Mehr als 50 Tote am Wahltag

20. August 2009, 21:08
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Wahllokale geschlossen, Auszählung beginnt - Bomben- und Raketenangiffe im Süden und Osten des Landes

Kabul - Trotz mehrerer Anschläge der Taliban sind Millionen Afghanen ungeachtet von Todesdrohungen in die Wahllokale geströmt. Behörden, Vereinte Nationen und unabhängige Beobachter meldeten am Donnerstag aus allen Landesteilen eine rege Beteiligung an der zweiten Präsidentenwahl seit dem Sturz der Taliban 2001. Sie war jedoch regional unterschiedlich. Während sie nach Angaben der UN im Norden generell stark war, gaben im umkämpften und möglicherweise wahlentscheidenden Süden erheblich weniger Menschen ihre Stimme ab.

 

Präsident Hamid Karsai und sein US-Kollege Barack Obama sowie Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen zeigten sich zufrieden mit dem Wahlverlauf. "Es sieht nach einer erfolgreichen Wahl in Afghanistan aus - trotz der Versuche der Taliban, sie zu stören", sagte Obama. "Das afghanische Volk hat Raketen, Bomben und Drohungen ignoriert und ist wählen gegangen", sagte Karsai nach Ende der Abstimmung. Rasmussen gratulierte den Afghanen für ihren Mut, mit dem sie den Drohungen der Taliban widerstanden hätten. Die Regierung meldete landesweit 135 Zwischenfälle. Dabei seien neun Zivilisten und 14 Sicherheitskräfte getötet worden.

In 15 der 34 afghanischen Provinzen seien Angriffe und Anschläge verübt worden, sagte der Präsident in der Hauptstadt Kabul kurz nach Schließung der Wahllokale. Polizisten, Soldaten und Zivilisten seien getötet worden. "Die Afghanen haben Raketen, Bomben und Einschüchterungen getrotzt und sind wählen gegangen", sagte Karzai, der als Favorit in die Abstimmung ging. "Das ist großartig."

Innenminister: Mehr als 50 Tote

Innenminister Mohammad Hanif Atmar sagte nach Schließung der Wahllokale, neun Polizisten und neun Zivilisten seien bei gewaltsamen Zwischenfällen ums Leben gekommen. 14 Polizisten und 13 Unbeteiligte seien verletzt worden.

Verteidigungsminister Abdul Rahim Wardak sagte, darüber hinaus seien acht Soldaten getötet und 25 weitere verwundet worden. Vier Selbstmordattentäter hätten sich in die Luft gesprengt. Ein Polizeisprecher in der nordafghanischen Provinz Baghlan sagte, 21 Taliban-Kämpfer sowie ein Distrikt-Polizeichef seien bei Gefechten ums Leben gekommen.

Wahllokale blieben länger offen

Die Öffnungszeiten der Wahllokale war um eine Stunde verlängert worden. Ursprünglich war geplant gewesen, die 6500 Wahlzentren, auf die rund 29.000 Wahllokale verteilt sind, um 16.00 Uhr Ortszeit zu schließen. Einen Grund für die Entscheidung nannte der Sprecher nicht. Die Auszählung der Stimmen begann unmittelbar nach Schließung der Wahllokale.

Im Norden war die Beteiligung offenbar höher als im Süden. Dies könnte für den Kandidaten der Nordallianz, Ex-Außenminister Abdullah Abdullah, von Vorteil sein. Er ist nach Amtsinhaber Hamid Karzai der aussichtsreichste Bewerber. Der Präsidentschaftskandidat Ramazan Bashardost bezeichnete die Wahl als "Farce", weil er die vermeintlich nicht entfernbare Farbe am Finger habe abwaschen können. "Das ist keine Wahl, das ist eine Komödie", sagte Bashardost, dem Umfragen einen Stimmenanteil von zehn Prozent vorhersagten. Er forderte die Behörden auf, die Wahl sofort abzubrechen. Bereits in den vergangenen Tagen gab es Gerüchte von falschen Wählerregistrierungen und anderen Unregelmäßigkeiten.

Schießerei in Kabul

Bei einer Schießerei nahe einer Polizeistation im Osten der Hauptstadt Kabul wurden zwei Aufständische von afghanischen Sicherheitskräften erschossen, wie ein Polizeisprecher sagte. Sie hätten sich mit Komplizen in einem Haus verschanzt und das Feuer auf die Beamten eröffnet, hieß es. Ein Angreifer wurde nach Polizeiangaben festgenommen, nach einem weiteren wurde gesucht. Über Kabul kreisten permanent Hubschrauber, die Sicherheitskontrollen wurden nochmals verschärft. Abgesichert wurde die Wahl von rund 175.000 afghanischen Sicherheitskräften sowie mehr als 100.000 ausländischen Soldaten.

Kunduz: Rakete traf Wahllokal

Im nordafghanischen Kunduz schlug eine Rakete in einem Wahllokal ein, berichtete ein Sprecher der Regionalregierung. Eine zweite Rakete sei hinter der Schule detoniert, die als Wahllokal genutzt werde. Niemand sei verletzt worden. Ein Reporter der deutschen Presseagentur dpa berichtete dagegen, er habe ein verwundetes Kind am Angriffsort gesehen. Die Detonation habe Fenster in dem Gebäude zum Bersten gebracht und die Außenwand der Schule beschädigt. Weiterhin würden Wähler dort aber ihre Stimme abgeben. Die Taliban teilten in einem E-Mail mit, ihre Kämpfer hätten 16 Wahllokale im Land angegriffen. Eine offizielle Bestätigung dafür gab es zunächst nicht.

