Künstler müssen Plattenfirma weichen

18. August 2009, 20:42
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Preiser Records mietet Baumgartner Casino in Wien-Penzing - Räumungsklage gegen Besetzung eingebracht

Wien - Volle Aschenbecher und leere Bierdosen: Dieser Teil der Szenerie erinnert durchaus an eine Hausbesetzung, wenn man das Baumgartner Casino in Wien-Penzing betritt. Künstler Thomas Fritsch, für den die historischen Gemäuer zum Sommer-Refugium geworden sind, spricht aber von einer „Behängung, nicht von einer Besetzung": Gemälde im Wert von mehreren tausend Euro, sagt er, hätten mittlerweile ihren Weg in den historischen Konzertsaal gefunden. „Wir schützen damit das Casino vor dem Abbruch."
Dabei stand das laut den roten Stadtverantwortlichen gar nie zur Diskussion. Das Gebäude, das dem Verband Wiener Arbeiterheime (VWA) gehört, hat mit dem Wiener Musiklabel Preiser Records seit 1. August einen neuen Pächter und wird generalsaniert, gab VWA-Generaldirektor Helmut Laska am Dienstagabend bekannt.

Vorher müssen noch die Künstler aus dem Baumgartner Casino hinausbugsiert werden. „Die Hausverwaltung hat die entsprechenden Mittel ergriffen", sagt Laska - das heißt im Klartext: Räumungsklage. Wann es so weit sein wird, das haben nun die Gerichte zu entscheiden. Fritsch und seine Künstlerkollegen berufen sich hingegen auf eine mündliche Vereinbarung über die Nutzung des Gebäudes für ein Sommeratelier, abgeschlossen mit der vormaligen Pächterin. „Gekommen um zu bleiben", hat einer von ihnen auf ein desolates Fenster gemalt.

Ende Juli endete der Vertrag mit der Pächterin des Gasthauses. Aber in den vergangenen Jahren fehlte dem Baujuwel vor allem eines: ein Nutzungskonzept, und damit auch die entsprechenden Bemühungen um das Gebäude. „Die Löcher haben wir gestopft", sagt Laska, „aber es gab in den letzten Jahren keine Komplettsanierung". Also tritt Wasser in den großen Saal ein, der Stuck bröckelt von der Decke, und der Parkettboden ist schon mehr grau als braun.
Das soll sich nun ändern. Der VAW übernimmt die Sanierung von Dach, Fassade, Saal und Sanitäranlagen, während sich Preiser Records um die Gastronomie kümmert und dafür auch einen Pächter sucht. Was das kosten wird, ist laut Laska noch offen.

Interessant sind die alten Gemäuer für Preiser vor allem wegen des analogen Röhren-Tonstudios, das 1965 dort eingebaut wurde. Es ist eines der letzten seiner Art und daher „ohne Übertreibung ein Weltkulturerbe", wie Nikolaus Kraft vom Verein Analog Austria meint, der sich für die Erhaltung und behutsame Reaktivierung des Studios einsetzt. Von Friedrich Gulda über Helmut Qualtinger bis zu den Wiener Philharmonikern haben schon viele Musikgrößen den Konzertsaal mit seiner einzigartigen Akustik als überdimensionalen Aufnahmeraum genutzt. Unzählige Meter an Röhren führen von dort aus ins Studio.
Laut dem vorliegenden Konzept soll das Musiklabel versuchen, Künstler, die im Studio aufnehmen, auch für Konzerte zu gewinnen. Die Räumlichkeiten sind weiterhin mietbar, ob für Kulturveranstaltungen oder Mieterversammlungen - einzige Auflage: Die Substanz des Casinos darf dabei nicht beschädigt werden.(Andrea Heigl, DER STANDARD Printausgabe, 19.08.2009)

  • Thomas Fritsch in seinem Sommer-Refugium in Wien-Penzing. Ihm steht nun eine Räumungsklage ins Haus.

    Thomas Fritsch in seinem Sommer-Refugium in Wien-Penzing. Ihm steht nun eine Räumungsklage ins Haus.

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