Der Hacker, der auf die dunkle Seite wechselte

18. August 2009, 19:58
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Albert Gonzalez, Geheimdienst-Informant und Datendieb

Nicht erst seit Dr. Jekyll und Mr. Hyde fasziniert das Yin und Yang von Gut und Böse. Bei Tag guter Hacker für den Secret Service der Vereinigten Staaten, bei Nacht böser Hacker und Kreditkartendieb: Wenn es nach den US-Behörden geht, ist Albert Gonzalez beides.

Der 28-jährige Mann aus dem US-Bundesstaat Florida erledigte schon viele IT-"Jobs". Mit den selbst erworbenen Programmierfertigkeiten soll sich der High-School-Absolvent ohne universitäre Ausbildung zu einem der führenden Köpfe eines "Shadowcrew" genannten Hackerrings hochgearbeitet haben, unter illustren Pseudonymen wie "segvec", "soupnazi", "Cumbajohnny" und "j4guar17".

2003 wurde Gonzalez zum ersten Mal verhaftet; um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, lief er zum Secret Service über und spionierte Online-Genossen statt Kreditkartendaten aus. Mit den Informationen konnte der Secret Service, der nebst dem US-Präsidenten auch das US-Finanzsystem schützen soll, "Shadowcrew" zerschlagen, 26 Personen wurden zu Haftstrafen verknackt. Nur Gonzalez, der geheime Doppelagent, ging frei und spielte auf beiden Seiten der dünnen Linie, die legale von illegalen Hackern trennt. Neben Informationen für den Secret Service soll er auch frühere Kumpels vor bevorstehenden Aktionen gewarnt haben.

Seine Herkunft aus einer "hart arbeitenden Familie, die in die Kirche geht", wie sein Anwalt ins Treffen führt, zeigte sich jedoch allenfalls in der Ausdauer, nicht im Betätigungsfeld: Insgesamt 170 Millionen Kreditdaten soll "soupnazi" mit den unbekannten russischen "Hacker 1" und "Hacker 2" innerhalb von zwei Jahren gestohlen haben. Harte Arbeit bei Tag, um Zahlungsabläufe von Supermärkten vor Ort auszuspionieren, und harte Arbeit bei Nacht, um in die Computersysteme der Firmen unbemerkt einzubrechen. Harte Arbeit auch, als zwischendurch zum Zählen von 340.000 Dollar in 20-Dollar-Banknoten einmal seine Geldzählmaschine ausgefallen war. Zum Ausgleich wusste Gonzalez zu feiern und gönnte sich eine Geburtstagsparty um 75.000 Dollar.

Jetzt erwarten Gonzalez, der seit Mai 2008 in Untersuchungshaft sitzt, bereits drei Gerichtsverfahren: in New York, Massachusetts und New Jersey, wo die Anklage am Montag erhoben wurde. Die Staatsanwaltschaft spricht vom größten Datendiebstahl aller Zeiten. Der bisherige Oberhacker Kevin Mitnick alias "Condor", dessen Leidenschaft die Computer des Pentagon waren, könnte damit seinen Meister gefunden haben. (Markus Pachinger, DER STANDARD Printausgabe, 19.08.2009)

 

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