In der Provinz Takhar teilte die Polizei mit, zwei Selbstmordattentäter seien festgenommen worden, als sie versucht hätten, in ein Wahllokal einzudringen. In der Nähe des Polizeihauptquartiers sei ein Sprengsatz detoniert, der eine Wand zum Einsturz gebracht habe. Opfer habe es nicht gegeben.

Aufständische stürmen Baghlan

Bei schweren Gefechten in Norden haben nach Polizeiangaben auch deutsche und ungarische NATO-Soldaten gekämpft. Der Polizeisprecher in der Provinz Baghlan, Jawid Basharat, 21 Aufständische seien bei den stundenlangen Kämpfen getötet und 22 weitere verwundet worden. Aufseiten der Sicherheitskräfte seien der Distrikt-Polizeichef getötet und zwei Polizisten verletzt worden.

Ein Kandidat für die Provinzratswahl in der nördlichen Provinz Jawzjan, Abdul Rahim, fiel unterdessen einem Mordanschlag zum Opfer, wie der Polizeichef der Provinz, Khalil Aminzada, bekanntgab.

Vor allem im unruhigen Süden und Osten des Landes wurden Bomben- und Raketenexplosionen gemeldet. Laut amtlichen Angaben gab es mehrere Verletzte. Nach Angaben eines Sprechers des afghanischen Verteidigungsministeriums ereigneten sich in Kabul vier Explosionen. Zwei weitere Explosionen wurden aus dem Süden des Landes gemeldet. Allein in der Hauptstadt sind 10.000 afghanische Soldaten stationiert, um für Sicherheit während der Abstimmung zu sorgen. Die Taliban hatten zum Boykott der Wahl aufgerufen und mit Anschlägen gedroht. Den Medien wurde Berichterstattung über Gewalt am Wahltag behördlich untersagt. 

"Ich fordere die Afghanen auf, aus den Häusern zu kommen und zu wählen, damit Afghanistan durch ihre Stimme sicherer und friedlicher wird", sagte Präsident Karzai in seinem Wahllokal unweit des streng bewachten Präsidentenpalastes in Kabul. Nach der Stimmabgabe hielt er den Fotografen seinen in Tinte getunken Finger entgegen. Mit der schwer abwaschbaren Tinte soll eine mehrfache Stimmabgabe verhindert werden. Zusammen mit Karzai waren mehrere Regierungsmitglieder zur Wahl erschienen.

Karzai, der das Land am Hindukusch seit dem Sturz der radikalislamischen Taliban im Jahr 2001 regiert und auch die erste Präsidentschaftswahl 2004 gewann, könnte den Prognosen zufolge diesmal von seinem früheren Außenminister Abdullah Abdullah in die Stichwahl gezwungen werden. Insgesamt traten 41 Kandidaten zur Präsidentschaftswahl an. Bei der Wahl der Provinzräte geht es um 420 Mandate in den 34 Provinzen des Landes. Darum bewerben sind 3.197 Kandidaten, darunter 328 Frauen. Vor der Wahl gab es zahlreiche Berichte über Manipulationen und falsche Wählerregistrierungen zugunsten Karzais.

Grenzen zu Pakistan geschlossen

Wegen der Wahlen in Afghanistan ist die Grenze zu Pakistan offiziell abgeriegelt worden. Sie sei bereits seit Dienstag geschlossen und solle erst ab Freitag wieder geöffnet werden, sagte der Vize-Verwaltungschef des pakistanischen Distrikts Khyber, Rehan Gul Khattak, am Donnerstag. Auch die Versorgungslieferungen der NATO-Truppen seien vorübergehend gestoppt worden. Auf beiden Seiten der Grenze seien Sicherheitskräfte in höchster Alarmbereitschaft.

Nur Afghanen, die eine Bescheinigung ihrer Botschaft über ihre Wahlteilnahme vorlegen konnten, durften laut Khattak die Grenze überqueren. Über zahlreiche Abschnitte der 2500 Kilometer langen Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan hat die Regierung allerdings keine Kontrolle. Die halbautonomen Stammesgebiete von Waziristan gelten als Rückzugsgebiet der Taliban und anderer Aufständischer. Laut Khattak passierten bis zum Mittag rund 200 Afghanen den Grenzposten Torkham. In Pakistan leben nach UN-Angaben rund 860.000 wahlberechtigte Afghanen.

Im Vorfeld der Wahlen verstärkten sich in den USA die Zweifel der Bürger am Einsatz ihrer rund 62.000 Soldaten in Afghanistan. In einer am Mittwoch (Ortszeit) veröffentlichten Umfrage sagten 51 Prozent der Teilnehmer, der Kampf der US-Armee am Hindukusch lohne sich nicht. Nur 47 Prozent der Befragten befürworteten die Mission. Im Juli hatte sich noch eine knappe Mehrheit für den seit 2001 geführten Einsatz ausgesprochen. Die Afghanistan-Politik von Präsident Barack Obama hießen in der Umfrage im Auftrag der "Washington Post" und des Senders ABC News" immerhin 60 Prozent für gut. (red/APA/AP/Reuters)

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    Die Wahllokale sind geschlossen, nun werden die Stimmen ausgezählt.

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    Amtsinhaber Karzai gab am Donnerstag als einer der ersten seine Stimme ab.

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