Roboter suchen nach mehr als 60 Vermissten

18. August 2009, 19:45
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Unfall im größten russischen Wasserkraftwerk - Arbeiter könnten in einer Luftblase überlebt haben

 Tscherjomuschki  - Bei der Suche nach den mehr als 60 Vermissten nach dem Kraftwerksunfall in Sibirien sind am Mittwoch auch Roboter eingesetzt worden. Zusammen mit Marinetauchern suchten sie in den überfluteten Bereichen des Kraftwerks von Sajano Schuschenskaja in eisigem Wasser nach möglichen Überlebenden. Allerdings gab es kaum noch Hoffnung.

Die einzige Chance bestehe noch darin, dass einige Arbeiter in einer Luftblase überlebt haben könnten, sagte der russische Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu. Bisher seien 12 Leichen gefunden worden, 15 Menschen konnten verletzt geborgen werden. Weitere 62 Arbeiter wurden am Mittwoch noch vermisst.

Versorgungsengpass mit Strom

Nach dem schweren Unfall vom im größten russischen Wasserkraftwerk droht nun in der betroffenen Region ein Versorgungsengpass mit Strom. Das Kraftwerk, das große Teile Sibiriens mit Strom versorgt, muss nach der Zerstörung von drei Turbinen für mehrere Monate abgeschaltet werden.

Nach Angaben von RusHydro, dem Betreiber des Kraftwerkes am Sajano-Schuschenskaja-Staudamm in Sibirien, drang am Montag Wasser in eine rund 100 Meter lange Turbinenhalle ein und überflutete diese. Das nur vier Grad warme Wasser des Jenissei stehe in der zerstörten Turbinenhalle 20 Meter hoch.

Wohngebiete nicht bedroht

Entwarnung gab der russische Energieminister Sergej Schmatko für die Anwohner des Kraftwerkes. Er versicherte, dass der Staudamm unbeschädigt sei. "Wir können ruhigen Gewissens sagen, dass die Wohngebiete nicht bedroht sind", sagte Schmatko. Zuvor hatten hunderte Bewohner ihre Häuser fluchtartig verlassen.

Ursachensuche

Unklar ist nach wie vor, wie es zum Eindringen des Wassers gekommen ist. RusHydro vermutete zunächst einen Wasserschwall, der den Druck in einer Pipeline so erhöht habe, dass diese gebrochen sei. Allerdings hätten die Messinstrumente keinen Wasserschlag aufgezeichnet. Man gehe deshalb derzeit davon aus, dass ein Turbinendeckel abgerissen sei, sagte Alexander Toloschinow, Vorstandsmitglied der RusHydro. Das Untersuchungskomitee hält aber auch die Explosion eines Transformators als Unglücksursache für möglich.

Wasserkraftwerk lief nicht auf Höchstleistung

Zum Zeitpunkt des Unfalls waren neun der insgesamt zehn Turbinen im Betrieb. Laut einem RusHydro-Sprecher lief das Wasserkraftwerk nicht auf Höchstleistung. Bei der Tragödie lag seine Leistung bei 4,3 Millionen kW. Die maximale Leistung beträgt 6,4 Millionen kW. In einer Mitteilung vom 11. August hieß es allerdings, dass das Kraftwerk mit Rekordkapazitäten arbeite, da der Jenissei heuer um zehn Prozent mehr Wasser führe als in den vergangenen Jahren.

Veraltete Infrastruktur

Laut Experten ist der Unfall symptomatisch für die marode russische Infrastruktur. "Der Unfall hat einmal mehr den schlechten Zustand der Infrastruktur und die fehlenden Investitionen im Sektor aufgezeigt", schrieben die Analysten der russischen Investmentbank VTB Capital. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde lange nicht in die Infrastruktur investiert. Das Kraftwerk ging 1978 in Betrieb.

Nach der menschlichen Katastrophe folgt nun auch die wirtschaftliche: Russische Analysten gehen nämlich nun davon aus, dass als Folge des Unfalls die Strompreise in Sibirien steigen werden. Dmytro Konowalow, Analyst von UniCredit in Moskau, erwartet kurzfristig einen Preisanstieg von bis zu 30 Prozent, da der Ersatzstrom von Kohlekraftwerken teurer ist.

Reparaturarbeiten könnten zwei Jahre dauern

Das Unternehmen RusHydro, das mehrheitlich im Besitz des Staates ist, bezifferte seine Verluste auf rund 33 Millionen Euro monatlich. Dazu kommen die Reparaturarbeiten an den Turbinen. Wassilij Subakin, Vizechef von RusHydro, rechnet damit, dass es bis zu zwei Jahre dauern wird, bis die beschädigten Turbinen komplett ausgewechselt sind. Die Reparaturkosten werden auf bis zu 700 Millionen Euro geschätzt.

Vom Ausfall des größten Wasserkraftwerkes sind auch zahlreiche Großabnehmer im Süden des Kusnezk-Beckens betroffen. Rusal, der Aluminiumkonzern von Oleg Deripaska, rechnet damit, dass die Aluminiumproduktion aufgrund des Stromengpasses um 500.000 Tonnen jährlich sinken könnte. Dies entspricht 1,5 Prozent der weltweiten Jahresproduktion. (Verena Diethelm aus Moskau, DER STANDARD Printausgabe, 19.08.2009)

 

  • Das vier Grad kalte Wasser stand in der Kraftwerks-halle bis zu 20 Meter hoch, für die Vermissten gibt es kaum Hoffnung.
    foto: epa

    Das vier Grad kalte Wasser stand in der Kraftwerks-halle bis zu 20 Meter hoch, für die Vermissten gibt es kaum Hoffnung.

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