Konfetti im Acid-Nebel

20. August 2009, 17:30
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Kinderzimmer mit Post-Punk, tribalistischen Beats und Dancefloor zusammengeführt - das macht großen Spaß

Es gibt heutzutage nur noch wenig Musik, die einem beim Hören ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Das hat zum einen damit zu tun, dass Fredl Fesl etwas aus dem Blickpunkt der Öffentlichkeit rückte beziehungsweise Lily Allen erwachsen und Björk alt geworden sind. Zum anderen bewegt sich Pop im fröhlichen Segment traditionell gern schnurstracks vom bunten Treiben der jungen Björk entweder in die Kunstgalerie - oder hinaus in den mit Lego-Raumschiffen und Acid-Nebeln vollgestellten Weltraum der Nina Hagen. Letztere ist übrigens kürzlich wieder auf der Erde gelandet. Aufgrund falscher Koordinaten ausgerechnet auf einem evangelischen Kirchhof. Um den Eingeborenen zu gefallen, ließ sie sich gleich taufen. Künstlerpech. Aber davon ein anderes Mal.

Die junge britische Sängerin Ebony Thomas alias Ebony Bones!, um die es also heute geht, trägt ebenfalls kindliche Freude im Herzen. Und sie trägt auf der Bühne ihr gesamtes Kinderzimmer als Arbeitskleidung. Die Perücke von Krusty der Clown, Wollwürste zum Kuscheln, Wurfringe als Schmuck, die CD-Sammlung als Paillettenkleid und Fingerfarben als Gesichtsschmuck. Ihre Band steckt in Gorilla-, Indianer- und venezianischen Karnevalskostümen. Um einen weiteren Bezugspunkt zu nennen: Die Inszenierung von Ebony Bones! wirkt, als ob die Kommandozentrale von Grace Jones von einer Konfettibombe getroffen worden wäre.

Harry Potter mit Vagina

In diesem als Gesamtkunstwerk vorgestellten, närrischen Treiben geht es aber nicht nur darum, im Takatuka-Land die Post abgehen zu lassen. Das belegt allein schon das Künstlerpseudonym: "Ebony bumst!". Bumsen ist hier nicht im Zusammenhang mit Konfettibomben gemeint. Sie selbst charakterisierte ihr Treiben einmal übermütig als "Harry Potter mit Vagina". Wegen Schimpfe von Mutter muss sie damit heute zwar zähneknirschend als Running Gag im Internet leben. Textlich wie musikalisch arbeitet Thomas aber ohnehin nicht so niedlich gestimmt, wie man vermuten könnte. Ebony Thomas entdeckte die Musik wohl auch aus Langeweile.

Von ihrer Teenagerzeit herauf bis in ihre frühen Zwanziger firmierte sie in Großbritannien immerhin sieben Jahre lang als exzentrischer Star der beliebten Daily Soap Family Affairs. Während der Drehpausen begann sie auf dem Laptop ebenso exzentrische wie quietschbunte Songs zu collagieren und stellte sie ins Netz. Der Song Don't Fart On My Heart und das dazugehörige Video präsentierten eine lustige wie etwas vulgäre Künstlerin, die man so noch nicht gesehen hatte. Im Fahrwasser von M.I.A., der kurzen britischen New-Rave-Bewegung, inklusive Neonwürsten sowie aufmunternder Freizeitmedikation, gelangte Ebony Bones! zu frühem Ruhm. Spartenübergreifend zwischen Club-Dancefloor und alternativem Formatradio angesiedelt, verfolgt sie wohl ähnliche Ziele wie die ein wenig früher an den Start gegangene US-Sängerin Santigold. Um kommerziell in die Breite gehen zu können, muss man krude Sounds und Stile zuvor im Avantgarde-Club testen.

Die Plattenfirmen rissen sich um sie. Sie wollten Ebony Bones! allerdings durch die Bank als schrille, wenn auch pflegeleichte R-'n'-B-Sängerin positionieren. Dunkelhäutige Künstlerinnen sollen die Welt, wenn sie schon nicht derbe Raps ins Mikro bellen, ausschließlich mit gefälligen Schlafzimmerarien verwöhnen. Kein Wunder, dass exponierter und selbstbewusster veranlagte Frauen wie M.I.A. oder Santigold immer bei kleinen Firmen unterschreiben, um größeren Spielraum zu behalten.

Ebony Bones! wählte das kleine Londoner Label Sunday Best, wo auch die famosen Swing-Kids Kitty, Daisy & Lewis unter Vertrag stehen. Nach längeren Anlaufschwierigkeiten wie dem Wechsel des Managements und endlosen Promotion-Touren durch die Clubs zwischen New York und Berlin ist jetzt das Debüt "Bone Of My Bones" erschienen.

Wo die meisten Kolleginnen derzeit auf brasilianische Favela-Beats, Bollywood-Samples und Bhangra-Rhythmen setzen, entdeckt Ebony Bones! die frühen 80er-Jahre wieder. Das ist dank der noch immer grassierenden Retrowelle nicht weiter verwunderlich. Um sich vom zackigen Einheitssound abzusetzen, irrlichtert unsere Heldin aber mit keine Schonung der Stimmbänder duldendem, von energetischen Adrenalinschüben bestimmtem Kieksen, Brüllen und Gurren und gegensteuerndem Begleitchor durch etwas versteckter liegende historische Räume. Dort findet sie in elektronischen Gospel-Verwünschungen wie Smiles & Cyanide oder dunklen TripHop-Hassgesängen wie I'm Ur Future X Wife ihr überzeugendes Alleinstellungsmerkmal.

Tribalistisches mit Funkauffrischung

Neben dem bohrenden Synthesizerbasslauf des Stückes In G.O.D. We Trust (Gold, Oil, Drugs) sind es vor allem Songs wie W.A.R.R.I.O.R. oder The Muzik, die Ebony Bones! so außergewöhnlich machen. Die ewig nicht mehr gehörten, von historischen Field Recordings in Afrika ausgeborgten tribalistischen "Burundi-Beats" von Adam & The Ants und Bow Wow Wow klöppeln mit Funkauffrischung hochmodern aus den Boxen. Ergänzt wird dies mit Anleihen beim eiskalten wie schneidenden Gothic-Sound von Siouxie & The Banshees. Wer hätte gedacht, dass Gothic auch mal Spaß macht? Aber stimmt, es gibt ja auch Robert Smith und The Cure. Ebony Bones! ist ein Teufelsbraten. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.8.2009)

 


Ebony Bones! - Bone Of My Bones (Sunday Best Records)

 

  • In diesem als Gesamtkunstwerk vorgestellten, närrischen Treiben geht es aber nicht nur darum, im Takatuka-Land die Post abgehen zu lassen. Das belegt allein schon das Künstlerpseudonym.
 
    foto: sunday best

    In diesem als Gesamtkunstwerk vorgestellten, närrischen Treiben geht es aber nicht nur darum, im Takatuka-Land die Post abgehen zu lassen. Das belegt allein schon das Künstlerpseudonym.

     

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