Kampusch, Priklopil - und eine Reihe offener Fragen

19. August 2009, 20:06
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Entführungsopfer floh vor drei Jahren aus dem Verlies

Wien - Kommenden Sonntag, am 23. August, wird es genau drei Jahre her sein, dass Natascha Kampusch aus der Gewalt ihres Entführers Wolfgang Priklopil fliehen konnte. Doch der Fall ist keineswegs abgeschlossen.

Vielmehr entbrannten zuletzt etwa Spekulationen um das ehemalige Wohnhaus Priklopils. Nach dessen Selbstmord kurz nach Kampuschs Selbstbefreiung befindet es sich seit mehr als einem Jahr im Besitz der 21-Jährigen. So wie die restliche Verlassenschaft hat sie es als Schadenswiedergutmachung erhalten.
Seit die junge Frau dort im Juli 2009 von Pressefotografen beim Ausmisten beobachtet wurde - und diese Fotos in Boulevardmedien abgedruckt worden sind -, wird darüber diskutiert, ob Kampusch in das Haus ihrer Gefangenschaft zurückziehen möchte. Die Antwort ihres Medienberaters Dusan Uzelac darauf ist eindeutig: „Nein", sagt er. Kampusch habe keinerlei Umzugswünsche. 

Vielmehr habe das ehemalige Entführungsopfer nur die ärgsten Schäden in dem seit Jahren unbewohnten Gebäude beseitigen lassen. Tatsächlich vermittelte ein Journalistenbesuch vor Ort zu Wochenbeginn den Eindruck, dass das unscheinbare Anwesen wohl unbewohnt ist: Spinnweben am Zaun, überquellender Postkaten, abblätternder Lack am Garagentor.

Einzeltätertheorie

Offene Fragen im Fall Kampusch gibt es indes auch laut der vom Innenministerium im Februar 2006 eingesetzten Evaluierungskommission unter der Leitung des ehemaligen Verfassungsgerichtshofspräsidenten Ludwig Adamovich. Vor allem die Einzeltätertheorie wird von diesem Gremium infrage gestellt. Dabei stützt sich die Kommission auf die Zeugenaussage einer zum Zeitpunkt der Entführung am 2. März 1998 zwölfjährigen Schülerin, die gesehen haben will, dass Kampusch von zwei Personen gekidnappt worden ist.

Verdacht auf mehrere Täter

Auch die Aktennotiz einer Polizistin, die die junge Frau knapp nach ihrer Flucht befragte, gibt laut Evaluierungskommission Anlass zu weiteren Ermittlungen. Kampusch hatte auf die Frage nach Mittätern gemeint, sie könne „keine Namen nennen". Zudem hat ein enger Freund Priklopils ausgesagt, dass er den Entführer samt Kampusch getroffen habe. Sie selbst hat mehrmals betont, außer Priklopil keinen weiteren Täter oder Mitwisser gesehen zu haben.

Natascha Kampusch wurde als Zehnjährige auf dem Schulweg entführt. Acht Jahre lang hielt Wolfgang Priklopil sie gefangen, meist in einem Verlies. Nach ihrer Flucht im Sommer 2006 wurde ihr Fall international in den Medien breitgetreten. (APA, bri, DER STANDARD Printausgabe 20.8.2009)

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