"Der Kanzler muss jetzt eine Initiative setzen"

19. August 2009, 17:33
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Dass Menschen friedlich zusammenleben, sollte auch in Kärnten möglich sein, findet Umweltminister Berlakovich

STANDARD: Sind die zweisprachigen Ortstafeln im Burgenland heute noch ein Konfliktthema?

Berlakovich: Nein, überhaupt nicht, da gibt es keinen Konflikt. Hat es auch nie gegeben. Im Jahr 2000 hat es Diskussionen gegeben, als die Ortstafeln dann aufgestellt wurden. Bis dahin aber überhaupt nicht. Mit der Verordnung unter Wolfgang Schüssel sind in 47 burgenländisch-kroatischen und vier burgenländisch-ungarischen Gemeinden zweisprachige Ortstafeln aufgestellt worden. Bedenken hat es vor allem bei Vertretern der SPÖ gegeben, die haben einen kleinen Ortstafelsturm befürchtet, aber dann ist gar nichts passiert.

STANDARD: In welcher Position waren Sie damals?

Berlakovich: Ich war Volksgruppensprecher der ÖVP Burgenland. Wir haben diesen Verordnungsentwurf von Schüssel im Volksgruppenbeirat der burgenländischen Kroaten diskutiert und konnten mit der SPÖ einen Konsens herstellen. Einzelne haben zwar gemeint: "Wozu brauchen wir das?" Aber im Endeffekt hat es jeder akzeptiert.

STANDARD: Was waren denn konkret die Befürchtungen?

Berlakovich: Dass es einen Aufstand geben könnte wie Jahrzehnte zuvor in Kärnten. Dass Ortstafeln angeschmiert oder ausgerissen werden könnten. Und nichts ist passiert. Für mich sind die Ortstafeln einfach ein Symbol dafür, dass Menschen friedlich miteinander zusammenleben können.

STANDARD: Warum ist es im Burgenland so anders gelaufen?

Berlakovich: In Kärnten ist die Geschichte eine andere, dieses Thema ist historisch stärker belastet. Nichtsdestotrotz muss man die Vergangenheit überwinden und gemeinsam neue Wege suchen.

STANDARD: Was würden Sie den Kärntnern empfehlen?

Berlakovich: Ich bin nicht in der Position, Empfehlungen abzugeben, aber ich denke mir, dass zu so einer Frage auch Mut gehört. Man muss die Menschen zusammenbringen und nicht einfach Öl ins Feuer gießen. Dass Menschen friedlich zusammenleben, sollte auch in Kärnten möglich sein.

STANDARD: Wer müsste aus Ihrer Sicht tätig werden?

Berlakovich: Sicher ist die Landespolitik gefordert. Aber da die Situation in Kärnten so angespannt ist, wäre es wichtig, wenn einmal die Bundesregierung seitens des Bundeskanzlers die Initiative ergreift.

STANDARD: Also ist Ihrer Meinung nach der Bundeskanzler gefordert?

Berlakovich: Ja, ich finde schon. Er ist verfassungsmäßig zuständig. Faymann muss jetzt eine Initiative setzen. Natürlich hat er recht, wenn er diese Frage im Konsens lösen will. Aber er muss die Leute zusammenbringen, er muss diesen Prozess von neuem starten. Ich sehe das sehr emotional: Wir leben heute in einem Europa der Vielfalt. Zweisprachige Ortstafeln sichern ja nicht das Überleben einer Volksgruppe. Aber sie sind ein wunderschönes Symbol, dass Menschen verschiedener Sprache und Kultur zum wechselseitigen Vorteil friedlich zusammenleben können. (Michael Völker, DER STANDARD-Printausgabe, 20. August 2009)

ZUR PERSON:

Nikolaus Berlakovich (48) war von 2005 bis 2008 Landesrat im Burgenland. Seit Dezember 2008 ist der Burgenland-Kroate Minister für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft:

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