Trauer, Wut - und Durchhalteparolen

28. Jänner 2004, 12:22
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Obwohl das Musical "Chicago" der Triumphator der 75. Oscar-Verleihung war, stahl einer allen die Show: Der Dokumentarfilmer Michael Moore

Mit sechs Auszeichnungen war in der Nacht auf Montag eigentlich das Musical "Chicago" der Triumphator der 75. Oscar-Verleihung im Kodak Theatre in Los Angeles. Aber der Dokumentarfilmemacher und Satiriker Michael Moore - prämiert für "Bowling for Columbine" - stahl mit Attacken gegen die US-Kriegspolitik allen die Show.


Hubschrauberlärm über der Minimalvariante eines roten Teppichs vor dem Kodak Theatre in Los Angeles; ein Maximum an Security und ein Minimum an Interviews mit Galagästen im Vorfeld; ein feixender Moderator, der gleich zu Beginn bewusst Fettnäpfchen ansteuerte und elegant umschiffte: "Toll, dass wir heute auf den Glamour verzichten. Das wird's denen zeigen." Nun, man zeigte es "denen" weniger heftig, als es das Statement von Komiker Steve Martin erwarten ließ.

Die 75. Oscar-Verleihung war eher gekennzeichnet durch vorsichtige Andeutungen, dass das Kino und die Kunst in schlimmen Zeiten immer schon wichtig gewesen sind: Ob als Propaganda^instrument oder als kritisches Forum - das ließen die meisten Redner dahingestellt.

Betont unkontroversiell war denn auch das Gros der Preis- Entscheidungen: Der beste Film, Rob Marshalls Musicaladaption Chicago, insgesamt mit sechs Academy Awards bedacht, erzählt ja vor allem von einem cleveren Eskapismus, in den man in Krisensituationen gerne flüchtet.

Mit Roman Polanskis Holocaust-Drama The Pianist wurde als beste Inszenierung wohl auch ein Werk gewürdigt, das einerseits die Gräuel des Krieges und anderseits die Notwendigkeit einer Beseitigung von Diktaturen aufzeigt. Erstaunlich war immerhin, dass Adrien Brody als bester Hauptdarsteller mutig die sonst sehr rigide Zeitregie der Veranstalter (45 Sekunden für jeden Redner) unterlief, um nach seinen Dankesworten zu sagen: "Es macht mich traurig, dass ich gerade jetzt diese Auszeichnung bekomme, in diesen Kriegszeiten, in denen die Menschen so traurig sind und so viel Schmerz erleben."

Beten, egal zu wem

Der 29-jährige Schauspieler, der sich überraschend gegen die Favoriten Jack Nicholson (About Schmidt) und Daniel Day Lewis (Gangs of New York) durchgesetzt hatte, forderte die Zuseher auf, für eine friedliche Lösung zu beten, egal ob zu Gott oder zu Allah. Ähnlich deutlich wurden unter den Preisträgern in den Hauptkategorien nur wenige. Kein Wunder, dass die Spannung ihren Siedepunkt bereits erreichte, als die sonst beim Oscar eher lapidarisierte Gattung Dokumentarfilm vor der Entscheidung stand.

Tatsächlich: Der Autor, Filmemacher und Satiriker Michael Moore erhielt für seine Abrechnung mit dem US-Waffen- und Sicherheitswahn, Bowling for Columbine, die begehrte Trophäe - und nützte seine Redezeit weidlich aus.

Zum einen nahm er mit lautstarkem "Whoa!" sämtliche nominierten Dokumentarfilmer mit auf die Bühne: "Sie sind hier, solidarisch mit mir, weil wir Nicht-Erfundenes (Non-fiction) mögen. Wir leben in einer Zeit, in der wir erfundene Wahlergebnisse haben, die einen erfundenen Präsidenten zur Folge haben. Wir leben in einer Zeit, in der wir einen Mann haben, der uns aus erfundenen Gründen in den Krieg schickt."

Der Dank: Standing Ovations und laute Buhrufe konkurrierten im Auditorium. Moore, ungerührt: "Mr. Bush! Schämen Sie sich! Sie haben den Papst und die Dixie Chicks gegen sich. Ihre Zeit ist abgelaufen." Steve Martin als Moderator hakte nach, als Moore abgetreten war: "Hinter der Bühne ist gerade eine Bombenstimmung!"

Ebendort, hinter der Bühne, stahl Michael Moore dann auch weiterhin allen Preisträgern - darunter besten Darstellern wie Nicole Kidman (The Hours), Catherine Zeta-Jones (Chicago) oder Chris Cooper (Adaptation) - die Show. Den ihn bestürmenden Reportern erklärte er: "Sagen Sie nicht, es herrschten geteilte Meinungen im Saal, nur weil fünf Buhs zu hören waren. Berichten Sie: Die Mehrheit in Hollywood ist gegen diesen Krieg."

Dies war, weniger euphorisch formuliert, bei dieser Gala in dieser Deutlichkeit nicht spürbar. Als kurz vor Schluss sämtliche lebenden Oscar- Preisträger (unter den Schauspielern) für ein Gruppenbild auf die Bühne traten, war die Message eher: Mit dem und für das Kino halten wir durch. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2003)

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    Mit Tränen in den Augen und den Worten: "Es macht mich traurig, dass ich gerade jetzt diese Auszeichnung bekomme, in diesen Kriegszeiten, in denen die Menschen so traurig sind und so viel Schmerz erleben," bedankt sich Adrien Brody für den Oscar für die beste männliche Hauptrolle.

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    Ein stiller Gruß auf der 75. Oscar-Verleihung: Peace!

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