Darwins Musen in Gefahr

18. August 2009, 19:36
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Nur mehr etwa 100 Mangrovefinken findet man auf den Galápagos-Inseln - Tierische Einwanderer - vor allem Ratten - machen ihnen das Leben schwer

Dank umfassender Schutzprojekte gibt es nun aber wieder Hoffnung für die stark gefährdeten Singvögel.

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Wohl keine Inselgruppe der Welt ist in den Köpfen von Naturforschern und -liebhabern so fix verankert wie die Galápagos-Inseln. Und das nicht nur, weil die dort lebenden Darwinfinken im Ruf stehen, ihren Namensgeber auf die Idee mit der Evolution gebracht zu haben (siehe Artikel unten). Auch ganz ohne Darwin wären sie etwas Besonderes: Die rund 1000 Kilometer vor der Küste Ecuadors gelegenen und 1535 zufällig entdeckten Inseln sind der letzte Archipel, der 95 Prozent seiner ursprünglichen und einzigartigen Artenvielfalt erhalten hat.

Doch auch die "Verzauberten Inseln" (Islas Encantadas), wie sie ursprünglich genannt wurden, sind nicht gefeit gegen die negativen Auswirkungen des menschlichen Fortschritts: Seit 2007 gehören die Galápagos-Inseln zu den gefährdeten Weltnaturerbe-Gebieten. Schuld daran ist der steigende Tourismus.

Während 1990 rund 40.000 Menschen den Archipel besuchten, waren es 2007 schon 145.000. Die geschätzten 63 Millionen Dollar, die sie ins Land brachten, bedeuten mehr Geld für Siedlungen und Infrastruktur, und das wiederum macht die Inseln attraktiv für Zuwanderer. Doch mit ihnen ebenso wie mit den Touristen kommen auch ungebetene Gäste: Mehr als 500 Tier- und rund 700 Pflanzenarten wurden seit der Erstbesiedlung der Inseln sowohl absichtlich - wie etwa Katzen oder Ziegen - als auch unwissentlich - wie Ratten und viele Insekten - eingeführt. Rund 100 davon stellen eine Gefahr für die einheimische Flora und Fauna dar.

Zu den Arten, die durch tierische Einwanderer massiv gefährdet sind, zählen auch die zu den Darwinfinken gehörenden Mangrovefinken (Camarhynchus heliobates). Die Vögel, die ausschließlich auf den Galápagos-Inseln vorkommen und dort vollständig auf Mangrovenwälder angewiesen sind, zählen zu den seltensten der Welt. Nichtsdestoweniger wurden ihre Populationsgrößen und Lebensweise bisher kaum untersucht.

"Der Bestand dürfte sich auf weniger als 100 Exemplare belaufen", schätzt die österreichische Biologin Birgit Fessl, die mit finanzieller Unterstützung der britischen Darwin Initiative auf der Charles Darwin Station in Galápagos seit drei Jahren an einem Schutzprojekt für die Art arbeitet. Partner sind der Nationalpark Galápagos und Durrell, eine englische Naturschutzvereinigung.

Fessl verfolgt den Bruterfolg der rund 50 vorhandenen Nester pro Jahr während zwei Saisonen und stellte zu Beginn fest, dass dieser extrem niedrig war: Nur fünf Paare brachten Nachwuchs hervor - insgesamt zehn Junge. Das ist zu wenig für ein dauerhaftes Bestehen der Art, auch wenn die Vögel mit zehn bis 15 Jahren ziemlich alt werden.

Nesträuber und Blutsauger

Als wichtigste Ursache des geringen Zuwachses identifizierte Fessl einen der ältesten Einwanderer: Ratten. Von den Lebendfallen, die die Forscherin während der ersten Brutsaison aufstellte, enthielt im ersten Jahr jede zweite eine Ratte. Als darauf Futterstationen mit Giftködern eingerichtet wurden, die nur für Ratten zugänglich waren, fand sich nur noch eine Ratte in 100 Fallen.

Versuche mit künstlichen Nestern in einem Mangrovenwald nahe der Neststandorte der Finken, in dem die Vögel aber nicht vorkommen, belegten die Mittäterschaft der Nager am Rückgang der Vögel: Zu Beginn des Projektes wiesen rund 80 Prozent der darin enthaltenen Plastilineier, die mit Eiweiß bestrichen wurden, Nagespuren durch Ratten auf. Zwei Monate nach der Ausbringung des Rattengiftes waren es nur noch 28 Prozent. Auch die echten Nester zeigen einen deutlichen Aufwärtstrend, seit die Ratten eingedämmt werden: Wurden vor der Bekämpfung 54 Prozent der Nester geplündert, waren es in der nächsten Brutsaison nur noch 30 Prozent.

Allerdings leiden die Vögel noch unter einem zweiten, viel kleineren Eindringling: der aus Brasilien und Trinidad stammenden Fliegenart Philornis downsi, die wahrscheinlich mit Lebensmitteln eingeschleppt wurde. Sie legt ihre Eier auf die nackten Vogeljungen, von deren Blut und Fleisch sich die daraus schlüpfenden Larven ernähren. Die Nestlinge werden dadurch stark geschwächt, viele sterben daran. Philornis parasitiert aber nicht nur an den Mangrovefinken, sondern an allen Darwinfinken- und anderen Singvogelarten in Galápagos. Kurzfristig sollen Pheromon-Fallen Abhilfe schaffen, für ein langfristig erwogenes Sterilisierungsprogramm für die Fliegen fehlt bislang die Finanzierung.

Trotz allem geht es den Mangrovefinken im Moment seit langer Zeit wieder besser: Seit der Rattenbekämpfung hat sich die Anzahl von erfolgreich brütenden Paaren verdoppelt. "Die Mangrovefinken sind sogar wieder ein bisschen in Ausbreitung begriffen", freut sich Fessl. Für die Zukunft ist geplant, einige Vögel in die Bucht von Cartago zu verfrachten.

Dort gibt es üppige Mangrovenwälder, aber die dortige Restpopulation von Mangrovefinken ist zu klein, um aus eigener Kraft zu überleben. Geht alles gut, ist sogar eine selbstständige Wiederbesiedlung der Galapágos-Insel Fernandina nicht ausgeschlossen. Dort gab es ursprünglich eine Population von Mangrovefinken - seit rund zehn Jahren sind sie dort aber nicht mehr anzutreffen. (Susanne Strnadl/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2009)

  • Die Mangrovenwälder auf den Galápagos-Inseln sind der einzige Lebensraum der Darwinfinkenart. Die Vögel zählen zu den seltensten der Welt.
    foto: dvorak; grafik: köck

    Die Mangrovenwälder auf den Galápagos-Inseln sind der einzige Lebensraum der Darwinfinkenart. Die Vögel zählen zu den seltensten der Welt.

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