Kontrollierter Drogen­­konsum in Graz

19. August 2009, 20:26
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3000 Spritzen werden pro Monat auf WCs in Graz gefunden - Drogenkonsum geschieht meist unter katastrophalen hygienischen Umständen - Ein eigener Raum soll das ändern

Im März soll in Graz der erste Drogenkonsumraum Österreichs aufsperren – Suchtexperte Professor Alfred Springer hofft, dass die Polizei "mitspielen wird" – Von Michael Simoner

Graz – Die Räumlichkeiten stehen zur Verfügung, das begleitende wissenschaftliche Forschungsprojekt ist gesichert und die politische Zusage durch den steirischen Landtag gedeckt: Für die Eröffnung des ersten Drogenkonsumraumes Österreichs in Graz fehlt nur noch das Ja aus dem Gesundheitsministerium. Und das soll nach Informationen des Standard bald kommen – wenn auch mit einer Einschränkung.

Wie berichtet, plant der Kontaktladen, eine von der Caritas betriebene und der Stadt finanzierte Betreuungseinrichtung, sechs Plätze, an denen sich schwer abhängige Patienten Suchtgift injizieren können. Spätestens im März 2010 – also 24 Jahre nach dem weltweit ersten "Fixerstübli" in Zürich – will man die sogenannte Kontakt- und Anlaufstelle aufsperren.

Sterile Plätze

Wie in bestehenden Konsumräumen in anderen Ländern auch werden die geplanten Plätze einfach und möglichst steril sein, sie müssen von den Benutzern auch immer desinfiziert werden. Die Einschränkung des Ministeriums betrifft Substitutionspatienten: Wer im Drogenersatzprogramm ist, soll keine Gelegenheit erhalten, die verschriebene Substanz, die für die orale Einnahme gedacht ist, intravenös zu konsumieren.

3000 Spritzen auf öffentlichen Toiletten in Graz

Pro Monat werden auf öffentlichen Toiletten in Graz rund 3000 Spritzen gefunden. Abgesehen von der Gefährdung anderer heißt das, dass jeden Tag durchschnittlich 100 Patienten Suchtgift unter katastrophalen hygienischen Umständen konsumieren und ein hohes Infektionsrisiko eingehen. Im Konsumraum wird dieses Risiko minimiert, für Notfälle steht geschultes Personal zur Verfügung. "Es kann lebensrettend sein, wenn für Suchtkranke kontrollierte Bedingungen geschaffen werden", meint der Grazer Gesundheitsstadtrat und SPÖ-Stadtchef Wolfgang Riedler. Er weist darauf hin, dass es neben dem geplanten "Experiment" eine ganze Palette an Maßnahmen für Suchtprävention gebe.

Weniger Tote

Auch in Professor Alfred Springer vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung hat der Kontaktladen einen gewichtigen Fürsprecher. "Gute Kooperation aller Beteiligten ist Voraussetzung, auch die Polizei muss mitspielen", meint der Fachmann im Gespräch mit dem Standard. Internationale Erfahrungen hätten gezeigt, dass dort, wo es Konsumräume gebe, die Todesrate in der offenen Szene signifikant gesunken sei. Generell gebe es zum Thema Sucht viele weltanschauliche Unterschiede, häufig ließen sich Spannungen zwischen christlichen Konfessionen orten. Springer: "Das katholische Bayern vertritt die konsequenteste Haltung gegen Konsumräume. In Berlin hingegen wurde seitens der evangelischen Kirche eine Initiative in Gang gesetzt, die sich dafür einsetzt." (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe 20.8.2009)

  • Drogenkonsumräume, wie hier in Biel in der Schweiz, können Leben retten. In Graz soll im März die erste derartige Einrichtung Österreichs aufsperren
    foto: standard/ kontaktladen

    Drogenkonsumräume, wie hier in Biel in der Schweiz, können Leben retten. In Graz soll im März die erste derartige Einrichtung Österreichs aufsperren

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