Die Puppen erwachten zum Leben

19. August 2009, 19:23
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Im Namen der gesamten Schönheitsindustrie, ihrer diverser Weißkittel-TrägerInnen und des frauenverachtenden Geistes – Amen. Susan Faludi machte bereits 1993 in ihrem Buch "Backlash" auf die Gefahren des Schönheitswahns aufmerksam

"Eine Frau in San Francisco ... starb 1989 an einer Infektion als Folge einer Liposuktion am Bauch; die Infektion breitete sich ins Gehirn aus, die Frau erlitt einen Lungenkollaps und am Ende einen tödlichen Schlaganfall". Das ist nur einer von vielen Fällen, die Susan Faludi in ihrem Buch "Backlash. Die Männer schlagen zurück" als Beleg für die enormen Risiken von sogenannten Schönheitsoperationen anführt. Innerhalb von nur fünf Jahren seien alleine in Folge von Fettabsaugungen elf Frauen in den USA gestorben. Die tatsächlichen Zahlen seien schon damals weitaus höher gewesen, da die Familien der Patientinnen aus Schamgefühl über diese "Eitelkeits-OP" von einer Anzeige abgesehen hätten.

Heute, zwanzig Jahre später, gehören kosmetische Eingriffe beinahe schon zum Alltag der AmerikanerInnen. 2008 rangierte die Brustvergrößerung mit 355 672 Eingriffen auf Platz eins. Dicht gefolgt von der Liposuktion (Fettabsaugung) und der Lidkorrektur mit 200 000 Fällen. Platz vier belegen 150 000 Nasenkorrekturen und Bauchdeckenplastik. Und non-invasive Behandlungen wie Botox-Spritzen oder Haarentfernungen per Laser wurden im Vorjahr 2,5 Millionen Mal durchgeführt. Im Vergleich dazu finden in Österreich jährlich zwischen 70 000 und 80 000 kosmetische Operationen statt.  An der Spitze stehen Lidkorrekturen, Brustimplantate - die meisten lassen sich 20- bis 29-Jährige einsetzen -, Fettabsaugungen und Botox. Laut einer Umfrage vom Herbst 2008 können sich 80 Prozent der unter 30-Jährigen eine Schönheits-Op vorstellen.

Schlachtfeld Frauenkörper

Die amerikanische Journalistin und Autorin hat im Kapitel "Schönheit und Gegenschlag" des oben genannten Buches die soziopolitischen Zusammenhänge zwischen den Emanzipationsbewegungen der Frauen - speziell ab den 1970er-Jahren - und den patriarchal-kapitalistischen Konstruktionen von Schönheitsnormen und ihrer Durchsetzung aufgedeckt. Der Feldzug gegen die Natürlichkeit des weiblichen Körpers und seinen biologischen Alterungsprozess habe ausgehend von den USA in voller Stärke in den 1980er-Jahren eingesetzt. Für Faludi ist das alles andere als ein Zufall und könne ihrer Meinung nach als direkter Gegenschlag gegen die Erfolge der Frauenbewegung in den 70ern gesehen werden. "In Gegenschlagszeiten läuft die Schönheitsnorm mit der gesellschaftlichen Kampagne gegen eigensinnige Frauen zusammen und verbündet sich mit der 'traditionellen Moral'", schreibt sie und verweist auf eine unzählige Reihe von Auffälligkeiten.

Als die Frauen in den USA und in Europa begonnen hatten, in die verschiedenen Berufe zu strömen, "Karriere" zu machen und das alleinige Dasein als Hausfrauen und Mütter zu hinterfragen, brachen kurze Zeit darauf die Umsätze der Kosmetikfirmen ein. Die Profite der Firma Revlon beispielsweise waren 1982 - erstmals seit 1968 - um 40 Prozent gesunken, gibt Faludi an.Doch der Markt reagierte auf das Karrierestreben der Frauen mit einer entsprechenden Strategie. "Zahlt Ihr Gesicht den Preis für Ihren Erfolg?", fragte eine Nivea-Anzeige 1988, auf der eine Frau im Business-Anzug mit Aktentasche und Kleinkind auf dem Arm zu sehen war. Und die Zeitschrift Mademoiselle warnte: "Beruflicher Stress kann sich auf Ihren Teint auswirken!" Einschlägig hieß es jetzt überall: Der berufliche Fortschritt der Frauen habe ihr Äußeres zum Nachteil verändert. Während die Ängste vor steigender Unattraktivität, die sich laut Werbemacher wiederum negativ auf die Jobchancen auswirken würden, geschürt und die "Rückkehr zur Weiblichkeit" prolongiert wurde, hoffte die Kosmetikbranche auf steigende Umsätze.

