Modernisierung nach asiatischem Rezept

19. August 2009, 17:19
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Nach den Unruhen rund um die Präsidentschaftswahl sollte man nicht neuerlich den Fehler einer Isolation des Iran riskieren - Von Kishore Mahbubani

Nur der Dialog vermag die reformerischen Kräfte in dem gespaltenen Land zu stärken.

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Wenn die anhaltenden Turbulenzen, die die iranischen Wahlen umgeben, endlich vorbei sind, wird der Westen wohl mit einem Schwarz-Weiß-Urteil seiner Wege gehen: Die Bösen haben gewonnen. Und natürlich hat er selbst das Richtige getan, indem er die Guten - die Demonstranten in den Straßen - unterstützt hat. Also trägt der Westen auch keine Verantwortung für dieses Ergebnis.

Das Schlimme an einem solchen Denken ist, dass es keinerlei moralische oder politische Komplexitäten oder Nuancen zulässt. Dabei ist genau dies Voraussetzung, wenn man die vielen den Iran umgebenden Probleme lösen will. Mehr noch: Nun, da feststeht, dass Mahmud Ahmadi-Nejad iranischer Präsident bleibt, wird der Westen einmal mehr Zuflucht in seiner üblichen Methode für den Umgang mit unfreundlichen Regimen suchen: weitere Sanktionen verhängen. Dies jedoch würde zu einer sogar noch größeren Tragödie führen.

Die einzige klare Lehre, die man aus den umstrittenen Präsidentschaftswahlen im Iran ziehen kann, ist, dass das Land eine lebhafte und wirklich dynamische Zivilgesellschaft hat. Viele tapfere Iraner waren bereit, ihr Leben zu riskieren, um ihre Überzeugungen zu verteidigen. Dass sie dies tun konnten, ist ein Beweis, dass der Iran kein geschlossener totalitärer Staat wie Nordkorea ist. Trotz vieler Jahre unter der Herrschaft eines theokratischen Establishments (oder vielleicht gerade deshalb) bleiben die Iraner in ihrem Denken offen und engagiert.

Hoffnung aufrecht

Es gibt daher echte Hoffnung, dass der Iran sich ändern, modernisieren und öffnen kann, so wie es das übrige Asien getan hat. Die einzig praktikable langfristige Lösung bestünde also darin, die Versuche zur Isolierung des Iran einzustellen und die Iraner stattdessen vorsichtig zu ermutigen, einen verstärkten Dialog mit dem modernen Asien zu suchen.

Im iranischen Weltbild gibt es drei große antike asiatische Kulturen: die chinesische, die indische und die persische (wobei die persische die größte ist). Die Iraner erwarten, leistungsmäßig auf einer Stufe mit China und Indien zu stehen. Während also die westliche Einmischung im Iran nicht funktionieren wird, könnte dies die Iraner - wenn sie sehen, dass ihre Gesellschaft weit hinter China und Indien, die sich der Welt gegenüber öffnen, zurückfällt - dazu bewegen, ihre bisher eingeschlagene Bahn zu überdenken. Je mehr Iraner China und Indien besuchen, desto wahrscheinlicher ist, dass der Iran sich ändert.

In ähnlicher Weise sollte der Westen Wege finden, um den Dialog mit der iranischen Gesellschaft wieder aufzunehmen. Ein wichtiges Hindernis hierbei ist das Fehlen diplomatischer Beziehungen zwischen den USA und dem Iran. Die amerikanische Außenpolitik geht davon aus, dass diplomatische Beziehungen zum Iran irgendwie eine Form der Billigung darstellen. Tatsächlich ist es genau andersherum. Die Diplomatie wurde eben deshalb erfunden, um Beziehungen zwischen Feinden - und nicht zwischen Freunden - zu ermöglichen. Keiner braucht diplomatische Immunität, um mit Freunden zu reden. Leider scheint kein US-Politiker bereit zu sein, der amerikanischen Öffentlichkeit diese Binsenweisheit zu erklären.

Die USA könnten vom Beispiel anderer lernen. Viele Amerikaner spendeten vor drei Jahrzehnten dem ägyptischen Präsidenten Anwar el-Sadat Beifall für seinen Mut, gegen den Widerstand der großen Mehrheit der Ägypter Jerusalem zu besuchen - eine Entscheidung, die er mit dem Leben bezahlte.

Es ist nützlich, sich die Worte Präsident Richard Nixons anlässlich seines Besuchs Pekings, vor der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu China, ins Gedächtnis zu rufen: "Wir warenin der Vergangenheit manchmal Feinde. Wir haben heute große Meinungsunterschiede. Was uns zusammenführt, sind unsere gemeinsamen Interessen, die über diese Differenzen hinausgehen. Wenn wir unsere Meinungsunterschiede diskutieren, gibt dabei keiner von uns seine Grundsätze auf. Doch während wir die Kluft zwischen uns nicht werden schließen können, können wir versuchen, sie zu überbrücken - um uns in die Lage zu versetzen, über sie hinweg miteinander zu reden."

Der Westen sollte bei der Aufnahme eines Dialogs mit dem Iran den Charakter des iranischen Regimes ignorieren. Es ist für Außenstehende nahezu unmöglich, die wahre innenpolitische Dynamik des Landes zu durchschauen. So hat Ahmadi-Nejad just zu dem Zeitpunkt, als die Welt übereingekommen war, er sei lediglich ein Instrument des Obersten Führers, Ayatollah Khamenei, einen von Khamenei abgelehnten Vizepräsidenten ernannt (obwohl er die Ernennung später zurücknahm). Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass das Regime in sich gespalten ist.

Diese Spaltung macht es möglich, dass sich innerhalb der iranischen Gesellschaft neue Kräfte herausbilden. Daher sollte man alle Mittel nutzen, um auf allen Ebenen auf die iranische Gesellschaft zuzugehen. Man sollte die iranischen Studenten ermutigen, asiatische Universitäten zu besuchen und dort zu studieren. Sie würden dort erkennen, wie zuversichtlich die jungen chinesischen und indischen Studenten der Zukunft entgegensehen - was sie durchaus zu der Überlegung veranlassen könnte, warum junge Iraner diesen Optimismus nicht teilen.

Der letzte Grund, warum der Westen seinen Kurs ändern sollte, ist, dass sich die westlichen Sanktionen zunehmend als nutzlos erweisen. Nur zwölf Prozent der Weltbevölkerung leben im Westen, dem seine Macht stetig entgleitet. Die Entscheidung der blockfreien Staaten vom Juli 2009, ihre nächste Sitzung in Teheran abzuhalten, ist ein schlagkräftiger Beleg dafür, dass er Iran dort anders wahrgenommen wird als im Westen. Falls der Westen auf seinen Sanktionen beharrt, wird er damit nichts bewirken - außer, dass die westlichen Führungen sich gut fühlen. Aber was ist letztlich wichtiger: etwas zu bewirken oder sich gut zu fühlen? (© Project Syndicate, 2009, Übersetzung: Jan Doolan/DER STANDARD, Printausgabe, 20.8.2009)

 

Kishore Mahbubani ist Politikwissenschafter und Dekan der Lee Kuan Yew School of Public Policy an der National University of Singapore. Zuletzt erschien "The New Asian Hemisphere: the Irresistible Shift of Global Power to the East".

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