Ars Electronica wird 30 und analysiert Eingriffe in menschliche Natur

20. August 2009, 12:32
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Stocker: Mensch verändert seine Natur "in ihren Grundlagen" - Roboter-Klon, begehbarer Sturm und von Menschengenen durchsetzte Pflanze - M.I.T. präsentiert sich an Kunstuni

Zum 30. Geburtstag widmet sich das Linzer Computerkunstfestival Ars Electronica (3. bis 8. September) den Chancen und Gefahren von Eingriffen in die menschliche Natur durch genetische Veränderungen und andere Technologien.

Die Natur in ihren Grundlagen zu verändern

Man werde sich an unser Zeitalter als jenes erinnern, in dem der Mensch "den ersten Schritt vollzogen hat, die Natur in ihren Grundlagen zu verändern", sagte Ko-Leiter Gerfried Stocker am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Dies könne man als "Eintritt in ein neues Erdzeitalter" sehen. Drei Hauptstränge des Eingriffes in die "Human Nature", so das Motto des heurigen Festivals, stellt Stocker in den Vordergrund: Als Beispiel der neu geschaffenen maschinellen Natur hat der japanische Forscher Hiroshi Ishiguro seinen "Geminoiden" nach Linz gebracht, einen Roboter, der ein technischer "Klon" seines Schöpfers ist und derzeit im Cafe des Ars Electronica Centers als "ganz normaler Gast" sitzt. Hiroshi Ishiguro wolle in Zukunft seine ganze Familie als Roboter nachbauen. Es sei zu hinterfragen, "was an dieser Begegnungsstelle von Mensch und Maschine passiert", so Stocker.

Keine "Frankenstein-Technologie"

Die Roboter von Hiroshi Ishiguro, heuer Featured Artist der Ars Electronica, seien keine "Frankenstein-Technologie", sondern stellten wichtige Fragen zum Menschlichen. Bio- und gentechnologische Veränderung steht u.a. im Zentrum der Ausstellung im neuen Ars Electronica Center, das darüber hinaus auch Schauplatz eines "Fassadenfestivals" sein wird: Die 5.100 Quadratmeter große gläserne Hülle wird Leinwand für künstlerische Arbeiten mit Musik, interaktiven Installationen und visuellen Experimenten. In der "Human Nature"-Schau im Brucknerhaus setzt sich die Installation "Drink.Pee.Drink.Pee.Drink.Pee" mit dem menschlichen Urin auseinander, die "Future Farm" zeichnet ein Zukunftsbild des Menschen als Nährboden für den Anbau neuer pharmazeutischer Produkte.

Die vernetzte Natur

Die dritte große Veränderung des Menschlichen findet die Ars Electronica in der vernetzten Natur: "Mit jedem Atemzug atmen wir nicht nur Feinstaubpartikel und Abgase der industriellen Revolution ein, sondern auch Unmengen an Gigabyte an Daten, die um uns herumschwirren", so Stocker zum konstanten Datenstrom, der uns umgibt. In diesem Zusammenhang steht das Kulturhauptstadt-Projekt der Ars Electronica, die virtuelle Weltreise "80+1". Das bereits seit 17. Juni laufende Projekt wird durch ein Symposium zum Thema "Cloud Intelligence: Envisioning the Future" (5.9.) beschlossen, das sich u.a. mit den Online-Aspekten der Proteste im Iran auseinandersetzt.

Lange Tradition

Mit dem Thema "Human Nature" führt die Ars Electronica eine lange Tradition fort: Bereits das erste Ars Electronica-Symposium im Jahr 1979 hat sich um den "modulierten Mensch" gedreht, schilderte Ko-Leiterin Christine Schöpf. Trotz "History Talks", die sich mit der Geschichte des Festivals beschäftigen, will die Ars zum Geburtstag den Blick nicht hauptsächlich zurück, sondern nach vorne werfen, betonte Schöpf. Den Auftakt macht ein Blick nicht ins Innere des Menschen, sondern in die Weiten des Weltalls: Bei der "Sternennacht" (3.9., ab 22 Uhr) sind die Linzer dazu aufgerufen, alle Beleuchtung abzudrehen und so ein sonst in der Stadt nicht mögliches Erleben des Sternenhimmels zu erlauben. Normalerweise ist die Sicht in den Kosmos "vom Licht verdreckt", so Schöpf. Mit rund 30 Arbeiten präsentiert sich das renommierte und ebenfalls 30 Jahre alte M.I.T. Media Lab unter dem Titel "Impetus" in der Kunstuni, die bisher größte Schau der Avantgarde-Forscher.

Vortragende und Diskutanten

Unter den Vortragenden und Diskutanten bei der heurigen Ars Electronica sind u.a. der Wiener Molekularbiologe Josef Penninger und der kanadische Forscher Derrick de Kerckhove. Derzeit sei es noch "fraglich", ob der unter Hausarrest stehende chinesische Blogger Isaac Mao (der gemeinsam mit David Sasaki das "Cloud Intelligence"-Symposium leiten soll) aus China ausreisen darf, so Stocker. Passend zur heurigen Thematik ist auch der Gewinner der Goldenen Nica in der Kategorie "Hybrid Art": Der US-Künstler Eduardo Kac hat sich im wahrsten Sinne des Wortes "pflanzen" lassen. Kac hat eine Sequenz seines Genoms in eine Pflanze übertragen und so aus einer Petunie eine "Edunia" geschaffen. Weitere Preisträger sind u.a. ein begehbarer Sturm, eine Community kolumbianischer Blogger und der Animationsfilm "HA'Aki", der ein Hockey-Spiel auf visuell innovative Art zeigt. Die Preise im Gesamtwert von 122.500 Euro werden während einer Gala am 4. September im Rahmen des Festivals verliehen. Die visualisierte Klangwolke beginnt heuer am 5.9. bereits um 15 Uhr am Hauptplatz und setzt sich um 21 Uhr wie gewohnt im Donaupark fort, heuriges Thema ist "Flut".(APA)

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