"Verjüngung" um jeden Preis

Als besonderer Schachzug erwies sich dabei das Spiel mit der "tickenden biologischen Uhr". "Verjüngung" um jeden - auch finanziellen - Preis: Ingredienzien aus Schafplazentas, Rinderembryos und sogar menschlichem Plazenta-Protein wurden eingesetzt, um Gesichter und Körper zu straffen sowie Busen zu vergrößern, zumindest versprachen das die Texte auf den Verpackungen. "Frühzeitiges Altern" war zum Albtraum mutiert, dessen Realisierung den hart erkämpften Job kosten bzw. die Chancen darauf reduzieren könnte. Mit Sätzen wie "Beugen Sie vor, schützen Sie sich" wurde den Frauen suggeriert, sie hätten die Kontrolle über ihr Aussehen und sie könnten der Angst vor dem Altern selbst zu Leibe rücken.

Die Rechnung der Profiteure ging - wenn auch zaghaft - auf. 1985 zeigten sich bei einer Umfrage des Kosmetikhersteller-Verbandes fast 100 Prozent der Kundinnen über drohende Falten besorgt, deutlich mehr als noch einige Jahre davor. Ein Jahr später waren die jährlichen Hautcreme-Umsätze binnen fünf Jahren - auf 1,9 Milliarden Dollar - verdoppelt.

"Schönheit" durch das Messer

Gleichzeitig wurde die Werbung für "ästhetische" Chirurgie aggressiver. Susan Faludi schreibt, dass sich die Anzahl der Schönheitschirurgen in den USA zu Beginn der 80er-Jahre seit den 60er-Jahren verfünffacht hatte und diese Ärzte Arbeit suchten: "Der Enthusiasmus potentieller Patientinnen hatte damit nicht Schritt gehalten". 1983 begann die American Society of Plastic and Reconstructive Surgeons die Werbetrommel zu rühren. Eine Flut an Pressemeldungen, Broschüren und Videos sollten dazu dienen, kosmetische Operationen als harmlos, unbedenklich und der psychischen Gesundheit jedoch äußerst zuträglich, ja sogar notwendig, darzustellen.

"Es gibt medizinische Beweise, dass diese Missbildung (kleine Brüste; Anm.) wirklich als Krankheit anzusehen ist", behauptete die Vereinigung. Denn "Flachbrüstigkeit" bewirke einen "völligen Mangel an Wohlbefinden". In Anzeigen traten die Chirurgen als "Retter" des weiblichen Selbstbewusstseins auf und stellten sogleich "kostengünstige" Finanzierungspläne für die OPs vor. Und wieder hieß es: Eine Brustvergrößerung würde der weiblichen Karriere förderlich sein: "Investieren Sie auf diese Weise in ihren Beruf!"

Auch diese Kampagne ging voll auf. Bereits fünf Jahre später hatte sich die Zahl der kosmetischen Eingriffe in den USA mehr als verdoppelt. Die offizielle Zahl für 1988 waren 750 000, Faludi spricht von Schätzungen bis zu 1,5 Millionen. Oder anders ausgedrückt: jede 60. Frau in den USA trug bereits Brustimplantate."Das ist die einzige Möglichkeit einen Job zu kriegen; die Agenturen engagieren nur noch große Busen", erklärte Laurie Rothey 1988. Sie war die Assistentin des damals berühmtesten US-Modellierers von Schaufensterpuppen, Robert Filoso. Seine "Mädels" hätten keine Mängel, die würde er alle "ausmerzen", sagte er stolz beim Besuch Susan Faludis in seinem Atelier. Seine Puppen wären schöner, "femininer und beherrschter". "In den 70er-Jahren waren die Puppen immer nach außen gewandt, haben dauernd nach irgend etwas gegriffen. Jetzt ziehen sie sich in sich selbst zurück". Und genau das sollten auch die Frauen aus Fleisch und Blut tun, sich auf ihr Aussehen besinnen und nicht nach "der Welt da draußen" streben.

