Gemeinsam dümmer durch Facebook?

20. August 2009, 09:00
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Experte: Soziale Netzwerke reduzieren unsere Innovationsfähigkeit

Jeder neuen Entwicklung ihr Backlash, vor allem je schneller sie sich ausbreitet. Vor einiger Zeit flimmerte die Google-Verdummungsdebatte durch die Blogosphäre; der österreichische Internet-Rechtsexperte Viktor Mayer-Schönberger zettelte jetzt eine andere Diskussion an: Soziale Netzwerke reduzieren unsere Innovationsfähigkeit (wir berichteten).

Freiräume fehlen, Neues zu denken

Das ist, zugegebenermaßen, eine starke Verkürzung seiner These, die er vor allen auf die Vernetzung der Open-Source-Programmierer untereinander und ihre Anwender bezog. Aber Mayer-Schönberger rechtfertigt diese Twitter-Version, indem er im Interview mit dem Standard sagte, "uns fehlen Freiräume, völlig Neues zu denken und anzugehen. Anstatt tausenden anderen auf Facebook mitzuteilen, was wir gerade machen, sollten wir wieder mehr auf unsere individuelle Kreativität setzen."

Beispiele der Folgen dieser "Connectedness" fallen einem dazu schnell ein: So sah sich z. B. Facebook selbst dazu gezwungen, Änderungen aufgrund der sich schneeballartig vervielfältigenden Proteste seiner User zu revidieren. Kolportiert ist der Ausspruch von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, dass er Facebook nicht erfinden hätte können, wenn man User nach ihren Präferenzen über eine Sache fragt, die es noch nicht gibt.

Problematische Entwicklung

Oder so ähnlich - jedenfalls gibt es eine problematische Entwicklung: Die Verwechslung zwischen unserem Gemeinwesen (dem Staat) und kommerzieller Services, die von vielen benutzt und darum leicht für Einrichtungen des Gemeinwesens gehalten werden. Aber das eine ist unsere unausweichliche gemeinsame Lebensbasis, deren demokratische Gestaltung unser Recht ist. Das andere ist ein private Dienstleistung, bei der es unser gutes Recht ist, darauf zu verzichten oder eine andere zu wählen, die uns besser gefällt.

Andererseits entwickeln Menschen und Gemeinschaften bei der Benutzung interessanter neuer Möglichkeiten (wie Facebook) rasch Gewohnheiten, und es gibt gute Gründe, warum sie daran festhalten wollen (z. B. um den Lernaufwand zu reduzieren, den jede Änderung erfordert). Daraus wurde eine - partiell hysterische - Protestkultur, in der sich der Unmut Einzelner oder kleiner Gruppen lautstark und schnell replizieren lässt, bis es wie ein Volksaufstand aussieht.

Kollektiv dümmer?

Aber macht uns die Kooperation in soziale Netzen weniger innovativ, provokant formuliert: kollektiv dümmer? Wikipedia ist ein Beispiel dafür, wie Kooperation in kurzer Zeit eine nützliche Wissensplattform hervorbrachte, wenn auch als Work in Progress. Diese Kooperation hindert aber niemanden daran, geniale Ideen im stillen "Freiraum" zu entwickeln - um den Elchtest des Markts wird er oder sie letztlich aber nicht herumkommen.

Auch soziale Netzwerke werden ihre Grenzen erfahren, wie jede Onlineentwicklung davor. Als relativ junges Phänomen verwenden viele Menschen noch relativ viel Zeit, Nutzen oder Unterhaltungswert auszuloten. Manche mögen sich darin verlieren, so wie Elias Canettis Roman Die Blendung zeigt, dass man sich auch in geheiligten Büchern verlieren kann. Aber für die allermeisten reguliert sich der sinnvolle Gebrauch von selbst. (helmut.spudich@derStandard.at/ DER STANDARD Printausgabe, 20. August 2009)

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    Werden wir durch Social Networks gemeinsam dümmer?

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