Andorra: Zwei Ko-Fürsten und ein Steuerparadies

18. August 2009, 20:14
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Der Zwergstaat kämpft gegen das Image der Steueroase und liebäugelt mit dem europäischen Binnenmarkt

Andorra la Vella / Wien - Nicolas Sarkozy gilt nicht als ein Mann, der sich freiwillig von Spitzenämtern trennt. Und so sorgte er im März für einiges Aufsehen, als er nach dem Motto "Inhalt vor Titel" damit drohte, nicht mehr Fürst sein zu wollen. Adressat der Ankündigung: Andorra. Streitpunkt: Die steuerparadiesischen Zustände in dem Pyrenäen-Zwergstaat zwischen Frankreich und Spanien. "Fürst Sarko droht mit Rücktritt", spöttelte Spiegel Online daraufhin.

Doch die Drohung war ernst gemeint: Als französischer Staatspräsident ist Sarkozy ganz offiziell der Ko-Fürst des Fürstentums - wenn auch nicht allein: Den Titel teilt er sich mit dem Bischof von Urgel, einer spanischen Kleinstadt in der Nähe. Der Wink aus Paris wirkte: Die Regierung will das Bankgeheimnis aufheben und in Steuerfragen kooperieren. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wird im Parlament diskutiert. Die Wirtschaftsorganisation OECD hat Andorra dafür von der schwarzen auf die so genannte "graue Liste" gesetzt.

Die neue sozialdemokratische Regierung unter Jaume Bartemeu, die seit Ende April am Ruder sitzt, hat die Anstrengungen noch einmal verstärkt, vom Image der Steueroase wegzukommen. Der EU war Andorra lange ein Dorn im Auge: Es gibt keine Erbschafts- oder Kapitalsteuer. Eine Einkommenssteuer soll erst eingeführt werden. Mehrwertsteuer gibt es seit 2006, sie beträgt vier Prozent.

Auch die EU-Annäherung treibt der Zwergstaat voran: Im Februar wurde in Adorra eine Studie präsentiert, die den Beitritt des Landes zum europäischen Binnenmarkt skizziert. Eine Mitgliedschaft im Europäischen Wirtschaftsraum sei "die realistischste und angemessenste Wahl" für Andorra, heißt es darin. Die Regierung setzt auf die Unterstützung Spaniens, das im nächsten Jahr den EU-Vorsitz hat. Madrid könne den Prozess "beschleunigen." Ein EU-Beitritt ist jedoch kein Thema: "Wir sind zu klein, um Mitglied zu werden. Wir haben nicht die notwendigen Ressourcen", sagte ein Regierungsmitarbeiter dem Standard.

Klein heißt in Zahlen: 468 Quadratkilometer Fläche, 83.000 Einwohner - davon sind aber nur rund 23.000 Staatsbürger Andorras. Der Rest kommt überwiegend aus Spanien, Frankreich, Portugal. Das Parlament hat 28 Sitze. Amtssprache: katalanisch. Tourismus ist einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren.

Die gemeinsame Oberhoheit von Frankreichs Präsidenten und dem Bischof von Urgel ist heute rein repräsentativer Art. Sie entstammt einem Kompromiss aus dem Jahr 1278 zwischen dem Bischof von Urgel und den Grafen von Foix, deren Rechtsnachfolger der französische Präsident ist; seitdem besteht das Fürstentum. 1993 erlangte das Land mit einer Verfassung, die per Volksabstimmung angenommen wurde, volle Souveränität.

Die fürstliche Rücktrittsdrohung Sarkozys ist übrigens kein Präzedenzfall: Schon ein Vorgänger des jetzigen Bischofs von Urgel drohte 1992 mit der Abdankung, sollte Andorra die Abtreibung legalisieren. Sie ist bis heute verboten.

Außerdem sei davor gewarnt, Rückschlüsse aus Max Frischs Drama "Andorra" auf den Kleinstaat zu ziehen: Sein Werk habe nichts mit dem Land zu tun, hatte der Schweizer Autor stets betont. (
Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2009)


  • Joan Enric Vives ist Bischof von Urgel und Ko-Fürst von Andorra.
    foto: ull.es

    Joan Enric Vives ist Bischof von Urgel und Ko-Fürst von Andorra.

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    Der Pont Pla-Tunnel führt von der Bergstadt La Massana nach Andorra la Vella

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