"Ich halte einen ORF ohne Werbung für möglich"

19. August 2009, 18:16
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Österreichs größtes Medienhaus ORF führte sie - Nun steht sie dem Plakatriesen Epamedia vor - Monika Lindner im STANDARD-Interview

Österreichs größtes Medienhaus ORF führte Monika Lindner schon. Nun steht sie dem Plakatriesen Epamedia vor. Ihr "tollkühner" ORF-Nachfolger könnte es leichter haben, sagt sie Harald Fidler. 

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STANDARD: Frau Dr. Lindner, sind Sie als Feuerwehr im Einsatz? So rasch, wie der Mitbegründer und bis Jahreswechsel Mitgesellschafter der Epamedia, Heinrich Schuster, seinen Sessel räumen musste und Sie die Firma übernommen haben? Nach Standard-Recherchen lag das an der wirtschaftlichen Lage, die schlechter gewesen sei, als Schuster sie dargestellt habe.

Lindner: Das war keine Feuerwehraktion. Es ging der Firma nicht blendend, aber in dieser Konjunktur müssen sich alle anstrengen. Jeder Gesellschafterwechsel birgt die Chance auf einen Neustart. Und Heinrich Schuster hatte seine Anteile an Raiffeisen verkauft. Es macht einen Unterschied, ob ein bisheriger Unternehmer zum Angestellten mutiert. Ich will meine Eigentümer nicht interpretieren.

STANDARD: Nach unserem Bericht droht sich der geplante Verlust auf 20 Millionen Euro zu verdoppeln.

Lindner: Warten wir die endgültigen Zahlen ab. Verlust ist da, und der freut naturgemäß niemanden.

STANDARD: Wie definieren Sie Ihre Rolle? Troubleshooter? Saniererin?

Lindner: Sanierer, wenn wir einen bräuchten, sind immer die Finanzer. Mein Vorstandskollege Wolfgang Wagner ist für die Finanzen zuständig. Er muss ein bisschen aufarbeiten. Wir ergänzen einander, arbeiten sehr gut zusammen. Mein Job hat viel mit Networking und Öffentlichkeitsarbeit zu tun.

STANDARD: Sie sind quasi Außenministerin. Die Epamedia expandierte stark in Osteuropa. Geht das so munter weiter?

Lindner: Derzeit gibt es keine Pläne dafür. Die Lage in Zentral- und Osteuropa ist mehr als beunruhigend. Und: In der Plakatlandschaft von Bukarest oder Budapest sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Da muss man eher bereinigen. Zudem ist der Markt derart verpolitisiert. Ich bin ja einiges gewöhnt, aber ... In jedem Land hantelt man sich von einer Gemeinderatswahl zur anderen, ob die nächsten Wahlsieger die Verträge verlängern. Dagegen waren meine bisherigen Erfahrungen ein Lercherl.

STANDARD: Hier matchen sich rote Gewista und schwarze Epamedia.

Lindner: Wir müssen aufpassen, dass wir einander nicht so unterbieten, dass nichts mehr hängenbleibt. Wir arbeiten aber gemeinsam an einem Messinstrument für Kontaktchancen von Plakaten. Und wir überlegen, unsere beiden Vereine zur Förderung des Werbeträgers Außenwerbung zu vereinen. Das Plakat hat den Vorteil: Es ist allgegenwärtig, man kann es nicht wegschalten, überblättern.

STANDARD: Sie waren bis Ende 2006 ORF-Generalin. Wie beurteilen Sie - zur Halbzeit Ihres Nachfolgers - die Lage auf dem Küniglberg?

Lindner: So hart war es noch nie: Werbeeinbruch, Probleme mit dem ORF-Zentrum, Folgen der unseligen Programmreform. Willkommen Österreich zu streichen, Mitten im Achten statt ZiB 1 war tollkühn. Von einem Tag auf den anderen verlor der ORF die Sympathie der treuesten Zuschauer. Die ersten eineinhalb Jahre hätte es Alexander Wrabetz deutlich leichter haben können. Jetzt haben es alle schwer.

STANDARD: Geht die Politik verantwortungsvoll mit dem ORF um?

Lindner: Die ÖVP hat sich stark zurückgehalten. Die SPÖ ist das Thema sehr forsch angegangen und hat erst gemerkt, dass ein Führungswechsel nicht so einfach ist. Da gibt es das Gesetz, die Öffentlichkeit, Redakteure, die sich nicht alles gefallen lassen. Die erste Frage, die man einem General stellt, wenn er Direktoren ablösen will, lautet doch: Warum hat er sie genommen? Das waren doch alle keine Unbekannten. So was lässt sich Alexander Wrabetz ungern sagen.

STANDARD: Ist der ORF zu retten?

Lindner: Ich halte einen ORF ohne Werbung für möglich, bekäme er die Gebührenanteile von Bund und Ländern. Dann stünde er nicht mehr so unter Quotendruck. Und man muss die Leute nicht für blöd halten, dass sie nur dasselbe wollen wie auf allen anderen Sendern. Hab ja ich mich schon teilweise geniert. Und es ist Zeit, den ORF an neue Gegebenheiten anzupassen. Er hat im Prinzip die Strukturen der 1960er-Jahre. Aber heute gibt es Konkurrenz, das Internet, eine Jugend mit anderen Interessen. Ich wollte die ORF-Technik in eine Tochter ausgliedern, die sich auf dem Markt bewegen kann. Das hat Stürme der Empörung ausgelöst. (DER STANDARD; Printausgabe, 20.8.2009)

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    Lindner (64) war bis 2006 ORF-Chefin - rechts ihr Nachfolger Wrabetz. Sie führt den Raiffeisen-Plakatriesen Epamedia.

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