"Ruhig in der Leseecke sitzen und Puzzles legen"

19. August 2009, 15:35
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Das Schulsystem kommt mit behinderten Kindern schwer zurecht - Die Endstation der Integration heißt oft Sonderschule

Fritz Neumayers Tocher Fanny ist ein "Kopfmensch", erzählt er. Fanny schreibt gerne, liest und macht sich viele Gedanken über ihr Leben, Gedanken, die sich 14-Jährige eben so machen. Wünsche und Träume hat Fanny auch, nur sind die vielleicht ein bisschen anders als die von gleichaltrigen Jugendlichen: Sie möchte gern auf ein Gymnasium. Oder "Günasium", wie Fanny schreibt.

Ein Recht auf freie Wahl der Schule

Das aus diesem Wunsch etwas wird, ist unwahrscheinlich, obwohl sie bisher eine erfolgreiche Schullaufbahn hinter sich hat. Fanny hat nämlich Down-Syndrom, also eine Genommutation, die mit einer sogenannten geistigen Behinderung (der korrekte Begriff ist heute intellektuelle Beinträchtigung) einhergeht. Damit ist sie eines von über 28.000 Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die Österreichs Pflichtschulen besuchen. Etwa 13.000 davon werden in Sonderschulen unterrichtet, 15.000 in Integrationsklassen in Volksschulen, Hauptschulen, Kooperativen Mittelschulen (KMS) und Polytechnischen Lehrgängen.

Nach der Volksschulzeit können sich Eltern entscheiden, ob sie ihre Kinder lieber in eine Sonderschule oder in eine integrative Klasse einer "normalen" AHS-Unterstufe oder Hauptschule oder KMS geben wollen. Man sollte vielleicht besser sagen: Sie haben das theoretische Recht, sich frei zu entscheiden. Ob sie auch die Lehrer, Schulleiter und Behörden von diesem Rechtsanspruch überzeugen können, steht auf einem anderen Blatt.

Kämpfen um die integrative Ausbildung

"Ich habe so viel kämpfen müssen", erzählt Renate Seper. Ihr 25-jähriger Sohn hat eine intellektuelle Beinträchtigung und ist hyperaktiv. Eine Kombination, die viele LehrerInnen überforderte, berichtet sie. Oft würden Eltern auch wohlmeinende Ratschläge mitgegeben. "Ich kann gar nicht zählen, wie oft mir der Satz untergekommen ist: ‚Wollen Sie ihn nicht lieber in eine Sonderschule geben? Da hat er es besser‘".

Behinderte Jugendliche haben das Recht auf integrativen Unterricht während acht Unterrichtsjahren. Für das neunte Schuljahr gibt es Schulversuche an Polytechnischen Lehrgängen oder vereinzelt in meist einjährigen Fachschulen - oder die Möglichkeit, weiter eine Sonderschule zu besuchen. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, eine integrative Berufsausbildung, also eine Form der Lehrausbildung, zu absolvieren - allerdings nur für einen verschwindend kleinen Teil der Jugendlichen. 10 Plätze dafür stehen aktuell in ganz Wien in der freien Wirtschaft zur Verfügung. Zwar gibt es darüber hinaus viele Qualifizierungsprojekte und geschützte Arbeitsbereiche, in denen schwer vermittelbare junge Schulabgänger unterkommen können. Aber auch dort ist nicht genug Platz für alle behinderten Jugendlichen. "Wenn schon für die ‚normalen‘ Jugendlichen nicht genug Platz ist, bestehen für die behinderten wenig Chancen, aufgenommen zu werden", meint Seper.

"Den ganzen Tag ruhig in der Leseecke sitzen"

Viele Eltern sehen in der Sonderschule, deren Besuch jahrelang den typischen Bildungsweg von Kindern mit Behinderung darstellte, eine Sackgasse, die dem Kind weitere Entwicklung unmöglich macht oder erschwert. Das österreichische System hat sich zwar auf dem Papier der integrativen Bildung verpflichtet, aber dennoch besuchen immer noch viele Jugendliche mehr oder weniger freiwillig Sonderschulen, selbst wenn sie trotz ihrer Behinderung auch in regulären Schulen mit Integrationsklassen gut zurecht kommen würden.

Aber auch in den integrativen Schultypen gibt es Probleme. "Viele Klassen nennen sich Integrationsklassen, aber was darin stattfindet, ist das Gegenteil von Integration", berichtet Fritz Neumayer. Es seien zwar zwei LehrerInnen für die Betreuung der Kinder da, aber statt die Kinder einander näher zu bringen, würden sie getrennt. "Wenn man will, dass behinderte Kinder den ganzen Tag alleine ruhig in der Leseecke sitzen und Puzzles legen, hat das mit integrativem Unterricht nichts zu tun", kritisiert Neumayer. Oft würden die Jugendlichen auch gänzlich separat unterrichtet - wenn die räumlichen Gegebenheiten es nicht anders zulassen, "im vollgeräumten Geographiekammerl allein mit der Lehrerin". Oft sei bei Lehrenden auch die Haltung da: Wenn wir sie getrennt unterrichten, können wir sie besser fördern.

Der Schock kommt nach der Volksschule

Der Schock kommt für Eltern mit Kindern, die besondere Aufmerksamkeit brauchen, meistens nach den Volksschuljahren. Besonders in der Sekundarstufe Eins haben LehrerInnen oft zu wenig Zeit und Kraft für die Einbindung der behinderten Kinder; auch in der Lehrer-Ausbildung hat das Thema nur einen minimalen Stellenwert. Es fehlt an einer gemeinsamen Grundausbildung, die für eine Arbeit im integrativen Bereich befähigt. "Oft ist es so, dass unsere Kinder nicht ins System passen, aber das System hat keinen Ehrgeiz, sich den Kindern anzupassen", meint Neumayer. Dass es auch anders geht, wusste die Familie nach der Volksschulzeit, in der Fanny "das Glück hatte, eine ganz großartige Schule zu besuchen". Engagierte LehrerInnen und ein flexibles Schulmodell ermöglichten Integration, wie sie sein sollte. "Und gerade weil wir nach der Volksschule wussten, wie es funktionieren kann, waren wir danach umso unzufriedener", so Neumayer.

