Meter, Caster Semenya, sorgen für Empörung: "Ausdruck von Rassismus"

Johannesburg  - Ein schüchternes Mädchen vom Dorf macht Südafrika stolz, doch in die nationale Freude über den Titel bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin von Caster Semenya mischen sich auch Ärger und Empörung über den vom Weltverband (IAAF) verfügten Geschlechts-Test.

"Das klingt nach schlimmstem Rassismus; es repräsentiert eine Mentalität, die konform mit einem weiblichen Schönheitsideal der weißen Rasse geht", meinte die Nachwuchsorganisation der an der Kap-Regierung beteiligten Kommunistischen Partei (SACP) am Donnerstag in einer Reaktion. Sie betonte: "Die Williams-Schwestern (Venus und Serena) wurden nie solch einer öffentlichen Erniedrigung ausgesetzt, wie es der Internationale Leichtathletikverband getan hat; ist das so, weil sie amerikanischer Abstammung sind?"

"Gott hat sie so gemacht"

Die 18-jährige Sportstudentin Semenya sorgte am Donnerstag auf den Titelseiten der Medien am Kap als "Golden Girl" für Schlagzeilen. Wegen ihrer männlichen Erscheinung gibt es aber Zweifel, ob die Weltmeisterin über 800 Meter eine Frau ist. "Sie rief mich später an und sagte mir, dass sie sie dort für einen Mann halten", sagte Casters Großmutter Maphuti Sekgala (80) der Zeitung "The Times" und meinte: "Was kann ich machen, wenn man sie als Mann bezeichnet, obwohl sie keiner ist? Gott hat sie so gemacht!"

Ähnliche Reaktionen gab es am Donnerstag auch im Rundfunk. Dort wurde die Frage aufgeworfen, ob nicht neidische Mitbewerberinnen Semenyas Weltjahresbestzeit von 1:55,45 Minuten madig machen wollten. 

Der Verband der südafrikanischen Fußballspieler (SAFPU) schloss sich ebenfalls der Kritik am Gender-Test an und verdächtigte Australien, hinter der Verdächtigung zu stehen: "Es zeigt, dass diese imperialistischen Länder es sich nicht erlauben können, das Talent, das Afrika als Kontinent hat, zu akzeptieren."

Selbst der Gewerkschafts-Dachverband (COSATU) schaltete sich ein und kritisierte den Test. In einer Erklärung der COSATU heißt es wörtlich: "COSATU weist empört Versuche von jenen zurück, die versucht haben, ihren Erfolg durch vorgeschobene und grundlose Untersuchungen ihres Geschlechts zu untergraben."

Warum Geschlechts-Test gerade jetzt?

Auch der südafrikanische Leichtathletik-Verband sah keinen Grund für den Test. Vorsitzender Leonard Chuene beschuldigte einen Teil der Medien, den Verdacht zu nähren. Semenya habe erfolgreich an anderen internationalen Veranstaltungen teilgenommen, ohne dass der Verdacht aufgekommen sei. "Warum jetzt? Könnte es etwa sein, weil sie ein so gutes Abschneiden bei ihrer ersten Teilnahme an einer international wichtigen Meisterschaft so nicht erwartet hatten?", fragte er und hielt ihnen düstere Machenschaften vor.

Frauenministerium lobt ihren Erfolg

Vor dem Hintergrund der Spekulationen über ihr Geschlecht gratulierte ihr demonstrativ das südafrikanische Frauenministerium. Wörtlich heißt es in dem am Donnerstag in Pretoria veröffentlichten Glückwunsch-Telegramm des Ministeriums: "Der unglaubliche Erfolg Semenyas - trotz aller negativen Medienspekulation über ihr Geschlecht - zeigt ihre Entschlossenheit."

Glückwünsche an Semenya kamen auch von ihrer Universität in der Hauptstadt Pretoria, wo sie Sportwissenschaften studiert. Der amtierende Kanzler gratulierte ausdrücklich einer "brillanten Sportsfrau".

Physisch stark

Die Südafrikanerin aus dem nahe der Stadt Polokwane gelegenen Dorf Ga-Masehlong hatte schon früh mit solchen Zweifeln zu kämpfen. "Bei Sportveranstaltungen beschwerten sich Lehrer von anderen Schulen mitunter und behaupteten, sie wäre ein Junge. Ich denke, das lag daran, dass sie physisch stark ist und von der Figur her einem Jungen ähnelt", berichtete ihr ehemaliger Lehrer von der Nthema-Schule.

Wenn sie mit ihren fünf Geschwistern nicht gerade im elterlichen Haushalt half, Essen kochte, Wäsche wusch oder Wasser holte, galt ihre ganze Begeisterung dem Fußball. "Ich habe sie oft gefragt, warum sie weiter Fußball mit den Burschen spielt - sie sagte mir nur: 'Weil es mir Spaß macht'", sagte ihre Mutter Dorcas Semenya der Zeitung "The Star". Die 50-Jährige - der ihre Tochter stark ähnelt - bereitet sich gerade in dem ländlichen Ort Seshego auf eine Prüfung als Pflegerin vor.

Training mit Männern

Um ihre Tochter siegen zu sehen, musste sie eigens auf eine Lodge fahren, die Satelliten-TV hatte. Dort brodelte die Begeisterung. "Sie mag es, sich mit den Burschen zu messen und läuft ihnen beim Training meist davon; und das motiviert sie sehr, da es sie in eine bessere Ausgangslage versetzt, wenn sie gegen Frauen antritt", sagte ihr Trainer an der Universität Pretoria, Michael Feme, der "Times".

Semenya war erst vor drei Wochen wie aus dem Nichts kommend die Weltklasse-Zeit von 1:56,72 Minuten gelaufen. Im WM-Finale unterbot sie diese Leistung noch einmal und verwies Titelverteidigerin Janeth Jepkosgei aus Kenia (1:57,90) und Jennifer Meadows aus Großbritannien (1:57,93) auf die weiteren Medaillenränge.

Semenya ungerührt

Die Weltklasse-Läuferin gab sich abgeschirmt von den Medien von den Vorwürfen ungerührt. Sie genieße ihre Zeit in Berlin, sagte eine Betreuerin dem Radiosender SAFM. Semenya betonte nach Angaben ihres Team-Managers Phiwe Mlangeni-Tsholetsane, sie verstehe die ganze Aufregung nicht: "Sie glaubt, dass sie ein von Gott gegebenes Talent hat und sie es umsetzen wird."

Die Ergebnisse der genetischen Untersuchung sollen innerhalb einer Woche vorliegen. Der Internationale Leichtathletikverband hatte schon vor drei Wochen den nationalen Verband zu dem Test aufgefordert. Der Verdacht hatte sich an der tiefen Stimme der jungen Frau, ihrer erstaunlichen Leistungssteigerung sowie ihrem muskulösen Körper entzündet. Der Chef des Nationalen Olympischen Komitees, Gideon Sam, sprach dagegen vom "größten Tag ihres Lebens" und verurteilte Spekulationen über ihr Geschlecht.  (APA/dpa)

Link

Leichtathletik-WM bei derStandard.at/Sport

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Vor drei Wochen hat Caster Semenya das Feld der Weltklasse-Läuferinnen aufgerollt: Über 800 Meter lief sie die Zeit von 1:56,72 Minuten. Die WM hat sie in der Bestzeit von 1:55,45 Minuten gewonnen.

Share if you care.