Semenya und die Erinnerung an Schinegger

20. August 2009, 18:34
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Caster Semenya aus Südafrika gewann ganz überlegen die 800 Meter der Frauen. Sie wird von Experten auf eine männliche Chromosomen-Kombination untersucht

Berlin - Caster Semenya - auch so ein Eyecatcher oder, nach derzeitigem Stand der Dinge, eine Eyecatcherin. Semenya, 18 und aus Südafrika, ist dieses Jahr urplötzlich in der Weltspitze der 800-m-Läuferinnen aufgetaucht, hat die eigene Bestzeit um acht Sekunden auf jene 1:55,45 Minuten verbessert, die am Mittwoch zum überlegenen WM-Sieg reichten. Ob Semenya der Titel bleibt, ist abzuwarten. Derzeit untersuchen medizinische Experten, ob sie unwissend eine männliche Chromosomen-Kombination hat. "Ein sehr sensibles Thema" , sagt Nick Davies, Sprecher des Weltverbands (IAAF). "Wir haben keine abschließenden Beweise, und es gab deshalb keinen Grund, ihren Start zu verbieten." Im Lauf der nächsten Wochen sollen die Testergebnisse vorliegen. Davies: "Wir gehen diskret und sensibel mit dem Fall um."

Gideon Sam, der Präsident des südafrikanischen Olympischen Komitees, hat den Wirbel um Semenya scharf kritisiert. "Wir verurteilen die Art und Weise, wie Caster mit Spekulationen und Anschuldigungen konfrontiert worden ist, ausgerechnet an dem Tag, an dem sie in ihrem ersten großen Wettkampf im Finale läuft. Das macht ihre Leistung im Finale um so bemerkenswerter."

Semenya war wegen ihres jungenhaften Aussehens und ihrer dunklen Stimme in ihrer Heimat offenbar lange gehänselt worden. Ihre Familie wischt jedoch alle Zweifel weg. "Sie können jeden bei uns im Dorf fragen" , sagte ihre Mutter Dorcus Semenya der südafrikanischen Zeitung Star. "Ich weiß, dass mein Kind ein Mädchen ist." Die Familie stammt aus dem Ort Seshego, nahe Polokwane in der Provinz Limpopo.

Die beste Freundin der 800-m-Weltmeisterin sagte, Semenya habe noch nie Interesse an einem Freund gehabt. "Sie mag keine Jungs." Ein früherer Lehrer erklärte, er sei "sehr, sehr stolz" auf seine Ex-Schülerin, gestand aber auch, es habe bis zur 11. Klasse gedauert, ehe er realisierte, dass Semenya ein Mädchen ist.

Geschlechtstests wurden bei Olympia 1968 eingeführt, nachdem etliche osteuropäische Athleten in Verdacht geraten waren. Vor Sydney 2000 wurde die "Gender verification" wieder abgeschafft, sie ist nur noch in strittigen Fällen vorgesehen. Wiederholt gab's Fälle, bei denen Tests ergaben, dass Männer unwissentlich als Frauen an den Start gingen. Die als Polin geborene Amerikanerin Stella Walsh holte über 1932 Olympiagold und 1936 Silber im Sprint. Als sie 1980 bei einem Überfall erschossen wurde, kam heraus, dass Walsh männliche Geschlechtsorgane hatte. Bei den Asienspielen 2006 in Doha musste die Inderin Santhi Soundarajan ihre 800-m-Silbermedaille abgeben, nachdem sich bei einem Test eine männliche Chromosomen-Konstellation herausgestellt hatte.

In Österreich erinnert man sich an den Kärntner Erik Schinegger, der wegen nach innen gewachsener Geschlechtesteile als Erika aufwuchs und bei der Ski-WM 1966 die Damenabfahrt gewann. Schin-egger gab die Goldene zurück, wurde operiert und Vater einer Tochter. (fri, sid, APA - DER STANDARD PRINTAUSGABE - 20.8. 2009)

Ergebnis- 800 m: 1. Caster Semenya (RSA) 1:55,45 Min. (JWBZ) - 2. Janeth Jepkosgei Busienei (KEN) 1:57,90 - 3. Jennifer Meadows (GBR) 1:57,93 - 4. Julija Krewsun (UKR) 1:58,00 - 5. Marija Sawinowa (RUS) 1:58,68 - 6. Elisa Cusma Piccione (ITA) 1:58,81 - 7. Mayte Martinez (ESP) 1:58,81 - 8. Marilyn Okoro (GBR) 2:00,32

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    Caster Semenya (18) war in Berlin über 800 Meter unschlagbar, sie hat sich heuer um mehr als acht Sekunden verbessert.

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