Ein ganzes Dorf im Opiumrausch

18. August 2009, 19:00
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Im weltgrößten Produktionsland für Rauschgift sind auch viele Afghanen abhängig

Wenn sich die Tür zu Islam Begs Haus öffnet, quellen die Opiumschwaden heraus in die kühle Bergluft wie Wasserdampf. Kurz nach acht Uhr früh liegt die ganze sechsköpfige Familie schon um die Opiumpfeife herum. Beg raucht und reicht die Pfeife an Frau und Tochter weiter. Die Tochter bläst ihrem einjährigen Sohn Rauch in den Mund. Der Kleine verdreht die Augen. Ihre Gesichter sind eingefallen, das Haar verfilzt, sie riechen streng.

In vielen abgelegenen Bergdörfern in Afghanistan wie Sarab sind ganze Familien abhängig, vom Großvater bis zum Enkel. Die Sucht springt von Haus zu Haus und ergreift ganze Dorfgemeinschaften. Vor Jahren noch war eine Familie betroffen, heute ist es mindestens die Hälfte der 1850 Einwohner von Sarab.

Fast die gesamte Weltproduktion des Heroin-Grundstoffs Opium kommt aus Afghanistan. Das meiste wird exportiert, doch es bleibt genug, um den Teufelskreis der Sucht in Gang zu bringen. Mindestens 200.000 Menschen in dem vom Krieg zerrütteten und bitterarmen Land, dessen Bevölkerung jetzt zu Präsidentenwahlen aufgerufen ist, waren nach UNO-Zahlen von 2005 abhängig; inzwischen dürften es deutlich mehr sein.

Der traditionell enge Zusammenhalt macht die Sucht zur Familiensache: Die Mutter macht es der Tochter vor, der Vater dem Sohn. Bis auf ein paar schmutzige Matten ist Begs Haus leer. Er hat alle Habe versetzt. "Ich schäme mich, was aus mir geworden ist", sagt der 65-Jährige.

Schafherde verkauft

Begs Familie besaß viel Land in dem Weiler an einem Flusslauf in einem engen Tal der Provinz Badakhshan. Er hatte einmal 1200 Schafe. Nach und nach stieß er sie ab, um Opium zu kaufen. Die Grundstücke folgten. Das geräumige, einst mit Teppichen ausgelegte Haus wurde zur staubigen Höhle. Auf seinem letzten Feld baut er Kartoffeln an und muss bei jeder Ernte entscheiden, ob die Kinder Essen bekommen oder er seinen Stoff. Meistens gewinnt der Stoff. Grundbedarfsmittel wie Seife sind längst auf der Strecke geblieben.

Suchtkliniken gibt es wenige und nur in Städten, weit weg von Orten wie diesem. Die nächste Klinik von Sarab aus hat 2000 Menschen auf der Warteliste und nur 30 Betten. So versinken die Dorfbewohner im Opiumrausch. Meistens fängt es damit an, dass sie es als Schmerzmittel nehmen.

Von Sarab, 2438 Meter hoch gelegen und im Winter drei Monate eingeschneit, ist es ein Tagesmarsch über Gebirgspfade bis zum nächsten Krankenhaus. Im Dorf gibt es nicht einmal Aspirin zu kaufen. "Opium ist unser Doktor", erklärt Beg. "Wenn der Bauch wehtut, rauchst du. Dann nimmst du ein bisschen mehr. Und noch ein bisschen. Und dann bist du abhängig." (Rukmini Callimachi/AP/DER STANDARD, Printausgabe, 19.8.2009)

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