Wer denkt, dass mit dem Kampf um den richtigen Schulplatz die Mühen ein Ende haben, wird bald ernüchtert feststellen: Die richtige Herausforderung ist der Übergang von der Schule in den Arbeitsmarkt. Renate Seper wollte ihrem Sohn seinen Traum von einer Lehrstelle als Gärtner ermöglichen. "Er musste also raus aus der Schule - und ich dachte blauäugig, da wird uns schon jemand weiterhelfen". Keiner wollte ihren Sohn aufnehmen. "Bevor er zu Hause sitzt und nichts tut, habe ich ihn eben eine Beschäftigungstherapie machen lassen", berichtet die Mutter. Nach langen Gesprächen und vielen Terminen gelang es ihr, die Stadt Wien zur Schaffung einer integrativen Stelle für ihren Sohn zu überreden. Heute ist er das, was er immer sein wollte: Gärtner. "Und er ist so glücklich damit", erzählt Seper.

Fehlende und unzureichende Beratung

Sie fürchtet, dass nicht alle so einen langen Atem haben. Wie viele behinderte Jugendliche, fragt sie sich, fallen nach der Pflichtschulzeit aus dem System und verbringen den Rest ihres Lebens damit, "zu Hause zu sitzen und aus dem Fenster zu sehen?" Eine schwierige Frage, meint Petra Pinetz, denn es gebe keine Daten darüber. Pinetz ist Mitarbeiterin von "Integration Wien", Neumayer und Seper sind Vorstandsmitglieder des Vereins. "Integration Wien" bietet der Eltern von behinderten Jugendlichen Beratung, Unterstützung und längerfristige Begleitung an. "Viele Eltern kommen erst zu uns, wenn sie schon sehr verzweifelt sind, von verschiedenen bürokratischen Stellen hin und her geschickt wurden und keinen Ausweg mehr wissen", berichtet Pinetz, die die Beratungsstelle für (vor-)schulische Integration leitet.

Fehlende und unzureichende Beratung sei eines der größten Probleme, erzählt sie. Eine Schwachstelle des Systems sei die Berufsschule, wo entsprechende Kompetenzen der LehrerInnen häufig fehlen und ein individualisierter, differenzierter Unterricht nicht umgesetzt werden könne. "So kann das natürlich nicht klappen", meint die Expertin. Was sie sich von der Politik wünsche? "Da kann es nur eine Antwort geben, eine Schule für alle. Und dass im Pflichtschulbereich niemand mehr sagen darf: ‚Dieses Kind da nehmen wir nicht‘." Außerdem sei die Weiterführung der schulischen Integration auf der Sekundarstufe Zwei eine wichtige Forderung, damit alle Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr ein Recht auf adäquate Bildungsangebote haben.

"Was soll ich meiner Tochter sagen?"

Die Eltern schließen sich der Leiterin der Beratungsstelle an. "Wenn meine Tochter mitbekommt, dass eine Schule sie nicht haben will, und mich fragt, ob das ist weil sie Down-Syndrom hat - was soll ich ihr dann bitte sagen?", fragt Neumayer. "Ich will, dass sie bestmöglich ausgebildet wird; dass sie in ihrem Rahmen eine möglichst hohe Selbstständigkeit erlangt", wünscht sich der Vater. "Es gehört zum guten Ton, dass offiziell betont wird, dass man behinderte Menschen einbinden will, mitmachen lassen will. Aber sobald es um Geld oder um andere Investitionen geht, will das niemand mehr, das ist nur Fassade", resümiert Renate Seper. (Anita Zielina, derStandard, 19.8.2009)

Info

Der Verein "Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen - Integration Wien" setzt sich seit Mitte der 1980er Jahre für die Anliegen von Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung ein. Ziel des Vereins war und ist es, die gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung und deren Familien in allen Bereichen des täglichen Lebens einzufordern, und bei deren Umsetzung zu unterstützen.

Angebote des Vereins:
Beratungsstelle für (vor-)schulische Integration, Projekt Elternnetzwerk, Projekt Freizeitassistenz, Projekt pädagogische Assistenz, integrativ geführte Wohngemeinschaft, ambulante Wohnbegleitung, Herausgabe eines Rundbriefes

Adresse und Standort:
Integration Wien
Tannhäuserplatz 2/1.Stock
A-1150 Wien
Tel.: 017 789 26 42
E-Mail: info@integrationwien.at
Homepage: www.integrationwien.at

  • "Wenn man will, dass behinderte Kinder den ganzen Tag alleine ruhig in
der Leseecke sitzen und Puzzles legen, hat das mit integrativem
Unterricht nichts zu tun", kritisiert Fritz Neumayer, Vater der Kleine Fanny.
    foto: derstandard.at/zielina

    "Wenn man will, dass behinderte Kinder den ganzen Tag alleine ruhig in der Leseecke sitzen und Puzzles legen, hat das mit integrativem Unterricht nichts zu tun", kritisiert Fritz Neumayer, Vater der Kleine Fanny.

  • Fannys größter Wunsch: Ein Platz im "Günasium".
    foto: privat

    Fannys größter Wunsch: Ein Platz im "Günasium".

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