Hugo Loetscher
1929-2009

19. August 2009, 12:20
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Der Schweizer Autor starb nach einer Herzoperation

Zürich - Früh schon lernte Hugo Loetscher, dass einer wie er "immer ein Buch mehr gelesen haben muss" als die anderen. Es war dies ein höhnischer Rat, den ein Kontrolleur dem jungen, schwarzfahrenden Gymnasiasten, der sich später mit Aushilfsjobs das Studium der Politikwissenschaft und der Literatur in Paris verdienen würde, mit auf den Weg gab.

Dass er besser sein musste als die anderen, hatte Loetscher allerdings länger schon gewusst, denn der Sohn eines Schweizer Mechanikers und einer Mutter aus Schwaben stammte, wie er in Interviews immer betonte, vom linken Sihlufer. Das heißt, er wuchs in einem Zürich fern der "Goldküste" oder der besenreinen Innenstadtgebiete auf. Er kam von da, wo einst der Schlachthof stand, das Siechenhaus und der Güterbahnhof.

Es deutete zunächst wenig darauf hin, dass es den jungen Mann dann vom Sihlufer, von dem er als Kind segellose Holzscheite auf die Fahrt ins Ungewisse losschickte, im Verlauf seines Lebens als Schriftsteller, Essayist und wacher Beobachter des menschlichen Zusammenlebens an den Nil, den Amazonas, nach Griechenland, Taipeh und New York spülen würde. Denn schnell fasste er als Publizist und Literaturkritiker bei Du und bei der Weltwoche - bei der er von 1964 bis 1969 zuerst Feuilletonredakteur und dann Mitglied der Chefredaktion war - Fuß, bevor er kündigte, um freier Schriftsteller zu werden.

Im Herzen blieb der Vielgereiste und immens belesene Loetscher, auch als etablierter Autor von Romanen wie Der Immune oder der Geschichtensammlung Der Waschküchenschlüssel oder Was - wenn Gott Schweizer wäre ein Leben lang ein "Secondo", ein Nichtdazugehöriger, einer von drüben, vom anderen Sihlufer.

Trotz langer Aufenthalte im Ausland war Loetscher wie sein Freund Dürrenmatt (mit dessen Witwe Charlotte Kerr er sich stritt, weil sie durch einen Loetscher-Text ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sah) einer, der nicht nur die Welt, sondern auch die Schweiz zu seinem Fall machte.

Zürich war für Loetscher ebenso eine Stadt zum Verlassen wie zum Zurückkehren, und in seinem neuen Buch, der "Autogeographie" War meine Zeit meine Zeit, die im September bei Diogenes erscheinen wird, spannt er noch einmal den Bogen von der weiten Welt zu seinem Zürich, wo er am Dienstag 79-jährig nach einer Herzoperation starb. (Stefan Gmünder / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.8.2009)

 

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    Einer vom anderen Sihlufer: Hugo Loetscher

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