Diese Entwicklung war für Filoso ein bedeutender Fortschritt gegenüber den 70er-Jahren, in denen sich die Frauen um ihr Äußeres nur wenig gekümmert hätten. Damals wären "schöne Puppen" eine Provokation gewesen, die Frauen hätten gerufen: "Mein Gott! So könnte ich nie aussehen!" Heute dagegen könnten sie sagen, sie möchten so aussehen wie diese Puppen - und das sei möglich, sie müssten nur einen Operateur aufsuchen.

Die verhängnisvollen Folgen

Den Frauen wurde mehr und immer eindringlicher zu suggerieren versucht, sie seien - vor allem aufgrund ihrer Berufstätigkeit - behandlungsbedürftig. Nun wurde jeder Zentimeter des weiblichen Leibes auf "Unzulänglichkeiten" untersucht und für eben jede Stelle ein "Gegenmittel" kreiert. Vom Faltenelixier bis zur plastischen Operation gibt es seither Eingriffe (ein verräterisches Wort) , die "schön" oder "schöner" zu machen versprechen - von der Haarwurzel bis zur kleinen Zehe.

Nicht ohne weitreichende und ein-schneiden-de Folgen. Als ob es nicht schon reichen würde, dass Frauen aufgrund dieser Propaganda zu hören bekommen, nichts an ihnen sei von Natur aus okay und viele von ihnen davon psychisch Schaden nahmen und nehmen, die Krankmacher wirkten sich auch physisch in vielen Fällen verheerend aus: Antifaltenmittel enthielten Karzinogene, Säure-Peelings verbrannten die Gesichter, Silikon-Injektionen hinterließen schmerzhafte Kapselbildungen, Fettabsaugungen zogen schwere Komplikationen, Infektionen und sogar Todesfälle nach sich. Und Essstörungen breiteten sich epidemisch aus.

Das Handbuch "Die verhängnisvollen Folgen der plastischen Chirurgie", deckte die massenhaften "Kunstfehler" 1988 auf. Dabei wurde auch publik, dass die höchste Zahl aller misslungener Eingriffe Brustimplantate betrifft. Schmerzhafte Verhärtungen der Brüste, Ablösung des Brustgewebes, Schrumpfungen des Narbengewebes, Infektionen, Hautnekrose, Blutgerinnsel wurden genauso häufig genannt wie toxische Reaktionen und Lupus, rheumatische Arthritis und Autoimunerkrankungen bis zu Krebs im Falle des Platzens der Implantate.

Bei der Fettabsaugung war es nicht viel anders: Ausbeulung der Haut, Ödeme, Perforation des Darms bei Bauchfettentfernung, Infektionen, Lungenfett-Embolie und Tod durch Totalinfektion oder Fettembolien in Herz, Lunge oder Hirn. Doch all diese Ergebnisse wurden - und werden zum Teil auch heute noch - von den Verantwortlichen verharmlost.

"Der Wandel war also durch Publicity, nicht durch bahnbrechende Neuerungen der medizinischen Technologie bedingt. Die plastische Chirurgie war gefährlich wie eh und je, das Operationsrisiko stieg sogar noch, als die großen Profite Scharen von Ärzten anderer Fachrichtungen anlockten", schreibt Susan Faludi. Daran hat sich in den letzten zwanzig Jahren nur wenig verändert. Und doch steigt der weibliche Wille, sich im Namen der Schönheit unters Messer zu legen jährlich an. "Die schöne Frau des Gegenschlags" lässt sich also noch immer beherrschen, ihren Körper bändigen, ihre Erscheinung zähmen. So wie das Susan Faludi bereits Anfang der 90er-Jahre durchschaut hat.
(Dagmar Buchta/dieStandard.at, 19.08.2009)

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    "Die Puppen erwachten zum Leben, während die Damen Äther einatmeten und sich unters Messer begaben".

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