Der Stoff aus dem Demokratie gemacht wird

19. August 2009, 22:18
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Heute ist die zweite Präsidentenwahl nach dem Sturz der Taliban: Wird Tinte die zarten Knospen der Demokratie am Leben erhalten können?

Sollte das Wahlergebnis nicht glaubwürdig erscheinen, befürchten Experten gewaltsame Unruhen.

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"Alles wird gut", verspricht Noor Mohammad Noor in gebrochenem Englisch. Er nimmt sich Zeit für ein kurzes Telefoninterview, schon zweimal hat er das Gespräch verschieben müssen. Noor ist der Sprecher der unabhängigen Wahlkommission IEC (Afghanistan Independent Election Commission), jener Institution, die in diesem Jahr für die korrekte Durchführung der Präsidentschaftswahl verantwortlich ist.

An der Logistik hinter der Wahl am 20. August, an der mehr als 15 Millionen Afghanen in 34 Provinzen teilnehmen sollen, feile man in den Organisationsbüros der IEC nun schon seit mehr als zwei Jahren. Über 170.000 Menschen seien am Wahltag im Einsatz, sagt der IEC-Sprecher.

Ohne Esel keine Wahlkarten

Inzwischen seien auch etwa 98 Prozent des benötigten Materials in die 7.000 Wahllokale geliefert worden. Dabei sei der Kommission jedes Transportmittel recht gewesen: Autos, öffentliche Verkehrsmittel, Helikopter und Tragtiere. "Mehrere tausend Pferde und Esel waren nötig, um tonnenweise verschließbare Boxen, Wahlkarten und permanente Tinte auch in schwer erreichbare Regionen zu transportieren", erzählt Noor. Wenn am Morgen um sieben Uhr die Wahllokale öffnen, werde es nicht zu Engpässen kommen, versichert er. "Alles wird sehr gut funktionieren", wiederholt er noch einmal. "Wir machen Vieles anders dieses Mal."

Die letzte Präsidentschaftswahl liegt fünf Jahre zurück, damals organisiert durch die von der UN beauftrage Wahlkommission JEMB (Afghanistan Joint Electoral Management Body). "Wir brauchten neue Strukturen", erklärt Noor, warum nicht mehr die JEMB, sondern die IEC die Wahl vorbereitet habe. Grund sei der immense Zuwachs bei den Wählerregistrierungen gewesen.

Es ging schief, was schiefgehen konnte

Und das, obwohl es nach der ersten Präsidentschaftswahl im Oktober 2004 so aussah, als sei die Saat der Demokratie auf unfruchtbaren Boden gefallen: von internationalen Beobachtern war in den meisten Wahllokalen keine Spur, es waren nicht genügend Wahlkarten vorhanden, aufgebracht bis spöttisch hielten manche Afghanen demonstrativ mehrere Identifikationskarten gleichzeitig in die Kameras.

Zu allem Überfluss versagte auch noch das letzte Kontrollinstrument der Wahlhelfer: die Tinte. Die permanente Markierung auf dem Finger des Wählers sollte eigentlich mindestens drei Tage halten und so eine mehrfache Stimmabgabe verhindern. Sie ließ sich in vielen Fällen aber mühelos abwischen - was die Rechtmäßigkeit des Wahlergebnisses erheblich in Frage stellte.

Verwechslung in den Wahllokalen

Die "Mysore Paints and Varnish Limited", der indische Lieferant der über 50.000 verwendeten Tintenmarker, wies damals gegenüber dem britischen Nachrichtensender BBC jede Schuld von sich: die Qualität der Tinte sei einwandfrei gewesen. Firmenvertreter C. Harakumar sagte, jene Stifte, die zur Stimmabgabe auf dem Papier gedacht waren, seien in manchen Wahllokalen von den Mitarbeitern mit den permanenten Markern für die Finger verwechselt worden.

Auch sei die Tinte in vielen Fällen nicht auf der Nagelhaut angebracht worden, wo sie nahezu unmöglich abzuwischen gewesen wäre, sondern direkt auf dem Fingernagel. "Wie kann man uns dafür verantwortlich machen, wenn die Wahlhelfer Fehler machen?", fragte Harakumar.

Für die Parlamentswahlen im Jahr darauf beauftragte die JEMB dennoch nicht mehr den indischen Tintenhersteller, sondern ein kanadisches Unternehmen. Man verwendete wieder Tinte in Flaschen - weniger ökonomisch, aber offenbar verlässlicher.

"Die Tinte wird halten."

Diesmal werden die Wahlhelfer die Finger der Afghanen mit Tinte des chinesischen Herstellers "Yixing Huhua Stationery" beflecken. "Die Tinte wird auf den rechten Zeigefinger aufgetragen und mindestens drei Tage lang halten", sagt der IEC-Sprecher Noor. "Wir haben es ausführlich getestet, sie wird halten, glauben Sie mir."

Darin könnte ironischerweise gleichzeitig die größte Bedrohung der diesjährigen Wahl liegen. Denn die radikal-islamischen Taliban führten der afghanischen Bevölkerung auf Flugblättern sehr explizit vor Augen, was jenen erwarte, der den von ihnen angeordneten Wahlboykott ignoriere: wer mit einem Tintenfleck erwischt werde, dem werde der eingefärbte Finger abgehackt.

Die Nachrichtenagentur Reuters meldet, dass vor allem die Beteiligung im Süden Afghanistans für die Glaubwürdigkeit des Wahlergebnisses von großer Bedeutung sein könnte. Denn dort leben viele Afghanen unter dem direkten Einfluss der Taliban und könnten morgen aus Furcht den Wahllokalen fern bleiben.

"Ich werde nicht wählen gehen", zitiert Reuters den Tagelöhner Janan Agha. „Die Tinte wird für mehrere Tage auf meinem Finger bleiben und das macht mich zum Ziel für die Taliban." Noor Mohammad Noor von der IEC ist dennoch voller froher Hoffnung: "Ein Großteil der Afghanen freut sich auf die Wahl. Die meisten wollen ihre Stimme abgeben, sie haben keine Angst."

(derStandard.at/Rebecca Sandbichler, 19.08.2009)

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    Die Tinte des chinesischen Herstellers "Yixing Huhua Stationery" im Test.

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    Esel und Pferde brachten das für die Wahl benötigte Material in die entlegensten Winkel des Landes.

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    Frauen sind in Afghanistan wahlberechtigt.

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    Parlamentswahlen 2005 in Herat: Ein Mann zeigt seinen eingefärbten Finger.

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    Im Jahr 2004 wurden für die Präsidentschaftswahl Permanentmarker aus Indien verwendet.

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    Ein Soldat entfernt eines der vielen Flugblätter, auf denen die Taliban zum Wahlboykott aufrufen.

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